Editorial_28. 10. 2008: Sprachpflege

Rez gscheid!

Das Jahr 2008 wurde von der UNESCO zum "International Year of Languages" erklärt. In der Liste gefährdeter Sprachen und Dialekte fehlt allerdings eine Idiomgruppe: das Österreichische. Wir erklären, was daran schützenswert ist - und leisten ab sofort alle 14 Tage einen weiteren Beitrag zur Bewahrung des Weltkulturerbes.
   29.10.2008

Daß die UNESCO das Jahr 2008 zum "International Year of Languages" erklärt hat, dürfte an den meisten wohl spurlos vorübergegangen sein. Hier also die entsprechende Stellungnahme:

 

Sprachen sind in der Tat essentiell für die Identität von Gruppen und Individuen und für ihre friedliche Koexistenz. Sie stellen einen strategischen Fortschrittsfaktor im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung und ein harmonisches Verhältnis zwischen globalem und lokalem Kontext dar.

Nur wenn Mehrsprachigkeit umfassend akzeptiert wird, können alle Sprachen ihren Platz in unserer globalisierten Welt finden.

 

Also sprach Hr. Kōichirō Matsuura. (Daß dieser japanische Diplomat seit bald zehn Jahren Generaldirektor genannter Organisation ist, wäre eine vermutlich hochdotierte Antwort bei der Millionenshow.)

Weiters erklärte er:

 

Die UNESCO lädt daher Regierungen, UN- und zivilgesellschaftliche Organisationen, Erziehungsinstitutionen, professionelle Verbände und alle anderen Interessenten ein, ihre Aktivitäten bezüglich Förderung zur Achtung aller Sprachen - speziell der gefährdeten -, ihrer Unterstützung und Bewahrung zu verstärken, im Kleinen wie im Großen.

 

Auch wir finden, daß es höchste Zeit war, Sprachen und Dialekte in das Weltkulturerbe aufzunehmen; wie schlecht es um deren Pflege steht, zeigt nicht nur der obige Text (vielleicht klingt er ja auf Japanisch besser).

Bedauerlicherweise fehlt eine gefährdete Sprachgruppe in den Listen: Im Gegensatz zum Schwyzerdütschen existiert "Österreichisch" nämlich allenfalls in kursiven Randnotizen des Duden. Und das, obwohl es nicht nur in seinen mannigfaltigen Dialekten historische Wurzeln bewahrt, sondern sich auch in Melodie und Ausdruckskraft wohltuend von der Hochsprache unserer nördlichen Nachbarn abhebt. (Ehschowissen Karl Kraus: "Was uns von den Deutschen unterscheidet, ist die gemeinsame Sprache".)

Den Gesetzen des Marktes gehorchend, ist internationale Literatur hierzulande fast ausschließlich in bundesdeutscher Übersetzung erhältlich. Filme werden überwiegend germanisch synchronisiert, und Hollywood-TV-Serien sowieso (was dann meist dazu führt, daß schlechtes Englisch in falsches Deutsch übertragen wird); von der allgegenwärtigen Werbe-Zwangsbeglückung ganz zu schweigen.

Kein Wunder, daß sich hatscherte Anglizismen - "Sinn machen"/"Risken"/"gedownloaded" - und piefkinesische Ausdrücke - "knackich"/"hat gelegen"/"Blödmann" - schmerzhaft ausbreiten. In der Transkription von John Irvings literarisch zwar verzichtbarem, aber erfolgreichem "Laßt die Bären los" etwa spricht ein Wiener (!) so: ... schrubbt sich mit irgendso ´ner Sülze aus einem braunen Fläschchen das Zahnfleisch. Wo der hinhaucht, macht das Unkraut schlapp.

Daß einem dabei schlecht werden kann, ist sogar schon der hiesigen Stadtregierung aufgefallen. Deren parteieigene Werbeagentur hat zwar besagtes Buch massenweise verschenkt, betreibt aber nun eine Site, welche sich der Förderung des Wienerischen annehmen soll. In der Rubrik "Wortpatenschaft" bekunden Angehörige der Seitenblicke-Society ihre linguistische Kompetenz. (Ein FPÖ-Anwalt: Ich übernehme die Patenschaft für "Strizzi", weil mir als Strafverteidiger dieses Wort nicht unsympathisch ist.)

Nun, so schlimm soll es um unser genuines Idiom nicht bestellt sein, daß Sprachpflege nur mehr als Freizeitgestaltung für Klatschspalten-Lemuren zu gebrauchen wäre.

Sprachen, heißt es seitens der UNESCO, sind "mit ihren komplexen Implikationen in Bezug auf Identität, Kommunikation, sozialer Integration, Erziehung und Entwicklung von maßgeblicher Bedeutung". Wir nehmen sie also beim Wort.

