Stories_Viennale 2007/Journal III

He´s Lost Control

Kontrollverlust allerorten: bei Joy Divisions Ian Curtis in "Control" genauso wie bei den unter Schock stehenden Eltern des kleinen Teufelskerls "Joshua". Und bei Javier Bardems irrem Killer in "No Country For Old Men" ist jeder Anspruch auf Recht und Ordnung sowieso nur noch ein Wunschtraum ...    31.10.2007

"I could live a little better with the myths and the lies/When the darkness broke in, I just broke down and cried."

(Joy Division - "She´s Lost Control")

 

Was lange währt ... eh schon wissen. Jedenfalls brauchte es wohl wirklich erst die Schlußgerade der heurigen Viennale, um nach vielen passablen und durchaus auch überdurchschnittlichen Filmen die wirklich herausragenden zutage zu fördern. Wie zum Beispiel Anton Corbijns Ian-Curtis-Filmbiographie Control, die die nicht nur von der Fan-Gemeinde ohnehin schon enorm angefachten Erwartungen noch einmal mit Leichtigkeit (bzw. eben Schwermut) zu überbieten weiß. Daß Corbijn mit Bildern umzugehen weiß, dürfte jeder bemerkt haben, der sich in den vergangenen drei Jahrzehnten mit Popkultur und deren visueller Vermittlung beschäftigt hat - die unzähligen Videos und Photoshootings für so gut wie alle relevanten Musikgrößen dieser Zeitspanne legen darüber eindrucksvoll Zeugnis ab. Dennoch durfte man angespannt bis skeptisch sein darüber, ob das radikale, monochrome Bildkonzept Corbijns ("Control" ist zur Gänze und thematisch passend farblos gehalten) eben nicht nur über Musikvideo-, sondern über Spielfilmlänge trägt - und ob es der Holländer darüber hinausgehend auch verstehen würde, eine Geschichte (in diesem Fall die tragische, die zum Selbstmord des Joy-Division-Sängers führte) so zu erzählen, daß sie auf mehreren Ebenen, also auch der emotionalen, funktioniert.

Und wie ihm das gelungen ist. Das Manchester der ausgehenden Siebziger erscheint einem genau als das trostlose, lebensenergieaussaugende Industrie-Loch, das es gewesen sein muß; die Konzertaufnahmen vibrieren dafür nur so vor Intensität; und der durch Weltschmerz, Liebes- und Lebenslüge (Familienidylle vs. Rockstardom) und Krankheit ausgelöste Zerfall von Curtis dürfte wohl nicht nur bei sensiblen Zeitgenossen Beklemmungen auslösen. Als absoluter Glücksfall erweist sich dabei Hauptdarsteller Sam Riley, der nicht nur so aussieht und gestikuliert wie Curtis, sondern auch annähernd genauso singt. Daß man in der B-Note noch kleine Abstriche für das etwas verklärende Script - so wird Ians Obsession fürs Dritte Reich brav ausgeklammert - machen muß, dürfte in erster Linie darauf zurückzuführen sein, daß Curtis´ Witwe als Autorin und Produzentin involviert war, fällt aber nicht sonderlich ins Gewicht bei diesem besten Film der Viennale 2007. Am liebsten möchte man ihn jetzt schon als mit reichlich ergänzendem Bonusmaterial versehene DVD im Regal stehen haben ...

 

Direkt davor gab´s den zweitbesten Film des Festivals zu sehen, die "Bad Seed"-Geschichte Joshua rund um einen neunjährigen Satansbraten, der seine Familie nach der Geburt der Zweitgeborenen nach und nach in den Wahnsinn stürzt. Obwohl Bildsprache und Umsetzung Déjà-vus an "Rosemary´s Baby" oder "Das Omen" evozieren, geschieht das aber keineswegs durch übernatürliches Hokuspokus, sondern einfach dadurch, daß das unheimlichste Kind, das man sich vorstellen kann, durchs geschmackvoll geschmacklose Interieur des Neureiche-Eltern-Hauses läuft und Sachen sagt wie: "Mommy and Daddy: I love you." Und kurz darauf liegt der Hund tot in der Küche - während der Hobbypsychologe in einem selbst Theorien über passiv-aggressive Fratzen spinnt und sich insgeheim doch schon wieder auf die nächste, mit Engelsmiene verübte Bosartigkeit freut. Ein subtiler, schrecklich realitätsnaher Schocker, der selbst Brangelina das Kinderkriegen dauerhaft vermiesen sollte. Oder wie es ein US-Kritiker so schön sagte: "If you´ve never wanted to punch a child in the face, see 'Joshua' and discover a whole new side of yourself."

 

Wenn der kleine Joshua einmal groß ist, dann wird aus ihm vielleicht auch so ein mean motherfucker geworden sein, wie er in No Country For Old Men in der Form des stoisch-psychopathischen Javier Bardem durch die südtexanische Gegend läuft - und dort mit einer zur Schußwaffe umfunktionierten Sauerstofflasche (!) Leichenhäuser im Alleingang füllt. Anton Chigurh heißt der Typ dann passenderweise auch gleich, und er hat eine Mission: eine mit Drogengeld gefüllte Tasche zurückzubekommen, die ihm ein Wilderer durch Zufall abgeluchst hat. Wenn der wüßte, worauf er sich da eingelassen hat ...

Da es sich hierbei um eine Verfilmung eines genialen Americana-noir-Romans des großen Cormac McCarthy handelt, ist die Marschrichtung auch vorgegeben: Wir haben es hier mit einem Western der nicht unbedingt weniger gewalttätigen Jetztzeit zu tun, einer Odyssee in flirrend-heiße Landschaften und schwarze Herzen. Ein idealer Stoff also für eine herrlich bösartige und trocken erzählte Blutoper - zumindest in der Theorie. In der Praxis ist dem regieführenden Brüder-Gespann Coen leider wieder ein wenig zuviel "Lustiges" eingefallen, was den grimmigen Effekt der Geschichte immer wieder ins komisch Absurde kippen läßt, der Glaubwürdigkeit des Filmes aber nicht unbedingt zum Vorteil gereicht. Dennoch: ein Lichtblick im heurigen Programm.

 

Nun hätten Sie sicher noch gern eine eindeutige Stellungnahme zu George Romero´s Diary Of The Dead gelesen, nicht wahr? Da muß Sie der Außenberichterstatter aber leider enttäuschen bzw. vertrösten. Er konnte sich bis dato nämlich immer noch keinen Reim darauf machen, ob Romeros fünfter, im "Blair Witch"-Homemade-Video-Stil gefilmte Zombie-Streifen (nur zwei Jahre nach seinem "Land Of The Dead") nun ein ganz amüsanter Streifzug durch seine eigene Untoten-Geschichte (mit unzähligen Anspielungen und Insider-Witzen) ist oder doch nur eine einer gewissen Altersverwirrtheit zuzuschreibende Selbstdemontage mit recht plumper Medienkritik. So einfach läßt sich das auch nach einigen Tagen Nachdenkpause nicht sagen, dafür muß man eventuell in Zukunft etwaige DVD-Audiokommentare zu Rate ziehen. Bis dahin bleibt die Conclusio: Wie alle Romero-Zombie-Filme zuvor ist auch "Diary Of The Dead" ein Kind seiner Zeit - und die ist nun einmal sehr verwirrend ...

Christoph Prenner

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