Stories_The Staggers

Do The Ripper

Wild raw Rock´n´Roll: Die heimische 60s-Garage-Rock-Combo sorgt nicht nur in Österreich für gehöriges Aufsehen. Jetzt ist der erste Longplayer der wüsten Retro-Rocker erschienen.    10.11.2006

"Bei einem Gig in der Arena hab´ ich einmal fünf Sessel an die Wand geschleudert, einen Tisch umgeschmissen und wie wild herumgegrölt", erzählt Wild Evel stolz. "Dann bin ich quasi direkt von meinem eigenen Konzert hinausgeworfen worden."

Ein verschmitztes Lachen kann sich Sebastian Sailer alias Wild Evel, Sänger der Staggers, nicht verkneifen - auch wenn diese Anekdote aus dem feucht-fröhlichen Rock´n´Roll-Alltag gegen diverse frühere Inszenierungen von Drahdiwaberl-Mastermind Stefan Weber und Konsorten eine Lappalie ist ...

Dennoch hat selten eine Band der jüngeren Historie derart heftig im österreichischen Underground umgerührt wie die sechs Retro-Rocker aus Graz und Umgebung. Ihre Mischung aus dreckigem 60s-Garage-Rock mit Elementen aus dem Trash-/Surfpop-Bereich elektrisiert, die Band selbst fasziniert mit einer szenegerecht authentischen Attitüde.

Da kann es bei Live-Gigs schon einmal passieren, daß der Sänger stockbesoffen im stilvollen Maßanzug einen gehörigen Schluck Spirit aus dem stinkenden Stiefel des Sängers der Vorband nimmt und dabei von Monstern, Werwölfen und Zombies daherbrüllt - oder daß Lightnin´ Iris alias Iris Moustakidis blattlwaach in die Tasten ihrer Farfisa-Orgel hämmert und Shakin´ Matthews alias Matthias Krejan blunzenfett seine Gitarre bearbeitet.

Die Staggers haben schon beinahe überall in Österreich gespielt, selbst im verstecktesten Winkel der Oststeiermark - dort, wo sich die Menschen ihre Pilze und Eierschwammerln im Wald noch selbst suchen. "Wir haben uns unsere Fans wohl erspielt", zieht Lightnin´ Iris nüchtern Bilanz.

Bis zu 120 Auftritte absolvierte die Band seit ihrer Gründung (2002) pro Jahr, und irgendwann rief auch das Ausland. "Wir waren schon vor unserer Band-Gründung mit der internationalen Szene eng verbunden und reisten gemeinsam zu mehrtägigen Treffen ins Ausland", erzählt Wild Evel. Aus Freundschaften entwickelte sich ein beachtliches soziales Netzwerk, das selbst Konzerte in Deutschland, Belgien, England, Portugal oder Frankreich ermöglichte. "Oft waren dort in den Clubs nur etwa 50 bis 70 Besucher", erinnert sich der Sänger. "Beim 'Wild Weekend Festival' im spanischen Benidorm spielten wir dann aber auch vor mehr als 2000 Fans." Und das alles ohne einen Longplayer im Handgepäck, ohne Tour-Manager, ohne Promo-Agentur ...

Dabei stand die Band schon 2004 kurz vor dem Aus. Mitten in der damaligen Europatournee setzten sich zwei Bandmitglieder ab - Alkohol dürfte auch hier eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Ein Jahr danach setzte die Dramaturgie zu einem neuen Höhepunkt an: In München, der ersten Station der geplanten Deutschland-Tour, löste sich die Gruppe zum zweiten Mal auf. Und waren die Herrschaften einmal nicht im Begriff, sich voneinander zu trennen, dann streikte der alte Tourbus - stilgerecht ein Feuerwehrwagen, Baujahr 1969.

