Print_Print-Tips 4/2004

Easy Reading

Alte und neue Meister, Software-Umsetzungen, Hollywood-Einblicke und Reiseführer in den Wiener Untergrund - alles ist im neuen Print-Pop!    14.07.2004

 

Jürgen Fichtinger & Peter Hiess

Ernest Tidyman - Shaft und das Mordkomplott

(Pendragon)


Mike Hammers schwarzer Cousin Shaft läßt auch in seinem vierten Abenteuer die Puppen tanzen. Diesmal bekommt es der Privatdetektiv mit einem ausgefuchstem Raub zu tun (eine halbe Million Dollar wurde gestohlen), den man noch dazu seinem alten Freund, dem radikalen Politrevoluzzer Ben Buford, in die Schuhe schieben will. Nachdem John Shafts Jugendjahre entscheidend von Bens werter Frau Mama mitgeprägt wurden und ihn diese drängt, sich um den wirren Knaben zu kümmern, kann Shaft die Bitte nicht abschlagen. Dummerweise deuten sämtliche Hinweise auf Buford, und nicht nur die Polizei ist hinter dem Kerl her. Außerdem mit dabei: Ein schwarzer Senator, ein homosexueller S/M-Stricher namens "Cowboy", ein paar Leichen und natürlich jede Menge heißer Mädels.

Der 14. Juli dieses Jahres ist übrigens der 25. Todestag Ernest Tidymans, dessen Figur Shaft der wohl bekannteste Vertreter des Blaxploitation-Genres ist. Wer allerdings glaubt, der Konsum der geglätteten 70er-Jahre-Verfilmungen würde reichen, irrt gewaltig und sollte einen Blick in die unzensierten Neuübersetzungen werfen.

 

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Stephen King - Susannah

(Heyne)


Bevor sich King in den wohlverdienten Ruhestand zurückzieht, geht die Suche nach dem "Dunklen Turm" ihrem Ende entgegen. Im sechsten und vorletzten Band der Fantasy-Serie tut der Autor aber vor allem eines: Zeit schinden. Schon wieder. Diesmal verschlägt es Roland und seine Gefährten erneut in die reale Welt (oder Paralleluniversen, die dieser sehr ähnlich sind), wo Titelheldin Susannah sich auf die Geburt ihres Dämonenbabys vorbereitet, zwei der Revolverhelden in New York vor dem 11. 9. (ja, auch dieses langweilige "amerikanische Trauma" wird angesprochen) auf die Suche nach ihr gehen - und die anderen beiden durch die Dimensionstür nach Maine reisen, wo sie wen treffen? Ja, genau: Stephen King. Und dem geben sie dann den Auftrag, ihre Abenteuer bis ans Ende seiner Karriere schriftlich festzuhalten (und nebenbei schon wieder über seinen Autounfall zu jammern). Daß er aber dicke Wälzer schreiben soll, die im Endeffekt vor dem Cliffhanger am Schluß so gut wie keinen Plot enthalten, haben sie ihm sicher nicht angeschafft ...

Jedenfalls: besser als die letzte Episode, lange nicht so gut wie die ersten drei.

 

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Bill Fitzhugh - The Organ Grinders

(Harper Torch)


Die Götter müssen doch verrückt sein - sonst läge Fitzhughs literarisches Schaffen längst gesammelt in deutscher Sprache vor. Bis auf "Der Kammerjäger" und "McJesus" tut es dies aber noch immer nicht, und deshalb muß man zu den Originalausgaben greifen. In "Organ Grinders" dreht sich alles um böse Konzerne, Organtransplantate von Affen und einen passionierten "Spender", der von Samen über Plasma bis hin zu Gliedmaßen alles verscherbelt. Diagnose: spannende und amüsante Lektüre über die Umtriebe böser Multis und was es wirklich bringt, Protestbriefe zu schreiben.

 

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Eric Nylund - Halo: Die Schlacht um Reach

(Dino/Panini)


Das Game "Halo" war eines der ersten für Microsofts Xbox und zählt bis heute zu den schönsten und aufregendsten First-Person-Shootern, die es auf Konsole gibt. Und weil es sich so gut verkauft hat, bietet man den Fans die kriegerischen Abenteuer des Master Chief nun auch in Romanform an. Im literarischen Prequel zur Handlung des Spiels erzählt der Wissenschaftler und Autor Nylund die Geschichte des menschlichen Sternenimperiums, dessen Regierung sich aufgrund innerer Konflikte und Rebellenaufstände gezwungen sieht, Kinder zu entführen und diese mittels Gehirnwäsche, Implantaten, Operationen und viel, viel Training zu unerbittlichen Kampfmaschinen zu machen. Das Ergebnis sind die Spartaner, deren Existenz (à la Heinlein) nachträglich durch den Angriff der zerstörerischen Alien-Allianz gerechtfertigt wird. Und der beste, stärkste und gehorsamste der Spartaner ist eben der Master Chief, der am Schluß des Buches mit der gigantischen Ringwelt konfrontiert wird, auf der das Game handelt. Routinierte Military SF ohne Tiefgang.

