Stories_Reisebericht: Cluj

Als Wien ungarisch war

Rumänien hat viel mehr zu bieten als Plattenbauten, altes Ostblockelend und neue EU-Tragödien - zum Beispiel Universitäten, Szene-Cafés und viel Geschichte. Manfred Wieninger besuchte für den EVOLVER die Heimat des Grafen Dracula und seines Chefs, zu dessen Großreich auch die heutige österreichische Hauptstadt zählte.    24.11.2009

Während die aus Bukarest kommende Linienmaschine der rumänischen Fluglinie Tarom zur Landung im siebenbürgischen Cluj ansetzt, erscheint auf den Bildschirmen ein Werbesport der lokalen Banca Transsilvania. Aufgeregt wendet sich ein amerikanischer Geschäftsmann eine Reihe vor mir an die eben vorbeikommende Stewardess: "Are we really in Transylvania? Are we really here? Dracula?" Der Mann ist dann aber sehr enttäuscht, als es am Flughafen von Cluj weder Knoblauchzöpfe noch Kruzifixe zu kaufen gibt, sondern höchstens ein paar Metallikonen, Caffè Latte und Sandwiches.

 

Cluj mag gegenwärtig am äußersten Rande der EU liegen, doch die drittgrößte Stadt Rumäniens fühlt sich Europa nahe. Vier Ethnien - Rumänen, Ungarn, Deutsche und Roma - machen gegenwärtig die Stadtbevölkerung von knapp über 300.000 Menschen aus. Mit fast einem Fünftel der Einwohner sind die Ungarn die größte Minderheit. Zehn verschiedene Konfessionen sind seit Jahrhunderten in Cluj vertreten.

An der renommierten Babeş-Bolyai-Universität, mit mehr als 55.000 Studenten eine der größten Hochschulen Rumäniens, wird seit 1995 in drei Sprachen - Rumänisch, Ungarisch und Deutsch - unterrichtet. Im laufenden Studienjahr werden 22 Studiengänge auf feutsch angeboten. Die Palette reicht von Betriebswirtschaftslehre und Geographie über Computerphysik und Geschichte bis hin zu Journalistik und Europastudien. Das Angebot von vier westeuropäischen Kulturinstituten, darunter ein deutsches Kulturzentrum, trifft auf eine interessierte Bevölkerung. Neben der Babeş-Bolyai-Universität gibt es noch eine Technische Hochschule und diverse (Musik-)Akademien in der Stadt, die gleich über zwei staatliche Opernhäuser - ein rumänisches und ein ungarisches - verfügt.

Cluj ist daher eine Studentenstadt, in der mehr als jeder fünfte Einwohner an einer Uni oder Hochschule lernt oder lehrt, ganz zu schweigen von den Zigtausenden, die direkt oder indirekt von den Studenten leben. Manchmal hat man den Eindruck, daß es in der Stadt mehr Beiseln, Cafés und Bierlokale als Autos gibt - und Autos gibt es jedenfalls eine ganze Menge. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Manche Städte habe eine Universität, Cluj dagegen ist eine Universität.

 

Die Stadt ist aber auch Brutstätte des leisen und hintergründigen siebenbürgischen Humors. Zum Beispiel:

 

Ein Patient geht in Cluj zum HNO-Arzt und klagt über Ohrenbeschwerden: "Ich kann das Wort Krise nicht mehr hören."

"Sie Glücklicher!" antwortet der Mediziner.

 

"Natürlich spüren wir hier die Krise, aber sie wird uns schon nicht umbringen", erklärt mir Ovidiu, der auf dem Gehsteig vor einer heruntergekommenen Plattenbausiedlung im Stadtteil Plopilor eine ambulante Mechanikerwerkstätte betreibt, "Schließlich ist dieses Land seit jeher in der Krise gewesen. Nach ein paar Jahrhunderten gewöhnt man sich daran."

Aus der geöffneten Heckklappe seines VW Polo holt er das jeweils benötigte Werkzeug, um damit im Motorraum einer roten Audi-Limousine herumzuschrauben. Deren Besitzer wartet derweil wenige Schritte weiter unter einem rotweißen SKOL-Sonnenschirm auf einem Plastiksessel und delektiert sich an einer Flasche Bier, alles zur Verfügung gestellt von dem rührigen Kleinunternehmer. Ovidiu ist Student an der hiesigen Technischen Hochschule. Das Studium verdient er sich mit seinem Hobby, dem Hochtunen deutscher Motoren.

 

Von Krise ist im trendigen Café "Diesel" am Hauptplatz von Cluj, der Plata unirii, nichts zu spüren. Das gestylte Lokal in einem uralten Bürgerhaus und vor allem der große Schanigarten davor sind gestopft voll. Hier präsentiert sich sieben Tage die Woche die Jeunesse dorée, die vor allem männliche Jugend Clujs mit teuren Poloshirts, hippen Marken-Sonnenbrillen und modischen Kurzhaarfrisuren. Je älter dessen Träger und je größer dessen Embonpoint, desto teurer die Accessoires und das Outfit. Wer es zudem noch geschafft hat, einen Parkplatz direkt vor dem Schanigarten zu ergattern, kann auch gleich sein blankpoliertes Mercedes-Coupe oder seine fabrikneue Audi-Sportlimousine zur Schau stellen. Alles unter einem Nissan-SUV gilt an diesem gefragten Standort als uncool. Mega-Uncool sind für die Gäste des "Diesel" die uralten, gebeugten und zerknitterten Leutchen, die Mindestrentner aus der Ceausescu-Ära, die ihnen Säckchen mit Walnüssen, einzelne Nelken, Taschentücher und Heiligenbildchen zum Kauf anbieten und von den Kellnern zumeist rasch und dienstbeflissen verscheucht werden.

