Stories_Interview: The Spirit

Hier spricht der Spirit

Ein Interview mit einer Comic-Figur - geht das? Wenn man sie persönlich kennt und verinnerlicht hat, dann schon. Das findet jedenfalls Manfred Prescher. Er nützt die Gelegenheit, anläßlich der Kinofassung ein paar Takte mit dem kriminalistisch begabten "womanizer" zu plaudern.    10.02.2009

EVOLVER: Wie finden Sie eigentlich den Film von Frank Miller?

Spirit: Wahrscheinlich verstehe ich die modernen Zeiten nicht so, aber ich finde die Story doch eher mau und kann mit der Schnittfolge wenig anfangen. Doch die Ladys sind so hübsch wie seinerzeit bei mir.

 

EVOLVER: Aber ungewöhnliche Schnitte - also Panels - waren doch auch das Besondere Ihrer Tageszeitungs-Strips, oder?

Spirit: Mein Erfinder Will Eisner sagte immer wieder, daß die merkwürdigen, schrägen und schmalen Panels der Not geschuldet waren und sich erst allmählich zu einer - seiner - künstlerischen Ausdrucksform entwickelt haben. Das Comic-Syndikat verkaufte zwölf Seiten an diverse Tageszeitungen, und die mußte ich mir mit Lady Luck, die vier Seiten bekam, und mit Mr. Mystic (fünf Seiten) teilen. Also drängte und zwängte mich Will in schmale Panels, die noch dazu die Geschichte vorantreiben mußten. Aber das macht auch den Reiz unserer Storys aus. Batman und Superman, die gleichzeitig mit mir groß wurden, hatten in ihren "Action"- und "Detective"-Comic-Heften deutlich mehr Platz ...

 

EVOLVER: Eisner machte also aus der Not eine Tugend?

Spirit: Ja, die ungewöhnlichen Bilderkästen behielt er auch in seinen graphic novels bei und schuf so Geschichten, die im Erzähltempo variieren. Man denke nur mal an "Signale aus einer anderen Welt" oder "The Building".

 

EVOLVER: Darf man Sie eigentlich als Superhelden bezeichnen?

Spirit: Nein, da bin ich sehr dagegen. Ich verfüge weder über die übernatürlichen Fähigkeiten der Marvel-Helden, noch bin ich ein unbesiegbarer Mann aus dem Weltall. Mir schadet also auch Kryptonit nicht. Aber Scherz beiseite: Ich bin ein normaler Mensch, der seine Fälle durch besondere geistige und körperliche Fitneß erledigt.

 

EVOLVER: Insofern ist Ihnen Batman also wesensverwandt ...

Spirit: Am ehesten, ja. Dazu müssen Sie wissen, dass Will Eisner und Batman-Erfinder Bob Kane in den späten 30er und frühen 40er Jahren häufig zusammenarbeiteten und auch befreundet waren. Wie Batman bin ich eigentlich kein Übermensch; wie er löse ich meine Fälle in finsteren Zeiten in einer Riesenmetropole, die beide Male New York sein soll.

 

EVOLVER: Ihre ersten Abenteuer spielten ja auch im Big Apple und nicht in Central City.

Spirit: Das ist korrekt - und auch das war bei Batman nicht anders. Gotham setzte sich erst mit der Zeit durch. Der Fledermaus-Mann und ich haben aber noch mehr gemeinsam: Wir agieren beide von einem geheimen Zufluchtsort aus, er von seiner Bat-Höhle, ich von einer Gruft auf dem Wildwood-Friedhof. Er hat seinen Sidekick Robin, ich habe meinen Ebony; er hat in Commissioner Gordon seinen Fürsprecher im Polizeisystem, mein bärbeißiger Förderer ist Commissioner Dolan.

 

EVOLVER: Eigentlich sind Sie ja sein Förderer, oder?

Spirit: Das kann man so sehen. Er braucht mich, um mit den Dr. Cobras, den Black Queens, den Lorelei Loxs, den Mr. Midnights oder auch der Mafia fertig zu werden. Allerdings hilft er mir auch immer wieder. Ich denke zum Beispiel an die Zeit, in der ich praktisch vogelfrei war, weil ich unter dem Verdacht stand, Eldas Thayer ermordet zu haben. Es ist schon ein Geben und Nehmen, weil ich ja praktisch außerhalb der geltenden Normen arbeiten muß.

 

EVOLVER: Das liegt aber auch daran, dass man Sie offiziell für tot erklärt hat, oder?

