Print_Print-Tips 3/2004

Seitenreise

Diesmal lesenswert: Verschwörungen und Geschichtslügen, Zombies und Digitalthriller, Spukhäuser und Hollywood-"Geschlechtsrepräsentionen".    28.05.2004

 

Jürgen Fichtinger & Peter Hiess

Viktor Farkas - Geheimsache Zukunft

(Michaels-Verlag)


Der Österreicher Viktor Farkas hätte mit seinen Büchern, in denen er Verschwörungstheorien aller Art mit archäologischen Mysterien, historisch-politischen Faktoiden und "interesting news" zu einer packenden Abfolge von Geschichten verbindet, durchaus das Zeug zu einem neuen Däniken - wäre da nicht das Internet, in dem Fans einschlägigen Materials so viel finden, daß sie kaum mehr Gedrucktes brauchen. (Und die "seriöse" Verlagsbranche, die sich bei Werken dieser Art lieber auf angloamerikanisches Material verläßt...) Jedenfalls beginnt Farkas hier wieder einmal mit seiner Warnung vor der dräuenden selbstgemachten Menschheitsapokalypse und leitet dann zu Theorien über (vielleicht doch nicht ganz?) untergegangene Reiche und Zivilisationen - von Atlantis zur hohlen Erde - über. Ein echtes Lesevergnügen, auch wenn man sich wünscht, das Lektorat hätte bessere Arbeit geleistet.

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Viktor Farkas - Schatten der Macht

(Kopp)


Und noch einmal Farkas, der im Untertitel dieses Werks fragt: "Bedrohen geheime Langzeitpläne unsere Zukunft?" Im Buch selbst entlarvt er das, was wir über die Welt wissen, als großteils schlampige Desinformationskampagnen oder offizielle Geschichtsschreibung gewordene Verschwörungstheorien - und setzt all dem eigene (bzw. gesammelte und recherchierte) Tatsachen und Theorien entgegen. Ausgehend von der von Bush sen. ausgerufenen "Neuen Weltordnung" befaßt sich der Autor mit Geheimgesellschaften, Politattentaten, der Herrschaft von Banken, IWF und Weltbank, Bürgerbespitzelung aller Art, möglichen Alien-Verwicklungen und dem bevorstehenden Dritten Weltkrieg. Ein brauchbarer Reader für Freunde des Genres.

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Laurence Block - The Affairs of Chip Harrison

(No Exit Press)


Spannend, schlüpfrig und stellenweise zum Brüllen komisch sind sie, die gesammelten Abenteuer Chip Harrisons. "No Score" zum Beispiel erzählt von den Problemen des zum Zeitpunkt des Romans Siebzehnjährigen, der partout nicht als Jungfrau sterben will. Bereits das erste Kapitel - in dem er dieses Ziel beinahe erreicht, würde nicht im entscheidenden Moment ein scheinbar Verrückter mit einer Kanone ins Zimmer stürzen - offenbart Block als einen Meister der Spannungsfäden, heizt er dem Leser doch dermaßen ein, daß man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen will. Bis zum Schluß leidet man mit dem armen Knaben mit und erfreut sich seiner humorigen Eskapaden. Teil zwei ("Chip Harrison Scores Again") verwickelt Harrison dann in ein böses Verbrechen. Im dritten ("Make Out With Murder") und vierten Abenteuer ("The Topless Tulip Caper") avanciert der liebeshungrige Teen schließlich zum Sidekick von Privatdetektiv Leon Haig und stellt neben Frauenröcken auch Verbrechern nach. Fazit: allesamt recht kurzweilige und unterhaltsame Romane, angesiedelt irgendwo zwischen höchst amüsant beleuchteter Schulbubenerotik und Krimi. Ideal für den kleinen Lesehunger zwischendurch.

