Stories_Die Munsters revisited, Pt. 1

Lugosi und Karloff im Pantoffelkino

Man sollte wirklich nicht nur nach dem Äußeren gehen - zumindest nicht bei dieser schrecklich netten Familie. Trotz ihrer Horror-Optik sind die Munsters menschlicher als die meisten "normalen" Sippen und bringen Schmähs, die auch heute noch weit von der Verwesung entfernt sind.    17.03.2008

Das war wohl überfällig: Nach dem Ende der 50er und zu Beginn der 60er Jahre feierten die klassischen Horrorfiguren Dracula, Frankenstein, die Mumie und der Werwolf eine Renaissance im Kino, in Comic-Reihen und der Popmusik ("Monster Mash" und andere). Sie waren so angesagt, daß gleich zwei TV-Serien mit den längst zum kulturellen Allgemeingut gehörenden Fabelwesen konzipiert wurden - die "Addams Family" und die "Munsters".

Beide Fernseh-Hits starteten übrigens in derselben Woche im September 1964 und wurden nach 70 Folgen gleichzeitig wieder abgesetzt. Während die Addams auf einem seit den Dreißigern sehr beliebten Zeitungs-Strip von Charles Addams basierten, waren die Munsters eine "neue" Erfindung - allerdings eine, die in manchen Episoden wie zum Beispiel "Das maskierte Wunder" oder "Familienbande" zeigt, daß die Serie ebenfalls stark von Charles Addams beeinflußt war. Ist ja auch klar; schließlich hatte man bei den Munsters das bekannte Horrorszenario mit Spukschloß, knarrenden, unheilschwangeren Geräuschen und einer Gruseltruppe ebenso in die heile Welt der US-Vorstädte verlegt wie bei der Konkurrenz. Hier wie dort führen die titelgebenden Familien ein eigentlich sehr bürgerliches Leben. Die Komik ergibt sich daraus, daß die Normalos hysterisch, ziemlich spießig und uncool sind - besonders natürlich im Umgang mit den "Monstern".

 

Beide Serien gehören zu den letzten, die noch in Schwarzweiß gedreht wurden, was natürlich beabsichtigt ist und - besonders bei den Munsters - eine liebevolle Hommage an die berühmtem Genre-Klassiker der 30er und 40er sowie an die unter anderem von Boris Karloff, Claude Rains, Bela Lugosi oder Elsa Lanchester geschaffene Ästhetik der Figuren darstellt.

In die Moderne transportiert wird der bewährte Impetus durch die Gattung Sitcom, die in den 60er Jahren ihren künstlerischen Höhepunkt hatte. Alles war möglich: ein Geist, der eine Frau aus Fleisch und Blut liebte; eine Jeannie, die einen NASA-Astronauten heiraten will; eine Gaunerfamilie, die mit Herz reiche Bösewichte ausräumt - oder eben das ganz normale Familienleben von Dracula und Frankensteins Monster in dunkler Schattierung. Die Regisseure der Munsters spielten mit der Schwarzweiß-Ästhetik: Je näher die Story an den Horrorvorgaben war, desto härter wurde der Kontrast. Spielte die Handlung in "menschlichen" Straßen und Häusern, etwa in der Start-Episode "Der Maskenball", verschwanden die Schatten, das Set wurde heller ausgeleuchtet, und die kühle Färbung wechselte in ein beträchtlich wärmeres Sepiagrau. Mit dieser visuell fast Film-noir-mäßigen Vorgehensweise beschäftigte sich besonders der erfahrene TV-Serien-Regisseur Ezra Stone, der mehr als ein Drittel aller "Munsters"-Episoden verantwortete.

 

"My Parents, An Average American Family"

 

Ein echter Munster ist nicht eben erst von der Evolution aus dem Gully geworfen worden, sondern Teil einer sehr weitverzweigten Ahnenreihe, die ihre Wurzeln natürlich unter anderem auch im alten Transsilvanien hat. Onkel Boris, Großvater Ronald Dracula oder der irre Schwager Norman Hyde/Brent Jekyll stehen als lustige Sidekicks der Kerntruppe auch für den umfangreichen Stammbaum der Munsters.

Im Mittelpunkt einer jeden Familie stand in den 60ern der "Herr des Hauses": Herman Munster, gespielt vom großartigen Fred Gwynne, ist dem Karloff-Monster wie aus dem Gesicht und der Statur geschnitten. Und was in den alten Frankenstein-Filmen schon zu sehen war, setzt sich bei Herman fort: Das Monster ist eigentlich nicht böse; hier ist es sogar sehr liebenswert, leicht schusselig und schwer naiv. Herman ist ein Mensch, wie er sein sollte, wenn man einmal davon absieht, daß seine Einzelteile unterschiedlich alt sind. Seine Gattin Lily Dracula-Munster wurde vor "mehr als 137 Jahren" in Transsilvanien geboren und hat eine Vorliebe für das Parfum "Chanel No. 13". Ihr an eine ältliche Ausgabe des Batman-Pinguins erinnernder Vater, der im Laufe seines schon Jahrhunderte andauernden Lebens mit mindestens 16 Frauen verheiratet war, und ihr Bruder Lester gehören zum erweiterten Kreis der Kernfamilie.

