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Schmauchspuren #14

Wer glaubt heute noch an den Kalten Krieg? Oder an clevere Serienkiller? In Wahrheit sind wir doch von Perversen und verbrecherischen Idioten umgeben - und das wissen natürlich auch Krimiautoren. Peter Hiess hat’s selbst gelesen.    02.04.2014

Peter Hiess

Warren Ellis - Crooked Little Vein

William Morrow 2007

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Michael McGillis ist ein "shit magnet" - also einer, der Probleme und Geistesgestörte anzieht, ohne es zu wollen. Die US-Regierung kann dieses ungewöhnliche Talent gut brauchen. Der Stabschef des Präsidenten (naturgemäß ein perverser Junkie) erteilt ihm den Auftrag, die "Geheime Verfassung" des Landes aufzuspüren; sie sei die einzige Chance, den moralischen Verfall und die Pornographisierung der Bürger aufzuhalten. Also macht sich der Detektiv (in Begleitung eines polymorph perversen Szene-Girlies) auf die Reise durch die Abgründe Amerikas, weil das geheimnisumwobene Dokument natürlich genau in den Kreisen kursiert, die es bekämpfen soll.

Der britische Comic-Autor Warren Ellis (dessen wichtigstes Werk "Transmetropolitan" eine Hommage an den großen Hunter S. Thompson ist) läßt in seinem ersten Roman all die sexualverrückten und popkulturellen Gestalten aufmarschieren, die er bei seinen Recherchen im Internet und in seiner schrägen Phantasie täglich entdeckt: Bodybuilder, die sich Salzlösung in die Hoden spritzen, inzestuös-debile texanische Milliardäre und "Godzilla Bukkake"-Fans (fragen Sie nicht). Alles, was einem hier besonders krank vorkommt, ist wahrscheinlich wahr - oder eben gut erfunden. Auf jeden Fall aber ist "Crooked Little Vein" unglaublich skurril, lesenswert und jederzeit für einen Lacher gut. Ein Krimi für weit Fortgeschrittene.

Links:

John Katzenbach - Der Fotograf

Knaur Tb. 2007

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Eher rückschrittlich kommt John Katzenbachs "Der Fotograf" daher. Da die Psychiatrie-Thriller des ehemaligen Gerichtsreporters ("Die Anstalt", "Der Patient") im deutschen Sprachraum so erfolgreich waren, wirft Knaur jetzt auch die Backlist des Autors auf den Markt. In diesem Fall handelt es sich um einen Roman aus dem Jahre 1987, als Serienkiller noch nicht den Krimimarkt überschwemmt hatten, sondern sichere Garanten für Spannung und Gänsehaut waren. Der Täter ist hier ein berühmter Photoreporter, der seine Taten mit der Kamera dokumentiert und nun eine Literaturstudentin kidnappt, die seine Biographie aufschreiben soll. Die einzigen, die den Wahnsinnigen stoppen können, sind eine Polizistin aus Miami und der Bruder des Täters - natürlich ein Psychiater. Das Buch liest sich zwar recht flüssig, ist aber mit seinen Serienmörder-Klischees schlecht gealtert und mit fast 700 Seiten einfach zu lang.

Links:

div. Hard Case Crime


Ken Bruen & Jason Starr - Slide

Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2007

 

John Lange - Grave Descend

Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2006

 

Meanwhile, in Hard Case Country: Die Lieblings-Taschenbuchserie aller Pulp-Fans wird nicht nur munter fortgesetzt, sondern ab Frühjahr 2008 - wenigstens teilweise - bei Rotbuch auch in deutscher Sprache erscheinen.

Daß an dieser Stelle wieder einmal von der strengen Berichtsreihenfolge abgewichen wird, liegt an der sehnlichst erwarteten Fortsetzung der Ken Bruen/Jason Starr-Kollaboration "Bust": In "Slide" begegnen wir den charakterschwachen, strohdummen Protagonisten Max Fisher und Angela Petrakos wieder. Max ist nach den kriminellen Katastrophen aus Teil eins auf einer Sauftour in Alabama gelandet, wo er in einem schmuddeligen Motel ausgerechnet Crack entdeckt - und sich darauf stürzt "like flies on shit", wie der Amerikaner sagt. Er beginnt eine Karriere als Dealer für den Mittelstand von Manhattan, stylt sich als "Gangsta" mit allen HipHop-Klischees und ist selbst sein bester Kunde. Angela hingegen hat es nach Irland verschlagen, wo sie sich mit Hilfe ihrer Silikonbrüste und diverser Männerbekanntschaften mehr schlecht als recht durchschlägt - bis sie Slide kennenlernt, einen irren Iren, der alle Serienkiller-Rekorde brechen will. Natürlich verschlägt es das seltsame Paar nach New York, und natürlich läuft Angela wieder Max über den Weg, und alles endet in genial-blutigem Blödsinn. Eine brillante Satire auf Krimiklischees und den ungesunden Einfluß der Massenmedien auf Kleinkriminelle.

John Langes "Grave Descend" (Hard Case Crime 26) ist ein netter kleiner Krimi aus dem Jahr 1970, der auf Jamaika spielt, wo der Berufstaucher Jim McGregor eine gesunkene Yacht heben soll und in ein sinistres Komplott verwickelt wird. Ungewöhnlicher Handlungsort, cooler Held, noch coolere Kriminelle - alles in allem ein sympathischer, solider Roman, den es sich zu entdecken lohnt.

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Ross Thomas - Kälter als der Kalte Krieg

Alexander Verlag 2007

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Ebenso wiederentdecken sollten Krimileser den ersten Roman der Polit-Thriller-Legende Ross Thomas, der nun im Berliner Alexander-Verlag neu aufgelegt wurde. "Kälter als der Kalte Krieg" stellt die Helden Mac McCorkle (ehemaliger GI) und Mike Padillo (Sprachgenie und CIA-Agent) vor, die in Bonn gemeinsam eine Bar namens Mac´s Place betreiben. Als Padillo wieder einmal in geheimer Mission abberufen wird, entdeckt Mac, daß der Geheimdienst seinen Freund opfern will - und reist selbst über die Mauer nach Ostberlin, um ihn zu retten. Und das ist nicht nur sehr clever, realistisch und spannend erzählt, sondern versetzt uns auch gekonnt in eine andere Zeit, die heute wie Fiktion erscheint. Mehr davon!

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"Schmauchspuren"


... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

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