Die Plata unirii wird von der gotischen St. Michaelskirche dominiert, in der einst die siebenbürgerischen Stände tagten und die heute ein ungarisch-katholisches Gotteshaus ist. Rund um die Kirche ist ein einzigartiges Ensemble von uralten Bürgerhäusern - von Barock über Historismus bis Jugendstil - erhalten geblieben: alles in allem ein Platz, den Joseph Roth in einem seiner K.u.k.-Romane beschrieben haben könnte. Kein Wunder - war diese Stadt, die auf deutsch Klausenburg, auf ungarisch Kolozsvár und auf rumänisch Cluj heißt, doch einst Teil der Habsburger-Monarchie, ab 1790 als Hauptstadt des Großfürstentums Siebenbürgen, ab dem Ausgleich 1867 als Teil des Königreiches Ungarn. Für den großrumänischen Nationalisten Ceausescu war jedoch ein anderer historischer Traditionsstrang weit wichtiger. Er ließ in den 70er Jahren nicht nur unzählige Plattenbauwohnungen am Stadtrand hochziehen und Rumänen aus dem Umland dorthin zwangsumsiedeln, um die demographische, ungarische Majorität zu brechen, sondern verpaßte der Stadt auch den offiziellen, historisierenden Namen Cluj-Napoca - nach der Dakersiedlung Napoca, dem antiken Siedlungskern der Stadt, der aber um 250 nach Christus vollständig unterging und von seiner romanisierten Restbevölkerung verlassen wurde. Erst Siebenbürger Sachsen haben Klausenburg im 13. Jahrhundert neu gegründet und gemeinsam mit Ungarn und Rumänen zu dem gemacht, was es heute ist.

 

Mit seinen Straßencafés, Imbißbuden, Handy-Läden und Boutiquen voll junger Mode ist der Hauptplatz rund um die Michaelskirche vor allem von Studenten geprägt. Aber hinter den renovierten Fassaden und schicken Geschäften, in den Hinterhöfen und Seitengassen, ist die Zeit stehengeblieben. Ein ambulanter Händler verkauft zerlesene rumänische Taschenbücher und verrostete Bajonette. Ein uraltes, ausgeschundendes Weiberl mit schwarzem Kopftuch offeriert einzelne Plastikrosen. Ein braunhäutiger Bub bettelt zaghaft mit offenen, grindigen Handflächen. Ein greiser, stoppelbärtiger Mann mit Baskenmütze und Stock, der seines stark verkrümmten Rückgrats wegen kaum stehen kann, bietet zerknitterte Zeitungen an. Eine übergewichtige Prostituierte in rosa Leggings spricht Einheimische an.

Nur ein paar Steinwürfe davon entfernt befindet sich in einem hypermodernen Hochhaus aus Stahl und dunkelblauem Glas das Hauptquartier der Banca Transsilvania, und ich kaufe in einem nagelneuen Einkaufszentrum daneben mit schlechtem Gewissen Pralinen mit Koriander und eine Tafel der rumänischen Edelschokolade Ciocolata Brukenthal.

 

Ein paar Schritte weiter wurde 1443 Matthias Corvinus aus dem Geschlecht der Hunyadi geboren, einer der bedeutendsten ungarischen Herrscher, der einst nicht nur weite Teile Mährens, Schlesiens und des habsburgischen Österreich erroberte, sondern in diese Länder auch den Geist der italienischen Renaissance, ihre Kunst und Kultur trug und damit in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts das Mittelalter im mitteleuropäischen Raum endgültig zu Ende gehen ließ. 1485 eroberte er Wien und machte es neben Buda zu seiner Residenz. Beide Städte profitierten baulich wie intellektuell von der Begeisterung des kunstsinnigen Herrschers für die Antike. Seine Bibliotheca Corviniana galt als die größte und bedeutendste Sammlung wissenschaftlicher Werke jener Zeit. Die Grenze seines multinationalen Königreiches gegen Westen schob er in diesen Jahren bis nach St. Pölten vor.

Matthias Corvinus plötzlicher Tod 1490 verhinderte, daß Wien länger unter ungarischem Einfluß stand, obwohl ihm als König von Ungarn und Kroatien und Gegenkönig von Böhmen nationale Kategorien ziemlich egal gewesen sein dürften - umgab er sich doch am liebsten mit italienischen Gelehrten und Künstlern. Aauch seine lange Zeit erfolgreiche, nach 1490 aber rasch zerfallende Armee bestand zum größten Teil nicht aus Ungarn, sondern aus gutbezahlten Berufssoldaten serbischer, türkischer, rumänischer usw. Herkunft, darunter übrigens auch der walachische Heerführer Graf Vlad III. Drăculea, die historische Vorlage für Bram Stokers Dracula. Matthias Corvinus Geburtsstadt Cluj ehrt ihren größten Sohn bis heute mit einer monumentalen Reiterstatue am Hauptplatz vor der Michaelskirche und mit einem sehenswerten Museum in seinem Geburtshaus, unweit davon in der Strada Matei Corvin.

Alles in allem ist Cluj in gewisser Weise ein steingewordener Beweis, daß die europäische Zusammenarbeit, die Kooperation verschiedener Völker, Nationen, Kulturen und Religionen lange vor der EU in manchen Teilen Europas und zu manchen Zeiten überraschend gut funktioniert hat, allen Krisen und Katastrophen der europäischen Geschichte zum Trotz. Aber es braucht dazu damals wie heute - und nicht nur in den höchsten Positionen - Menschen wie Matthias Corvinus; Menschen, die bereit sind, sich auf das Andere, auf das Fremde einzulassen. Es braucht mutige Europäer.

Manfred Wieninger

Cluj


(Photos © Manfred Wieninger)

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