Die Kinder von Lily und Herman sind sehr unterschiedlich: Söhnchen Edward "Eddie" Wolfgang Munster ist ein echter Knuddel, der sich aber - wie auch Onkel Lester - nächtens in einen Werwolf verwandelt. Nichte Marilyn Munster ist hingegen das mißratene Geschöpf, das besonders in den ersten 13, von Beverly Owen gespielten Folgen, aussieht wie die leibhaftige Monroe. Danach verleiht Pat Priest dem aus der Art geschlagenen Mädchen den Sex-Appeal der 60er Jahre. Ihre Figur ist natürlich darauf angelegt, die Begeisterung in der menschlichen Jungmännerschar zu wecken und so im Plot für Reibereien zwischen den Munsters und ihrer bürgerlichen Umgebung zu sorgen.

 

My home is my dungeon

 

Eine echte Monsterfamilie wohnt natürlich in einem Spukschloß-ähnlichen Anwesen mit dementsprechend verwildertem Garten. Die Alptraum-Villa der Munsters liegt in Mockingbird Heights/somewhere in USA, genauer in der Mockingbird Lane 1313. Das Mobiliar ist stilgerecht antik und verlebt, wird aber von der monstermäßig guten Hausfrau Lily in Schuß gehalten, was zum Beispiel bedeutet, daß Spinnweben zum gepflegten Teil des Einrichtungskonzepts gehören.

Da die Munsters aber nicht mehr in den Büchern von Shelley oder Stoker, sondern in der Jetztzeit leben, fahren sie auch Auto: Opa Munster schwört auf seinen Drag-U-La, eine Art Rennwagen auf Basis des Ford Mustang der ersten Serie. Als Familienfahrzeug dient ein skurriler Gigant, der Munsterwagen. Der besteht aus drei Ford Model Ts, wird aber von einem damals aktuellen V8 angetrieben. Die beiden Autos waren stilbildend - vergleichbar mit den diversen Batmobilen oder Bonds Aston Martin DB6.

Wer Kinder hat und einen großen Garten, der braucht natürlich auch Haustiere. Das gilt genauso für die Munsters, die in der Mockingbird Lane einen kompletten Zoo skurriler Geschöpfe beherbergen. Angefangen vom Piranha Goldie, der im Goldfischglas lebt, über die allerdings nie zu sehende Schlange Elmer und den Raben Charlie, der immer "Nevermore" krächzt, bis hin zu Spot: einem Drachen, dessen Lindwurmhütte sich unter der Treppe des trauten Heims befindet. Wird er von Besuchern oder Familienmitgliedern gestört, betreten also Eindringlinge seine Intimsphäre, so spuckt er Feuer.

Betrachtet man Flora, Fauna, Haus und Auto, so zeigt sich erneut, daß das "Munsters"-Design ein vollendetes Gesamtkunstwerk ist.

 

to be continued ...

Manfred Prescher

Die Munsters - Season 1

ØØØØØ

(The Munsters)

Leserbewertung: (bewerten)

Koch Media (USA 1964)

7 DVDs Region 2 (D)

1018 Min. + Zusatzmaterial, deutsch

Zusatz-Features: nie ausgestrahlte Pilot-Folge in Farbe, Doku "America´s First Family Of Fright", Doku "Fred Gwynne: More Than A Monster"

Regie: Ezra Stone und andere

Darsteller: Fred Gwynne, Yvonne De Carlo, Al Lewis u. a.

 

Koch Media hat es möglich gemacht und bringt die ersten 38 Episoden in einer sehr opulenten Box heraus. Besonders gelungen ist dabei die optische und akustische Aufbereitung der mehr als 40 Jahre alten TV-Serie. Der Dolby-2.0-Klang ist ausgewogen, rauschfrei und ohne Schwankungen, das Schwarzweißbild perfekt digitalisiert. Im Gegensatz zu anderen, deutlich jüngeren Serien - vom "A-Team" bis zu "Die Profis" - wurden "Die Munsters" eben nicht einfach und preiswert auf DVD kopiert, was die Serie frisch und durchaus modern wirken läßt.

Links:

The Munsters revisited, Pt. 2

(demnächst im EVOLVER)


Zur Veröffentlichung der zweiten Staffel Ende April werden hier die zehn besten Folgen der Serie und der Film "Munster, Go Home" ausführlich vorgestellt. Außerdem soll die Frage beantwortet werden, was Herman, Lily, Opa Munster und die anderen Hauptfiguren nach ihrem Leben in der Mockingbird Lane so gemacht haben. Der große Fred "Herman" Gwynne überstand ja sogar den "Friedhof der Kuscheltiere" ...

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