So gesehen war 2006 das erste Jahr, in dem die Staggers eine komplette, selbstorganisierte Europatournee ihrem Ende zuführen konnten, ohne etwaige Kollateralschäden wie Mitgliederverluste hinnehmen zu müssen. Zu erzählen hatten die Staggers dennoch einiges - etwa, daß entweder in ihren Hotelzimmern eingebrochen wurde oder sie selbst in ihr eigenes Hotelzimmer einbrechen mußten, weil sie ihren Zimmerschlüssel verloren hatten.

In diesen Tagen erscheint ihr Debütwerk "Teenage Trash Insanity", inklusive großer Veröffentlichungs-Parties in Wien (10. November/Arena) und Graz (11. November/PPC). Herzstück des Band-Sounds bildet live wie auch auf Platte der eingängige Sound der Farfisa-Orgel. "Ich habe das erste Stück über eBay gefunden", erzählt Iris. "300 Euro hat sie gekostet, war total kaputt und mußte komplett saniert werden." Die Hoffnungen, mit dem Sound der ersten CD die Anhängerschaft um ein ordentliches Stück zu erweitern, sind groß.

Andererseits überlassen die Staggers nichts dem Zufall: Auf Einladung werden sie im Jänner 2007 nach Groningen zur Musikmesse "Eurosonic" reisen, bei der die heißesten Acts der Stunde sowie potentielle Newcomer präsentiert werden. Schon im kommenden Frühjahr sollen im spanischen Gijon auch neue Nummern (rechtzeitig zur folgenden Europa-Tour) eingespielt werden.

Die Mühen der Band schlagen jedenfalls auch schon ökonomisch zu Buche. Ein neuer Bandbus (Baujahr 2003) wird die Band bei den kommenden Tourneen etwas luxuriöser durch Europa kutschieren. Und dann sollten die Leute ja auch noch die Platte kaufen. Frontman Wild Evil sieht das ganze straight: "Ich liebe es zu spielen und Sachen zu erleben. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Gegen Geld wehre ich mich nicht ..."

David Krutzler

The Staggers - Teenage Trash Insanity

ØØØØ 1/2


Wohnzimmer (Ö 2006)

 

Album-Release-Parties:

10. November: Arena, Baumgasse 80, 1030 Wien

11. November: PPC, Neubaugasse 6, 8020 Graz

 

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Musik
Velvet Revolver - Libertad

Heroin Chic

Auch das zweite Album der Guns-N´Roses-Nachfolgeband um den härteren Drogen nicht abgeneigten Gitarrero Slash besticht wieder durch erdigen, kompromißlosen Rock. Trotzdem wird Sänger Scott Weiland dem Vergleich mit Axl Rose niemals standhalten können.  

Musik
The Beautiful Kantine Band - Deluxe Vol. 1

Pannonische Surflehrer

Amerikanische Surf-Pop-Gitarren aus Kalifornien und britische Beats aus den 60ern, vereint mit deutschen Texten und einer Prise Schlager? Für dieses illustre Quartett kein Problem.  

Stories
The Staggers

Do The Ripper

Wild raw Rock´n´Roll: Die heimische 60s-Garage-Rock-Combo sorgt nicht nur in Österreich für gehöriges Aufsehen. Jetzt ist der erste Longplayer der wüsten Retro-Rocker erschienen.  

Akzente
Nova Rock Festival 2006

Verlogene Doppelmoral

Guns N´Roses sind wieder da - ohne Radlershorts, Bandana und Slash, dafür aber mit einer fulminanten Bühnenshow, die mit alten Hits und neuen Krachern gespickt ist.  

Akzente
Konzert-Tip: Nova Rock Festival

Welcome to the Pußta!

Die Reinkarnation eines Glamrock-Giganten, oder: Das Aufflackern einer Legende in der stürmischen pannonischen Tiefebene. Guns N´Roses spielen wieder mit dem Feuer.  

Akzente
Konzert-Tip: Backyard Babies

Schweinerock aus Hinterhöfen

Den Einzug in Stadion-Rock-Sphären haben die Schweden-Poser mit ihrem dreckig-verschwitzten Rock zum Glück noch nicht geschafft. So kann man sie weiter in kleineren Venues erleben.