 

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William C. Dietz - Halo: Die Invasion

(Dino/Panini)


Bot Teil eins der "Halo"-Romanreihe selbst Spielsüchtigen, die die interaktive Vorlage in allen Schwierigkeitsstufen durchgeackert hatten, noch etwas Neues, so enttäuscht die Fortsetzung: Mit "Die Invasion" nahm Vielschreiber Dietz nämlich die unangenehme Aufgabe auf sich, das Bestseller-Game (dessen Fortsetzung übrigens noch für dieses Jahr erwartet wird) Level für Level in Buchform umzusetzen. Und das führt bei einem Shooter - trotz halbherziger Nebenhandlungsversuche - leider zum erwarteten Ergebnis: Gegnerhorden tauchen auf, Master Chief mäht alle nieder, Schutzschild füllt sich wieder, Master Chief sammelt Waffen auf, nächstes Missionsziel wird angezeigt, Gegnerhorden tauchen auf ... usw. usf. Wer "Halo" gespielt hat, kennt dieses Buch bereits.

 

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Max Brooks - The Zombie Survival Guide

(Three Rivers Press)


Schon einmal überlegt, was wäre, wenn es Zombies wirklich gäbe? Nein - damit ist nicht der gewöhnliche Mitmensch gemeint, sondern die untoten Kreaturen, denen man sonst nur in fiktivem Zusammenhang begegnet. Max Brooks (übrigens der Sohn von Mel) setzte sich genauer mit dem beliebten Szenario auseinander und erschuf mit seinem "Survival Guide" den ultimativen Leitfaden für den Ernstfall.

 

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Jasper Fforde - The Well of Lost Plots

(New English Library)


Zum dritten Mal darf die begeisterte Leserschaft die Literaturdetektivin Thursday Next bei ihren Abenteuern begleiten - und immer noch gilt: Jasper Fforde ist der legitime Nachfolger Terry Pratchetts. Auch dieser Roman begeistert durch unzählige witzige Ideen, Wortspiele, Fußnoten, literarische Anspielungen, absurde SF- und Parallelwelt-Versatzstücke. Das Problem ist nur, daß die Geschichte nie richtig Tempo gewinnt. Die einzelnen Handlungselemente (Thursday wohnt in einem unveröffentlichten Roman, kämpft gegen eine Gedächtnislöscherin in ihrem Hirn, sucht einen Kriminellen in den eigenen Jurisfiction-Reihen und vermutet, daß hinter der Veröffentlichung des neuen "Enhanced"-Lesesystems UltraWorld eine böse Verschwörung steckt) finden nie so recht zusammen und haben eigentlich nur dann Sinn, wenn man die beiden Vorgänger kennt. "The Well of Lost Plots" ist natürlich trotzdem lesenswert - aber nächstes Mal muß sich Fforde schon mehr anstrengen.

 

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Robert Bouchal/Johannes Sachslehner - Mystisches Wien

(Pichler)


Ein Photograph und ein Autor machen sich auf, um Wiens pittoreske Schattenseiten und morbide Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Von den düster-romantischen Begräbnisplätzen unterm Stephansdom oder der Michaelerkirche über ehemalige Hinrichtungsstätten und atmosphärische Weinkeller bis hin zu unterirdischen Katakomben und die Totenbruderschaft findet sich in diesem kommentierten Bildband allerlei Sehenswertes. Wenn der Text dabei auch teilweise oberflächlich bleibt, machen die Bilder das wieder wett und erfreuen. So können Sie ihrem nächsten Besuch aus dem Ausland einmal etwas anderes als die übliche Prater-Altstadt-Heurigen-Tour gönnen!

 

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Bieberger/Gruber/Hasmann - Spuk in Wien

(Ueberreuter)


Und weiter geht´s mit dem mysteriösen Wien: Diesmal haben sich drei Journalisten zusammengetan, um über verwunschene Plätze, Spukhäuser und andere übernatürliche Begebenheiten rund um die Kaffeehausstadt zu schwadronieren. Das Ergebnis pendelt irgendwo zwischen flüchtig interessant und belanglos.

 

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Jack Ketchum - Red

(Leisure Books)


Wieder einmal ein Highlight in der "Leisure Horror"-Reihe: Der Roman um einen alten, anständigen Mann, dessen Hund von drei verwöhnten Jugendlichen umgebracht wird, hat den Stephen-King-Kommentar auf dem Cover ("Ketchum is simply one of the best in the business") wahrlich verdient. Wie der Hundebesitzer versucht, zu seinem Recht zu kommen, und sich die Ereignisse unausweichlich wie in einer griechischen Tragödie zu einem tragischen Ende hinentwickeln, das ist meisterhaft beschrieben und fesselt bis zur letzten Seite. Die ebenfalls in diesem Taschenbuch enthaltene Kurzgeschichte "The Passenger" zieht viel härtere, splattrigere Seiten auf, ist aber ein mindestens ebenso lesenswertes Stück Real-life-Psycho-Horror. Sollte man sich unbedingt bestellen.

