Print_Frank Miller - Sin City #1: Stadt ohne Gnade

Gefährlich ist’s, den Marv zu wecken

Vernarbt, zerschrammt, am Rande des Wahnsinns und zu allem entschlossen: Der unvergessliche Marv nimmt uns mit in die Hölle von Basin City, der Stadt ohne Gnade …    08.08.2005

"Die Nacht ist teuflisch heiß. Alles klebt. Ein lausiges Zimmer in einem lausigen Teil einer lausigen Stadt. Die Klimaanlage ist ein scheppernder Schrotthaufen. Ich starre eine Göttin an. Sie sagt, sie will mich. Ich verschwende keinen Gedanken an die Frage, womit ich solches Glück verdiene."

 

Marv, Schlägertyp mit Narbengesicht, dem sich sonst keine Braut dieses Kalibers an den Hals wirft, hätte an diese Frage mal besser ein paar Gedanken verschwendet. Der blonden Göttin Fragen gestellt. Antworten gefordert. So bleibt nach der heißen Nacht nur Goldies kalte Leiche in seinem Bett. Und der Sprung aus dem Fenster: Auf der Flucht vor der Polizei, die ihn wegen des Mordes an Goldie sucht. Auf der Jagd nach dem wahren Mörder. Denn auch wenn Marv eher schlicht gestrickt ist und seinen Sinnen ohne Psychopillen nicht ganz trauen kann: Goldie hat er nicht auf dem Gewissen. Auf der Suche nach den Gründen für Goldies Tod stampft Marv wütend durch den Müll und Abschaum von Basin City. Unaufhaltsam, denn alles, was er je hätte verlieren können, hat er bereits verloren.

"Sin City" ist Frank Miller in Höchstform, ein tiefschwarzer Superhelden-Comic, in dem es keine Superkräfte oder Superschurken gibt, keine Capes und Kostüme, und auch keine Moral. Nur Abfall, Zigaretten, Drinks, Marvs Trenchcoat, seine Wumme "Gladis" und harte Schwarzweiß-Zeichnungen. Mehr brauchte Frank Miller nicht, um seinen eigenen Meilenstein

"Batman - Die Rückkehr des dunklen Ritters" noch zu übertreffen. Der visuelle Erzählstil ist amtlich, die Panels könnten die Inhalte kleinerer Museen größerer Städte ersetzen. Die Stories sind schlicht, aber so düster und eigenwillig, daß sie nicht mehr von dieser Welt scheinen. Die deutsche Version von Cross Cult liefert eine stimmige Übersetzung, an der es nichts auszusetzen gibt. Positiv fällt im Vergleich zur älteren US-Version das Hardcover auf, negativ nur die Verkleinerung des Formats auf A5.

 

Die "Guten" in Sin City, das sind Verbrecher, Kriminelle und Mörder, die das Herz am rechten Fleck haben. Die "Bösen" unterscheiden sich nur durch das fehlende Herz, durch ihre Gier, ihre Macht, oder ihren Wahnsinn. Die Männer sind vereinzelt korrupt, häufig hart im Nehmen und stets skrupellos im Austeilen. Die Frauen ungeheuer sexy, gelegentlich falsch, oft bewaffnet und immer extrem gefährlich. Klar sind das Klischees, doch aus denen hat Miller durch Überzeichnung neue Archetypen herausgeprügelt. Gemütlich ist das nicht. Das Wörtchen "gewalttätig" sollte der Leser vor dem Aufklappen vergessen, denn im Buch geht es härter zu als in einem Meter Spillane. Konflikte enden tödlich, immer für einen, am Ende für alle, denn Happy Ends haben in der "Stadt ohne Gnade" keine Niederlassung.

Versprochen: Kein Fan von Noir-Stoffen, großer Comic-Kunst und finsteren Kämpfen wird diesen Band enttäuscht weglegen. "Sin City" entwirft in seinen ewig verregneten Gassen des städtischen Sündenpfuhls ein völlig eigenes Universum voller Verlierer, das den dreckigen Teil des Film Noir samt Hardboiled-Krimis inhaliert hat und ihn in konzentrierter, moderner Form wieder heraushustet – in mehreren kompromisslos nihilistischen Bänden, zu denen "Stadt ohne Gnade" der grandiose Auftakt ist. Frank Miller ist hier nicht mehr nur Autor und Zeichner in einer Person, er ist Gott, und zwar ein verdammt schlecht gelaunter. Und den Film müssen Sie sehen, denn er wird trotz einiger Schwächen als visuell genialste Comicadaption in die Geschichte eingehen - wegen Millers Comic. Weil der äußerst brutale und moralisch natürlich höchst fragwürdige Streifen aber drei Bände in einem Film durchhechelt, bleibt nur wenig Zeit für Marv. Und gerade den hätten wir alle gern als Kumpel, der uns in der Not aus der Scheiße haut, selbst wenn er dabei ein paar Schrammen kassiert. Nur gut, daß noch sechs weitere Bände in der Pipeline sind und Miller auf Chronologie pfeift ...

 

"Sie servieren mir ein anständiges Steak als Henkersmahlzeit und lassen sogar ein Bier dazu springen. Dann scheren sie mir den Kopf, verpassen mir eine Gummiwindel und kommen zur Sache. Wird verdammt noch mal Zeit, wenn ihr mich fragt."

Andreas Winterer

Frank Miller - Sin City #1: Stadt ohne Gnade

ØØØØØ

(Sin City #1: The Hard Goodbye)


Cross Cult (D 2005)

 

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