Stories_Tinto Brass im Interview

"Ich schaue zuerst auf den Hintern"

Er ließ die Puppen tanzen und in "Caligula" das römische Reich untergehen: EVOLVER traf den italienischen Filmemacher anläßlich seines 75. Geburtstags zum Gespräch.    08.04.2008

Am 26. März feierte der italienische Erotik-Regisseur Tinto Brass seinen 75. Geburtstag. Viele halten ihn für einen Sexisten und stempeln seine Filme als reine Pornographie ab. Doch damit läßt sich Brass´ Werk nicht fassen - es bietet mehr als nur nackte Haut. Lesen Sie dazu den ersten Teil unserers EVOLVER-Porträts.

Doch jetzt übergeben wir das Wort an die Herren Manfredo, Tomaso und Brass ...

EVOLVER: Ein Gesicht kann lügen, ein Hintern nicht...

Brass: Das ist wahrscheinlich der am meisten kolportierte Satz, den ich gesagt haben soll.

EVOLVER: Er stammt nicht von Ihnen?

Brass: Ehrlich gesagt? Ich weiß es nicht.

EVOLVER: Aber der Aussage stimmen Sie doch zu?

Brass: Wenn man sie nicht allzu ernstnimmt, dann schon. Ein Gesicht kann mit Schminke übermalt sein, sein Alter oder Unebenheiten verbergen, aus dem Mund können grausame Lügen kommen. Ein Po ist da auf jeden Fall ehrlicher.

EVOLVER: Sie werden oft als Po-Fetischist bezeichnet ...

Brass: Da ist sicher was dran ... Ich schau´ bei Frauen zuerst auf den Hintern. Auch wenn er nicht reden kann - mich spricht ein runder Po an. Natürlich sehe ich ihn nicht losgelöst vom femininen Rest.

EVOLVER: Sie sind seit einem halben Jahrhundert im Filmgeschäft aktiv. Ans Aufhören denken Sie nicht?

Brass: Sagen wir so: Die Intervalle zwischen meinen Regiearbeiten werden etwas länger. Ansonsten werde ich filmen, solange ich lebe.

EVOLVER: Wie ist Ihr Verhältnis zu Pornos?

Brass: Ich habe eigentlich keines. Mir war es auch nie wichtig erschienen, mich von den Pornomachern abzugrenzen. Das tue ich ja schon, indem ich die Momente der Lust aus den Geschichten heraus entwickle.

EVOLVER: Ihr internationaler Durchbruch in den 70er Jahren hatte aber doch mit dem Porno-Boom zu tun ...

Brass: Der Erfolg von "Deep Throat" in normalen Kinos hat natürlich neue Möglichkeiten eröffnet. Plötzlich bekamst du für freizügige Filme ein großes Budget und Werbeunterstützung. Das hat mir sehr geholfen. "Salon Kitty" wäre sonst nie entstanden, zumindest nicht in dieser Form.

EVOLVER: Und "Caligula" war dann der Overkill?

Brass: Also, zu "Caligula" werde ich definitiv nichts mehr sagen.

EVOLVER: Egal, ob "Kitty", "Caligula" oder "Senso ´45" - die Dekadenz exzessiver Macht ist Ihnen aber regelmäßig ein Thema ...

Brass: Das ist sicher so. Für mich geht es darum, den heißen Tanz auf dem Vulkan in Szene zu setzen. Denn genau das passiert, wenn Macht auf dem Höhepunkt angelangt ist: Die Protagonisten feiern, und mit dem Wissen, daß alles ins Gegenteil kippen wird, werden die Ausschweifungen bizarrer.

EVOLVER: Auch andere italienische Regisseure lieben den morbiden Charme des Untergangs. Warum ist das so?

Brass: Es kommt unserer theatralisch veranlagten Seele entgegen. Ich glaube aber, daß das Endstadium von überdimensionaler Macht kein italienisches, sondern ein europäisches Thema ist. Noch leben auf unserem Kontinent Menschen, die den Zusammenbruch des Adelssystems und das Ende von Demokratien und faschistischen Diktaturen erlebt haben. Für Filmregisseure bieten gerade die Übergangszeiträume Geschichten, die in ihrer Abgründigkeit weit jenseits des Alltäglichen angesiedelt sind. Was für "Caligula" natürlich nicht gilt, denn mit diesem Kaiser ging das römische Reich bekanntlich noch nicht unter.

Don Manfredo & Don Tomaso

Der letzte der alten Schule

Tinto Brass wird 75

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