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Takami Koushun - Battle Royale

(Viz Communications)


Die international wachsende Popularität asiatischen Kinos hat den Vorteil, daß langsam, aber doch auch immer mehr Romane aus Fernost übersetzt und veröffentlicht werden. Endlich liegt auch Takami Koushuns literarische Vorlage zu Fukasaku Kinjis großartigem "Battle Royale" in englischer Übersetzung vor. "Herr der Fliegen" auf japanisch...

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Dale Bailey - House of Bones

(Signet Books)


Wenn ein Horrorautor zum klassischen Spukhaus-Thema zurückkehrt, sollte er sich gefälligst etwas Neues einfallen lassen. Bailey hat´s wenigstens versucht: Bei ihm ist das Böse in einem abbruchreifen Slum-Sozialbau beheimatet und hat bereits jede Menge Menschenleben gefordert. Das hält den handelsüblichen Milliardär und die üblichen geldgierigen Kandidaten (die in ihrer Vergangenheit naturgemäß alle mit dem Haus bzw. dessen Opfern zu tun hatten) aber nicht davon ab, dort ein paar Tage und Nächte zu verbringen, um die Wurzel des Übels zu erforschen. Was dabei herauskommt, ist ebenso vorhersehbar wie unterhaltsam. Gerade richtig für längere Bahnfahrten.

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James W. Loewen - Lies My Teacher Told Me

(Touchstone Books)


Ja, ja - offizielle Schulgeschichte und Wahrheit gehen in den USA scheinbar nicht immer Hand in Hand, wie Loewen anhand seines Buches "Lies My Teacher Told Me: Everything Your American History Textbook Got Wrong" vor Augen führt. Interessant!

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Susanne Weingarten - Bodies of Evidence: Geschlechtsrepräsentationen von Hollywoodstars

(Schüren Verlag)


Spannende Untersuchung zum Thema im Hollywood-Kino. Neben einem historischen Abriß über Machos & Softies sowie Bombshells und Frustbeulen gibt es sechs Case-Studies, unter anderem zu Knackarsch Michael "Basic Instinct" Douglas, Sly "Rocky" Stallone, Jane Fonda und natürlich dem weiblichen Chamäleon Demi Moore.

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Dan Brown - Digital Fortress

(St. Martin´s Paperback)


Bevor er mit seinen Conspiracy-Technothrillern die Bestsellerlisten in aller Welt eroberte, versuchte sich Brown an einem Roman über die NSA und ihre Codeknacker-Maschinen. Bei der Lektüre erweist sich das 1998 erschienene Buch über die "digitale Festung", in der die elektronische Kommunikation der gesamten Menschheit abgehört wird (muß ja sein, wegen der bösen Terroristen...), eindeutig als Fingerübung vor dem großen Erfolg. Doch das Dan-Brown-Handlungsmuster finden wir auch hier schon vor: Ein Virus hat sich in die beste Entschlüsselungsmaschine der Welt geschlichen und droht die NSA in die Knie zu zwingen. Wer dahintersteckt und wie die Bedrohung aufzuhalten ist, das muß die Protagonistin - eine Wissenschaftlerin, wie immer - binnen weniger Stunden herausfinden. Kennt man alles.

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Jon Courtenay Grimwood - Pashazade/The First Arabesk

(Michaels-Verlag)


Orientalischer Cyberpunk in einer Parallelwelt - wem diese Kurzbeschreibung schon zu exotisch klingt, der ist kein SF-Fan und kann sofort wieder zu lesen aufhören. Freundes Genres werden mit dem ersten Teil dieser Trilogie, in der Deutschland den Ersten Weltkrieg gewonnen hat und das Ottomanische Reich noch heute existiert, ihren Spaß haben. Wie so oft bildet auch hier eine Noir-Detektivgeschichte (Ami mit seltsamer Vergangenheit etabliert sich in der nordafrikanischen Metropole El Iskandryia, muß aber einen Mord aufklären, um Schwierigkeiten zu entgehen) den Kern der Handlung. In Wahrheit jedoch ist die faszinierend beschriebene Stadt der Held des Romans, der Lust auf die Fortsetzungen macht.

