Print_Thomas Pynchon - Gegen den Tag

Luftschiffer und Sprengmeister

Ein paar Jahrzehnte im Leben weniger Menschen, die wiederum unglaublich vielen anderen Charakteren begegnen und mit denen irrwitzige Abenteuer erleben - in den Händen des mysteriösen amerikanischen Meisterautors wird diese Inhaltsangabe zum gigantischen Werk, das beinahe an seine größten literarischen Leistungen anschließt.    31.10.2008

1600 Seiten (im Original immer noch mehr als 1200) ... So einem Buch weicht man aus, läßt es die längste Zeit links liegen, fürchtet sich ein bißchen davor, weil es soviel Lesezeit beanspruchen wird. Aber irgendwann holt es einen dann doch ein, blinzelt zum zehnten Mal aus dem Regal, liegt unaufdringlich, aber doch unausweichlich in der Schiffsbibliothek herum. Und dann nimmt man Pynchons neuen Roman "Gegen den Tag" halt doch zur Hand, will nur ein wenig hineinlesen, bleibt aber natürlich drin hängen - und schon sind ein paar Wochen weg.

Die Mühe lohnt sich. Als einer der wichtigsten und besten amerikanischen Autoren der Gegenwart (und wir lassen an dieser Stelle absichtlich den ganzen Schmafu über seine private Geheimniskrämerei weg, mit dem sich die meisten anderen Rezensenten aufhalten) liefert Pynchon auch hier ein episches Meisterwerk ab, das fast an seine größte Leistung, "Die Enden der Parabel", heranreicht. Das heißt, sprachlich übertrifft "Gegen den Tag" den modernen Klassiker sogar - der Autor erweist sich hier nicht nur als akribischer Recherchefanatiker, sondern als so sprach- und wortverliebt, daß man als Leser den Verdacht hegt, er hätte einige Passagen nur eingebaut, um einen bestimmten Begriff (den außer ihm praktisch keiner mehr kennt) verwenden zu können. Auch das macht diesen Roman unglaublich attraktiv.

In der Hauptsache ist es aber natürlich die ausufernde, auf unzählige Personen und Erzählebenen aufgeteilte Handlung, die Pynchons neues Werk zum Leseerlebnis macht. Auf den allerersten Blick erzählt der Meister "nur" die Lebensgeschichte des Bergarbeiters und Anarchisten Webb Traverse sowie seiner Familie, die es im Kampf gegen Ausbeutung, (damals) modernen Kapitalismus und Unterdrückung in die obskursten Weltgegenden verschlägt. Dabei lesen sich die Abenteuer der verschiedenen Protagonisten wie eine Mischung aus hochkomplexem, literarisch anspruchsvollem Wissenschafts-Thriller (unter anderem über die Verirrungen von Physik und Mathematik, Paralleluniversen, seltsame Mineralien und die Lehre vom professionellen Sprengen) und liebevoll gestalteter Pulp-Fiction, die eine (an Jules Verne & Co. angelehnte) Abenteuerclique aus Ballonfahrern ebenso in den Plot einbaut wie Zeitreisende und geheimnisvolle Wesen, die an die Großen Alten aus H. P. Lovecrafts blasphemischem Universum erinnern.

Es ist jedoch nicht nur die Mischung aus Stilen, Fakten und Lebensgeschichten, die das Leseabenteuer "Gegen den Tag" ausmacht. Pynchon liefert auch einen historischen Abriß über die Zeit vom späten 19. Jahrhundert bis nach dem Ersten Weltkrieg, über die Bemühungen des Kapitals und der ihm hörigen Politik, aus Individuen kontrollierbare Massen zu machen, reine Arbeits-, Kampf- und Konsummaschinen, die nur dazu existieren, damit die Elite sich im unverdienten Reichtum suhlen und ihren perversen Vergnügungen nachgehen kann. Vielleicht möchte uns der Autor mit seinem großartigen Wälzer ja auch davor warnen, daß dieser Umwandlungsprozeß mittlerweile fast abgeschlossen ist - und wir (seine Leser, die Masse, die ehemaligen Individuen) von der Neuen Weltordnung bald endgültig versklavt sein werden.

Aber wer weiß schon, was Pynchon will ...

Peter Hiess

Thomas Pynchon - Gegen den Tag

ØØØØØ

(Against the Day)

Leserbewertung: (bewerten)

Rowohlt (D 2008)
Links:

Kommentare_

Print
Klaus Ferentschik - Ebenbild

Doppelgänger-Phantasie

In seinem neuen Roman erzählt Klaus Ferentschik von Spionen, verschwundenen USB-Sticks, Hagelkörnersammlern und Eisleichen. Das Ergebnis ist ein philosophisch-psychologischer Agententhriller, der mehr als doppelbödig daherkommt.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 42

Du darfst ...

Gute Nachricht für alle Desorientierten und von Relikten der Vergangenheit Geplagten: Unser beliebter Motivationstrainer Peter Hiess zeigt Euch einen Ausweg. Und die erste Beratungseinheit ist noch dazu gratis!  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 41

Gleisträume

Will man sich in den Vororten verorten, dann braucht man auch die praktische Verkehrsverbindung. Der EVOLVER-Stadtkolumnist begrüßt den Herbst mit einer Fahrt ins Grüne - und stimmt dabei ein Lob der Vorortelinie an.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 40

Weana Madln 2.0

Treffen der Giganten: Der "Depeschen"-Kolumnist diskutiert mit dem legendären Dr. Trash die Wiener Weiblichkeit von heute. Und zwar bei einem Doppelliter Gin-Tonic ... weil man sowas nüchtern nicht aushält.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 39

Der Tag der Unruhe

Unser Kolumnist läßt sich von Fernando Pessoa inspirieren und stellt bei seinen Großstadtspaziergängen Beobachtungen an, die von ganz weit draußen kommen. Dort wirkt nämlich selbst das Weihnachtsfest noch richtig friedlich.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 38

Schneller! Schneller!

Wie man hört, trainieren US-Soldaten in Manövern für die Zombie-Apokalypse. In Wien scheint sie bereits ausgebrochen. Der EVOLVER-Experte für urbane Beobachtungen weiß auch, warum.