Stories_Cannes 2014: Rückblick I

There and Back Again

Von 14. bis 25. Mai drehte sich in Cannes wieder einmal alles um Film, Künstler, Erzähler und Sternchen. Michael Kienzl war vor Ort und hat sich mittlerweile vom Austernkonsum erholt. Im EVOLVER präsentiert er seine persönlichen Festival-Favoriten.    30.05.2014

Schon seit Jahren bekommt man immer wieder zu hören, daß Fernsehen das neue Kino sei. Gemeint ist damit vor allem, daß auf Privatsendern wie HBO und AMC erzählerisch innovative Formate zu sehen sind, oft auch mit bekannten Regisseuren hinter der Kamera. Wie verhält es sich nun aber umgekehrt - oder, genauer gefragt, wie kann das Fernsehen das Kino bereichern?

Auf dem Filmfestival in Cannes war vergangenes Jahr beispielsweise Steven Soderberghs "Liberace" im Wettbewerb zu sehen, eine HBO-Produktion, die in den USA gar nicht erst in die Kinos kam. Heuer bewies dagegen Bruno Dumont ("Twentynine Palms") in der Nebensektion "Quinzaine des Réalisateurs", daß selbst eine Fernsehserie ohne weiteres auf der großen Leinwand bestehen kann. Li’l Quinquin ist ein für Arte entstandener Vierteiler, der sich nicht viel um die Konventionen des Fernsehens oder das mittlerweile geläufige 16:9-Format schert. Die absurde Mischung aus makabrer Polizeiserie und anarchischer Lausbubengeschichte hat Dumont in Cinemascope gedreht, mit großzügig komponierten Bildern, deren Details auf dem kleinen Bildschirm etwas verloren wirken dürften.

Auch sonst funktioniert "Li’l Quinquin" eher wie ein längerer Dumont-Film als wie eine herkömmliche Serie. Die Faszination für Körper, die sich deutlich von traditionellen Schönheitsidealen abgrenzen, ist auch hier das auffälligste Merkmal, nicht zuletzt wegen des jungen Protagonisten, der mit Hasenscharte und plattgedrückter Nase so ganz anders aussieht als die adretten Burschen, die einem ansonsten im Kino begegnen. Statt zu romantisieren, erkennt Dumont die wahre, rohe Natur von Kindern. Die haben in der nordfranzösischen Provinz während der Sommerferien nämlich nur Blödsinn im Kopf, fluchen, was das Zeug hält, sprengen die Idylle der Erwachsenwelt mit Feuerwehrskörpern und können sogar rassistische Widerlinge sein. Am überraschendsten ist jedoch, wie souverän sich Dumont in diesem Mikrokosmos der Normabweichung als Meister des verschrobenen Slapsticks bewährt.

 

In den Wettbewerb hat es "Li’l Quinquin" aus unerfindlichen Gründen nicht geschafft. An der Länge wird es wohl kaum liegen, denn der türkische Beitrag Winter Sleep, der auch nicht kürzer ist, hat sogar die Goldene Palme gewonnen. Eine gute Entscheidung - immerhin hat Nuri Bilge Ceylan einen der stärksten Filme des Festivals gedreht. Die rudimentäre Handlung ist in einem zentralanatolischen Dorf angesiedelt, das mit seinen aus Felsen ragenden Häusern wie eine Science-Fiction-Kulisse wirkt. Der wohlhabende Hotelbesitzer Aydin lebt dort zurückgezogen mit seiner Schwester und seiner Frau. Überall inmitten dieser erhabenen Naturlandschaft lauern ungleiche Machtverhältnisse, ob zwischen Aydin und den ausgebeuteten Bauern oder innerhalb der Familie. Ceylan sucht dabei nicht penetrant den aktuellen Bezug zur türkischen Wirklichkeit, sondern widmet sich vor allem seinen komplexen, nie wirklich sympathisch werdenden Figuren, die in ungewöhnlich langen, aber perfekt orchestrierten Gesprächen ihre Abneigung füreinander ausdrücken. Ein starkes Stück Kino, dem man vielleicht nur vorwerfen kann, daß sich Ceylan hier, anders als in früheren Werken, weniger auf starke Bilder als auf die Kraft der Worte verläßt.

 

Auch über die restlichen Preisträger, die von der Jury unter dem Vorsitz von Jane Campion ausgezeichnet wurden, kann man nicht viel meckern. Andrei Swjaginzews "Leviathan", eine elegant in Szene gesetzte Geschichte von der Allmacht des russischen Staates, die das aufbegehrende Individuum zermalmt, wurde zu Recht prämiert - wenn auch der Drehbuchpreis vielleicht nicht die angemessene Auszeichnung war. Und auch Bennet Miller, der mit seinem düsteren Sportdrama "Foxcatcher" von gebrochenen Männern erzählt und Steve Carrell in einer großartigen, zumindest halbwegs ernsten Rolle auftreten läßt, möchte man den Regiepreis nicht streitig machen.

Xavier Dolan, dem seit Jahren gehypeten Wunderkind, dagegen schon. Seit seinem Erstling "I Killed My Mother" zeigt der 25jährige Kanadier, daß er ein Styler vor dem Herrn ist. Was er erzählerisch nicht heben kann, gleicht er mit ausgedehnten Zeitlupensequenzen, poppigem Soundtrack und einer detailverliebten Ausstattung aus. Mit dem sadomasochistischen Kammerspiel "Tom at the Farm" bewies er zuletzt, daß er sich auch weiterentwickeln kann. Sein diesjähriger Wettbewerbsbeitrag Mommy geht jedoch wieder zwei Schritte zurück. Zunächst muß man durchaus den Mut des Regisseurs anerkennen, im porträthaften Format 5:4 zu drehen und seine Schauspieler bis zur körperlichen Verausgabung anzustacheln. Doch hinter der Verpackung eines schicken Experiments verbirgt sich dann doch nur ein sentimentales und recht konventionelles Arthouse-Drama über eine leidenschaftlich fluchende Mutter und ihren an ADS leidenden Sohn. Proletarier-Romantik mit Feel-Good-Touch.

 

Zur Fortsetzung ...

Michael Kienzl

Festival de Cannes 2014


14. bis 25. Mai 2014

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