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S. D. Perry - Die Umbrella Verschwörung

(Dino)


Die "Resident Evil"-Games sind zwar nicht die ersten und einzigen, aber mit Sicherheit die prominentesten Vertreter des Survival-Horror-Genres. Aus diesem Grund wurde die US-Autorin S. D. Perry auch beauftragt, bisher sechs Romane zur Serie zu verfassen. Die meisten halten sich zwar - so wie dieser - ziemlich sklavisch an die Handlung der Spiele, liefern aber doch ein paar Hintergründe und sind sowohl für "R. E."-Profis als auch für Neueinsteiger ganz spannend. Im vorliegenden ersten Teil macht das S.T.A.R.S.-Team erstmals Bekanntschaft mit den von der skrupellosen Umbrella Corporation gebastelteten Virus-Zombies und -Monstern. Feuer frei!

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Gespenstergeschichten - Sammelband

(Bastei)


Überall gammeln sie herum, in Trafiken, Supermärkten und natürlich beim gutsortierten Zeitschriftenhändler: die altbekannten "Gespenstergeschichten"-Schundheftchen aus dem Bastei-Verlag. Obwohl die Qualität von Stories und Zeichnungen von Geschichte zu Geschichte variiert und diese deutsche Reminiszenz niemals das Niveau der legendären EC-Comics erreichen wird, kann man Freunden der Gruselei nur zur Lektüre raten. Selten langweilig, niemals anspruchsvoll und immer gut für zwischendurch.

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Brian Keene - The Rising

(Leisure Books)


Wenn die Toten einmal keinen Platz mehr in der Hölle haben, dann geht´s schnell - wie wir spätestens seit dem Remake von "Dawn of the Dead" wissen. Keenes Untoten-Schocker fängt auch gleich damit an, daß der Protagonist die verwesenden Fleischfresser, die einst seine Frau und sein ungeborenes Kind waren, abknallen muß - und sich dann auf eine Reise quer durch die USA machen. In New Jersey wartet nämlich sein Sohn aus erster Ehe darauf, vor dem Zombie-Stiefpapa gerettet werden. Und auf dem Weg lauern die Kannibalen, in diesem Fall besessen von Legionen gefallener Engel, die sich endlich an der Menschheit rächen wollen. Nein, das ist keine hochwertige Literatur - wie auch? Aber dafür gibt´s Zombie-Geistliche, Zombie-Militärs, Zombie-Getier und sämtliche anderen bekannten Bestandteile des Zombie-Kanons, die hier gekonnt verwurstet werden. Immer noch weniger schlimm als eine Fahrt mit der U-Bahn...

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Jasper Fforde - Lost In A Good Book

(New English Library)


Literarisch wird´s dafür im hochamüsanten zweiten Abenteuer der Literaturdetektivin Thursday Next, die diesmal keine aus Romanen entkommenen Figuren wiedereinfangen soll, sondern vor der erschütternden Tatsache steht, daß Renegaten der Zeitpolizei in die Vergangenheit gereist ist, um ihren Mann zu "löschen". Jetzt lebt sie in einer etwas verfremdeten Welt, in der niemand ihren guten Gatten kennt, und muß sich selbst in Bücher flüchten, um die Situation zu bereinigen. Ffordes zu Recht hochgelobter phantastischer Roman strotzt vor amüsanten Literaturverweisen und Wortspielen, hat mehr Handlungsideen, als ein Reich-Ranicki je verdauen könnte, und zeigt, daß Lesen mehr als bloßer Zeitvertreib sein kann.

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Die Bücher des Blutes I-III/IV-VI

(area Verlag)


Seinerzeit für das Horror- und Phantastik-Genre revolutionär und ewig vergriffen, wurden Clive "Hellraiser" Barkers legendäre Bücher des Blutes endlich neu - und noch dazu in einer höchst kostengünstigen Edition - aufgelegt. Selbst nach knapp 20 Jahren haben die originellen Gruselkurzgeschichten nichts an Kraft oder Intensität verloren und suchen immer noch ihresgleichen.

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