Um das Feld verbaler Verständigung nicht kampflos Leuten zu überlassen, die "leck-er" unappetitlicherweise für eine Geschmacksvariante halten, hat EVOLVER den international renommierten Linguisten und Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Alois Seicherl als Gastautor engagiert.

In zweiwöchigem Turnus wird er hier Fragen im lokalen semantischen Kontext beantworten, die sprachlichen Hintergründe erläutern und Hilfestellung in allen Lebenslagen leisten: kompetent, einfühlsam und proletarisch korrekt.

 

In diesem Sinne:

Rez gscheid!

EVOLVER-Redaktion

Rez gscheid!

Wienerisch im Alltag

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Kommentare_

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Marianus Studiosus - 03.02.2011 : 12.08
Lieber Dr. Seicherl,

ich habe mit großem Interesse und Schmunzeln viele Ihrer Beiträge verfolgt, und wage hiermit Sie mit einer vielleicht trivialen Frage aus dem schlichten sprachlichen Alltag zu belästigen. Natürlich traktiere ich hier den richtigen wenn ich darum bitte, mir einen kleinen Rat zu geben, wie man sich in unserer geliebten deutschen Sprache im Alltag so ausdrückt. Ich rätsele nämlich schon länger wie man folgendes richtig sagt:

"Um so" schöner, "um so" besser,
"je" schöner, "desto" besser,
"desto" schöner, "desto" besser,
"desto" schöner, "umso" besser,

um nicht so eintönig zu sein vielleicht ein paar andere Varianten:

"je" größer, "um so" geiler,
"je" besoffener, "je" lustiger,

oder

ich fühle mich "um so" schlechter, "je" öfter ich nichts von Dir höre,
oder heisst es: , "desto" öfter ich ...
oder gar: , "um so" öfter ich ...

oder kann man sagen:

ich speie "desto" intensiver, "je" mehr ich völlere?

usw, -- usf. Da gibt es sicherlich noch andere Auswüchse im Sprachgebrauch, und viele Varianten hört man oft.

Aber was ist nun die richtige?? Historisch gesehen, grammatikalisch gesehen, umgangssprachlich, oder gar "Teutsch" gesehen.

Versteht er mich, was ich meine??

Wenn "Ja", dann bitte dringendst um Hilfe, damit ich mich in Zukunft nicht mehr so über meine tumben Stammesgenossen ärgern muß, und vielleicht selbst gesenkten Hauptes nach Hause gehe.

Ich verbleibe mit Dank im Voraus für ein paar Ihrer grauen Zellen

Marianus Studiosus
Dr. Seicherl - 03.02.2011 : 21.16
Sehr geehrter Herr Studiosus!
Wenngleich ich die wenigen mir im Alter verbliebenen grauen Zellen lieber behalte, bemühe ich selbige doch gerne zur Beantwortung Ihrer Fragen.
Zunächst: Im Österreichischen wird "umso" zusammengeschrieben und auch so ausgesprochen; jedenfalls in den von Ihnen zitierten Zusammenhängen. (Im Unterschied zu Formulierungen wie "Ich mußte nach Zertrümmern des Schanktisches [wien.: der Budel] um so vieles mehr bezahlen, daß ich wohl besser keinen Streit mit dem Wirt ob der Bierrechnung begonnen hätte".)
Was Ihre Frage betrifft - kurz gesagt: "je" und "desto" bedingen einander im gleichen Satz; "umso" hat dabei eigentlich nichts verloren.
Ohne "je" kein "desto", und vice versa. Falsch ist daher "je besoffener, je lustiger" - auch wenn derlei im bundesdeutschen Sprachraum sein Unwesen treibt. Weiters sollte die Reihenfolge eingehalten werden: "Ich speie desto intensiver, je mehr ich völlere" ist hatschert (wie man in Wien sagt).
"Umso" wiederum steht lieber allein. Beispiel: "Der Anblick brachte mein Blut in Wallung; umso mehr, als sich unter dem dünnen Stoff die Konturen ..." (etc.).
Die geforderte Steigerung nach einem "je" per "umso" auszufüllen mag zwar angehen, ist aber - wenigstens in der Hochsprache - nicht schön. Im Dialekt schon eher: "Je mehr ii sauf, umso lustiger werd ii" wäre akzeptabel.
In der Hoffnung, Ihnen damit gedient zu haben
und mit freundlichen Grüßen
Dr. S
Dr. Seicherl - 03.02.2011 : 21.25
Nachsatz:
Ein Wiener würde letztgenannten Satz aber eher so formulieren: "Ii wia imma lustiga, je mehr daß ii sauf".

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