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Schmauchspuren #8

Alle kommen sie zurück: Sherlock Holmes, Jack the Ripper, der Auftragskiller Quarry, der australische Berufsverbrecher Wyatt - und leider auch Dr. Lecter. Peter Hiess über Krimi-Comebacks und -Neuheiten.    19.02.2014

Peter Hiess

James McGee - Der Rattenfänger

Heyne Tb. 2006

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Es gibt Zeiten, da will man einfach nur bestätigt kriegen, daß früher alles noch schlimmer war. Für solche Lebensphasen empfiehlt sich der viktorianische Kriminalroman (auch wenn der in der Gegenwart geschrieben wurde), der dem Leser die Möglichkeit zum "Slumming" bietet. Da begibt man sich in Elendsviertel, vorzugsweise in London, und besichtigt Armut, Gestank und Verbrechen. Übel, aber irgendwo auch pittoresk. Zwischen den skurrilen Gaunergestalten und verdreckten, aber vifen Straßenjungen findet sich immer auch ein genialer Kombinierer wie Matthew Hawkwood. Der ist Sonderermittler in James McGees gelungenem Roman "Der Rattenfänger", hat beste Kontakte zur Unterwelt und schafft es, bei der Aufklärung eines Doppelmords gleich auch eine napoleonische Verschwörung gegen das Empire zu vereiteln. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen einer gefährlichen Schönheit ist er eindeutig ein Bond-Vorgänger - auch wenn er viel später erfunden wurde.

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J. J. Preyer - Holmes und die Freimaurer

Blitz-Verlag 2006

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Eine bewährte literarische Erfindung ist hingegen der violinspielende Kokainist Sherlock Holmes, dessen Abenteuer seit dem Tod Arthur Conan Doyles von vielen anderen Autoren weitergeschrieben wurden und werden. Seine aktuelle Wiederbelebung erfährt der mittlerweile pensionierte Detektiv durch einen Österreicher: In J. J. Preyers "Holmes und die Freimaurer" decken Sherlock und Watson nicht nur eine, sondern gleich mehrere (vielleicht sogar zu viele) Verschwörungen auf: die Wahrheit hinter Jack the Ripper, das Geheimnis der Kornkreise und der Bundeslade sowie die Machenschaften ihres alten Erzfeindes Prof. Moriarty. Und nebenbei essen die beiden noch mit soviel Genuß, daß man vermuten darf, der Autor habe beim Schreiben strenge Diät gehalten ...

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div. Hard Case Crime


Ed McBain - The Gutter And The Grave

Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2005

 

Max Allan Collins - The Last Quarry

Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2006

 

Back to the Pulp-Roots: Wieder dürfen wir zwei Werke aus der großartigen amerikanischen Buchreihe "Hard Case Crime" vorstellen. Der Anti-Held aus Ed McBains "The Gutter and the Grave" (1958) hat nichts mit dem berühmten 87. Polizeirevier zu tun, sondern ist Ex-Privatdetektiv, der sich seit einem Eifersuchtsdrama als Sandler durch die Bowery säuft - bis er von einem alten Freund gebeten wird, in einer Diebstahlsaffäre zu ermitteln, die sich zu einem mörderischen Familien- und Eifersuchtsdrama auswächst. Am Schluß bleibt immer die Flasche.

Außerhalb der Reihenfolge - weil man sich halt manchmal im Regal vergreift - sei hier "The Last Quarry" (2006) erwähnt, in dem es Max Allan Collins ein weiteres Mal (wie in der Vorlage zum Tom-Hanks-Film "Road to Perdition") gelingt, einen Profikiller zur sympathischen Hauptfigur zu machen. Schlimmer als Quarry, der schon längst in Pension sein will, ist nämlich dessen Auftraggeber, ein Medienzar, der seine eigene Tochter ermorden lassen will. Merke: Böse Kapitalisten zahlen immer drauf, und das freut uns arme Hunde.

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Garry Disher - Port Vila Blues

Pulp Master 2006

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Daß mit hauptberuflichen Verbrechern nicht zu spaßen ist, demonstriert auch der australische Ausnahmeautor Garry Disher in seinem neuen Wyatt-Krimi (im Original bereits 1995 erschienen). In "Port Vila Blues" steigt Wyatt ins Haus einer Politikerin ein, wo er nicht nur Geld, sondern auch Diamanten erbeutet. Doch der Schmuck ist blöderweise heiße Ware, und jetzt wollen nicht nur die Bullen, sondern auch andere Gangster Wyatt ans Leder. Ja, wenn das so einfach wäre ... Jedenfalls: erste Qualität, wie gewohnt.

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Michael Marshall - Blood Of Angels

Jove Books 2005

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Von Michael Marshalls "Blood of Angels", dem letzten Teil der mit "The Straw Men" (dt.: "Der zweite Schöpfer") begonnenen Serienmörder-Möchtegern-Weltbeherrscher-Verschwörer-Trilogie, kann man das nicht behaupten. Wer die beiden ersten Bücher nicht kennt, ist hier hilflos - und selbst treue Leser verlieren bald das Interesse an dieser recht wirren, willkürlichen und eigentlich unnötigen Fortsetzung. Womit wieder einmal bewiesen wäre: Das Subgenre des Serial-Thrillers ist so gut wie ausgereizt.

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Thomas Harris - Hannibal Rising

Hoffmann und Campe 2006

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Diese Erkenntnis führt uns auch gleich zur deprimierenden Frage: Was ist aus dem guten Dr. Lecter geworden? Nach "Das Schweigen der Lämmer", "Roter Drache" und dem wenigstens noch in Ansätzen funktionierenden Märchen "Hannibal" ließ sich Erfolgsautor Thomas Harris mit "Hannibal Rising" anscheinend auf eine reine Auftragsarbeit zum gleichnamigen Hollywood-Prequel ein - und zerstört damit den Mythos des beliebtesten Serienmörders aller Zeiten endgültig. Mußten wir wirklich erfahren, wie der kultivierte Kannibale zu dem wurde, was er ist? Darf man es sich wirklich so einfach machen und auf Schindlers Kiste aufspringen? Ja - wir müssen und man darf. Schuld an allem sind nämlich die Nazis. Und Dr. Lecter ist hiermit offiziell ein Opfer, kindheitstraumatisiert und völlig uninteressant. Da helfen auch die kulinarischen Delikatessen kein bißchen.

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"Schmauchspuren"


... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

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