 

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Richard Laymon - No Sanctuary

(Leisure Books)


Daß auf einen Höhe- ein Tiefpunkt folgen muß, ist auch wieder logisch. Es waren hingeschluderte Bücher wie dieses, die einst zum Ende des Horror-Booms führten. Laymons stinklangweiliger Roman um einen Camping-Ausflug mit schrecklichen Folgen überzeugt keinen Augenblick lang. Da wimmelt es von unglaubwürdigen Haupt- und Nebenfiguren ohne auch nur eine nachvollziehbare Emotion, da treiben sich mitten in der Einöde ausschließlich Serienmörder, Perverse, Traumatisierte und Hirnlose herum, und da folgt ein scheinbarer Höhepunkt auf den anderen - nur lassen einen die alle völlig kalt. Sollte man unbedingt meiden.

 

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Franz Everschor - Brennpunkt Hollywood: Innenansichten aus der Filmmetropole der Welt

(Schüren)


Lesern der Zeitschrift "Filmdienst" sind Everschors Kolumnen wohlbekannt. Der Blick des Filmexperten war und ist stets gen Traumfabrik gerichtet. Jetzt liegt eine Sammlung ausgewählter und ergänzter Schriften aus seiner Feder vor. Die thematisch gegliederten Texte gewähren unter anderem Einblick in die Wandlung der einstigen Traumfabrik zum Bestandteil von Multikonzernen, beleuchten die wichtigsten Filme seit 1990 und deren Entstehungsgeschichte, zeigen Produktions-Trends und Verfahrensweisen seitens der Kreativliga auf und bieten somit Gelegenheit, einen umfassenden Einblick in die Entwicklung der gewaltigen Entertainment-Maschine zu bekommen. Absolut lesenswert!

 

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Richard A. Knaak - Diablo: Das Königreich der Schatten

(Dino/Panini)


Auch die Romanserie zum unheimlich beliebten Action-Rollenspiel "Diablo" geht weiter - diesmal mit einem serientypischen Söldnerhauptmann, der im Auftrag eines arroganten Zauberers eine ebenso legendäre wie ausgestorbene Stadt aufsucht, um dort das Tor zu höheren Sphären zu öffnen und nebenbei mit seinen Mannen ordentlich zu plündern. Aber das geht natürlich alles nicht so einfach, wie es anfangs aussieht. Nett erzählte Fantasy-Story, die aber nicht unbedingt auf mehr als 400 Seiten ausgedehnt hätte werde müssen.

 

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Thomas de Quincey - Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet

(Autorenhaus)


Wer glaubt, bei einem Mord sei nichts weiter dabei als ein paar Emotionen, ein wenig Motiv und eventuell etwas körperliche Betätigung, der irrt gewaltig. Der stilbewußte Mörder von Welt denkt sich ja auch was dabei. Das wußte bereits 1827 Thomas de Quincey - dem einen oder anderen vielleicht bekannt durch seine "Bekenntnisse eines englischen Opiumessers" - als er sich in seiner Abhandlung mit dem Wesen des Mordes auseinandersetzte. Gegliedert in drei Abschnitte, dreht sich alles um das richtige und geschmackssichere Nichteinhalten des fünften Gebots. Und nebenbei wird noch über Höllenfeuer-Clubs erzählt. (Ein Schelm, wer jetzt an Paul Renners "Hell Fire Touring Club" denkt...) Kurzum: Köstlich dekadent, dekadent köstlich!

 

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David & Leigh Eddings - Althalus

(Bastei-Lübbe)


Der Held: ein Meisterdieb. Sein Auftrag: die Suche nach einem geheimnisvollen Buch, das sich im "Haus am Ende der Welt" befinden soll. Vor dem Prolog: eine gezeichnete Karte. Richtig - wir befinden uns wieder in Fantasy-Land, und zwar in einem in sich abgeschlossenen Einzelroman zweier Autoren, die sich ansonsten eher mit schier endlosen Zyklen und Sagas befassen. Held Althalus reist durch die Jahrhunderte, rettet die Welt, arbeitet mit einer Göttin zusammen, sucht sich Gefährten, führt Kriege, findet Schätze etc. pp. Man kennt das. Man liest es trotzdem hin und wieder gern, auch wenn die Eddings in diesem Fall etwas zu sehr zwischen liebevoll-humoriger Katzen-Fantasy und epischen Schlachtengemälden hin- und herpendeln.

 

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Alan Moore - League of Extraordinary Gentlemen #1

(Speed Comics)


Auch wenn die Verfilmung des Moore-Comics bestenfalls als mißlungen zu bezeichnen ist, sollte man sich die wahre Geschichte der "Extraordinary Gentlemen" nicht entgehen lassen! Darin finden sich nämlich (im Gegensatz zum Film) dreidimensionale Charaktere, eine gute Story und zahlreiche Verweise auf Bestandteile der Pop-Kultur einer vergangenen Ära (in der es diesen Begriff noch gar nicht gab), die aus dem Abenteuer ein spannendes Lesevergnügen machen und sogar das Verlangen wecken, den Film nochmals zu sehen.

 

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