Spirit: Dieser Umstand führt dazu, daß ich als Denny Colt praktisch nicht mehr existiere, dafür aber als Spirit in Bereichen agieren kann, die normalen Detektiven schon aufgrund der Gesetze nicht erlaubt sind.

 

EVOLVER: Eine andere Schwierigkeit dürfte das Liebesleben sein ... Stehen Sie wirklich auf Dolans hübsche Tochter?

Spirit: Ein Toter hat eigentlich kein Liebesleben, nicht wahr? Aber im Ernst: Bis wir zusammenkommen, dauert es notgedrungen ein wenig. Das liegt aber nicht nur an meiner Lebenssituation als Scheintoter, sondern auch daran, daß ich ein vielbeschäftigter Mann bin.

 

EVOLVER: Haben Sie tatsächlich auch in der Spionageabwehr gegen die Nazis gekämpft?

Spirit: In solch düsteren Zeiten muß auch der Spirit seine Stärke einbringen. Ich bin meinem Herzen gefolgt und habe als Patriot gehandelt. Das war schon eine Doppelbelastung für mich: für das Land und für die Stadt zu kämpfen. Dafür hat mich Eisner später öfter in Ruhe gelassen.

 

EVOLVER: Wie darf ich das verstehen?

Spirit: Sehen Sie, das ist der Unterschied zu Batman, der immer im Mittelpunkt stand, stehen mußte, weil die jugendliche Leserschaft ihren Helden erwartete. Meine Fans waren eher Erwachsene und mehr an den Storys interessiert. Insofern konnte Eisner erzählen, ohne daß ich eingreifen mußte. Diese Fälle sind dann noch noir-artiger, weil ich nicht als Retter, sondern höchstens als Kommentator aus dem Off vorkomme.

 

EVOLVER: Wie bei den Whistler-Filmen?

Spirit: Genau.

 

EVOLVER: Warum tragen Sie eigentlich kein Kostüm?

Spirit: Will Eisner war zurecht der Meinung, daß ihn ein Heldenkostüm bei der Findung möglichst unterschiedlicher Geschichten beeinträchtigen würde. Eisner konnte so eine Story in Versform schreiben oder völlig ohne Sprechblasen ... und, ehrlich gesagt, fühlte ich mich viel freier so. Ich konnte auch in eher alltäglichen Storys mitspielen und mich der "Waisenkinder" annehmen. Andererseits war es mir auch möglich, mich mit "Todespuppen", Außerirdischen, wild gewordenen Röntgenstrahlen oder unsichtbaren Mächten herumzuschlagen. Also genügen Handschuhe und Augenbinde völlig. Ich habe ja nichts dagegen, daß man Denny Colt noch erkennen kann, weil ich genug Selbstvertrauen habe.

 

EVOLVER: Eisners Lieblingsgeschichte ist die um Gerhard Shnobble aus dem Jahre 1948. Die wäre mit einem Superhelden in vollem Ornat nicht möglich gewesen.

Spirit: Sicher nicht - das ist ja schon eine graphic novel, die völlig anders ist als Superhelden-Abenteuer. Es geht darin um den biederen Bankangestellten Shnobble, der tatsächlich fliegen kann. Das entdeckten schon seine Eltern, die ihm das aus gutem Grund untersagten. Seine Fertigkeit geriet in Vergessenheit, bis er erwachsen war. Dann übte er, wollte der Welt zeigen, was er drauf hatte. Und da kam ich ins Spiel: Während er die Arme zum Flug ausbreitete, war ich in unmittelbarer Nähe auf Verbrecherjagd. Leider wurde er von einem Querschläger getroffen - und leider war es, bevor er abheben konnte.

 

EVOLVER: Die letzten Worte dieser Story waren: "Beklagen wir lieber unsere Gesellschaft. Denn nicht ein einziger aus der Menge, die zusah, wie seine Überreste weggeschafft wurden, hat bemerkt oder wäre auch nur auf den Gedanken gekommen, dass Gerhard Shnobble an diesem Tag geflogen ist."

Spirit: Da sehen Sie, was ich meine. Ein solcher Schluß und eine derart vielschichtige, tiefgehende Story wären in einem Superheldenheft zumindest damals undenkbar gewesen. Erst später haben Lee, Ditko und Romita das in ihren Marvel-Geschichten hinbekommen, allerdings brauchten die deutlich mehr Platz als Eisner. Und das gilt erst recht für Frank Milller ...

Manfred Prescher

The Spirit

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USA 2008

108 Min.

Regie: Frank Miller

Darsteller: Gabriel Macht, Jaime King, Samuel L. Jackson u. a.

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