Kolumnen_Rez gscheid!

Blut und Granaten

Keine Sorge: Unser Sprachexperte ist wohlauf; die Überschrift ist mehr im etymologischen Sinne zu verstehen. Diesmal geht es nach Griechenland, Spanien und ... nun, lesen Sie selbst.    13.08.2010

"Languages matter!" wußte die UNESCO, als sie das Jahr 2008 zum "International Year of Languages" erklärte. Wir meinen: Ein Jahr ist längst nicht genug. Unser Sprachexperte Dr. Seicherl widmet sich daher weiterhin dem Österreichischen, genauer gesagt: der proletarisch korrekten Sprache im Alltag. Warum? Das erfahren Sie hier.

 

Wienerisch im Alltag:  Dr. Seicherls Nachschlagewerk finden Sie hier.

 

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Sehr geehrter Herr Doktor,

 

anläßlich eines ausgedehnten Bier- und Flipper-Abends notierten wir wechselseitig jene spontanen Ausrufe, deren Hintergrund uns bei näherer Betrachtung selbst nicht ganz klar war. Hier unsere Fragen:

Was ist ein "Bracholder" genau, und warum heißt er so?

Warum "spielt’s Granada"?

Wer ist die Paula aus "Scheiß an, Paula"?

 

Liebe Grüße,

Peter Addams & Markus Seidl

 

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Dr. Seicherl antwortet:

 

Sehr geehrte Herren,

 

Ihre zitierte Artikulation legt für mich den Verdacht nahe, daß Sie sich dem Spiel mit großem Enthusiasmus gewidmet haben - und da Ausdrücke wie "kraxn, ölendige" fehlen, dürfte der Abend zudem zu Ihrer Zufriedenheit verlaufen sein ...?

Wie auch immer: Im folgenden finden Sie Näheres zu den genannten Wendungen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. S

 

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Erläuterungen: 

 

Der brachoida repräsentiert eines der seltenen Beispiele für das Eingehen antiker Sprachen in den hiesigen Dialekt. Es handelt sich dabei um einen heftigen Faustschlag, der also "mit Brachialgewalt" ausgeführt wird; zugrunde liegt hier das altgriechische Substantiv brachíon ( = der Arm).

Die komplexe Phantasie des Wieners spiegelt sich in der malerischen Drohung ii hau da an brachoida zwischn de kifa daß da de zänd in zwararein bein oasch außekuman. (Wörtlich etwa: "Ich appliziere deinem Mund einen dergestalt heftigen Schlag, daß deine Zähne ob der Beschleunigung unverzüglich den Verdauungstrakt passieren und - in geordneter Formation - beim Rektum wieder austreten werden".)

 

Die Ankündigung jetzt schpüts granada wiederum leitet sich nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, vom Ende der Reconquista her, als die berühmte andalusische Hauptstadt 1492 zurückerobert wurde.

Vielmehr handelt es sich um einen zynischen Soldatenscherz aus dem Zweiten Weltkrieg. Seit Mitte der 1930er Jahre war ein Lied des mexikanischen Komponisten Agustín Lara weltberühmt: "Granada" entstammt einem Zyklus über diverse spanische Städte. Die simple Lautähnlichkeit des Namens mit der Bezeichnung für ein Explosivgeschoß beflügelte den Galgenhumor österreichischer Infanteristen, wenn sie das charakteristische Pfeifen herannahender Granaten hörten.

Heute ist die Wendung nur mehr im abgeschwächten Sinne gebräuchlich, etwa für "Jetzt wird es sehr unangenehm" oder "Nun werde ich meinem Unmut nachdrücklich Ausdruck verleihen".

[Anmerkung: Besagtes Lied - für Tenor und Orchester - wurde nicht nur von berühmten klassischen Sängern wie Fritz Wunderlich oder Plácido Domingo interpretiert, sondern beispielsweise auch von Frank Sinatra und Frankie Laine.]

 

Interessant ist die Herkunft von "Paula"; ähnlich wie bei der rodn tant handelt es sich nämlich um ein Synonym für Menstruation. Nun wird die Phrase scheiß an paula zumeist in völlig anderem Zusammenhang gebraucht und präzisiert den festen Willen des Sprechers, sich nicht von widrigen Umständen beeindrucken zu lassen.

Wobei wir des Rätsels Lösung aber bereits auf der Spur wären: Einen Freier, der sich - nach angemessener Minne - endlich am Ziel seiner Wünsche wähnt, kann auf der Lagerstatt noch manches Mißgeschick ereilen. Zwar scheint die weibliche Periode dem Vorhaben weniger hinderlich zu sein als beispielsweise mangelnde Standhaftigkeit; doch birgt der Vollzug unter erstgenannten Umständen andere Kalamitäten (was etwa die spätere Reinigung betrifft).

Nur der wahrhaft Entschlossene läßt sich auch hiervon nicht anfechten und spricht: scheiß an (bdt.: "was soll’s").

 

kraxn: schlecht funktionierende Maschine; unleserliche Signatur; Tragegestell (vgl.: buglkraxn)

ölendig: elend; verabscheuungswürdig

zwararein: Zweierreihe (z. B.: Formation für Schulkinder)

Dr. Seicherl

Rez gscheid!

Proletarisch korrekte Sprache im Alltag


Sie haben spezielle Fragen? Sie interessieren sich für die Herkunft einer Phrase? Sie rätseln darüber, was Ihnen Ihr bodenständiger Nachbar letztens zurief?

Zögern Sie nicht -  wenden Sie sich vertrauensvoll an Dr. Seicherl!

Schreiben Sie ihm unter Dr.Seicherl@gmx.net, oder verfassen Sie einfach einen Kommentar.
Links:

Kommentare_

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Ing. Adolf Permoser - 17.08.2010 : 21.54
Geschätzter Herr Doktor!

Mit allergrößtem Vergnügen verfolge ich ihre hochinteressante Kolumne in diesem wilden Jugendmagazin und erlaube mir, nun auch zwei Anfragen an Sie zu richten, die ohne Zweifel nur eine Kapazität Ihres Formats beantworten kann.

Nun, in meiner Schulzeit gab es zwei Professoren - einer der Herren, Professor Martinek, hat angesichts meiner (leider oft mäßigen) Leistungen in Latein gern ein Fluchwort ausgerufen, dass lautmalerisch etwa so klang: "Kreizdimidomini!". Da ich - jung und dumm - den Herausforderungen des Fachs stets erfolgreich ausgewichen bin, ist es mir heute leider nicht möglich, den korrekten Stamm od. auch nur die Bedeutung dieses Ausspruchs zu eruieren.

Bitte helfen Sie mir, geschätzter Herr Doktor, was bedeutet dieses Vokabel, dass mir der Herr Professor so oft voller Zorn an den Kopf geworfen hat?

Der zweite Professor hieß Körner (Gott hab ihn selig), und der kommentierte meine verzweifelten Versuche eine mathematische Formel an der Tafel zu berechnen gern mit einem deftigen: "Bruada ums Eck!"

Woher kommt diese Unmutsäußerung? Warum Bruder? Warum ums Eck? Was od. wer versteckt sich dort? Etwa eine scholastische "Vollpfeife", wie ich eine gewesen bin?

Viele Jahre nach meiner - dem Himmel sei Dank - positiv absolvierten Mittelschulzeit, beschäftigen mich diese Fragen oft die ganze Nacht. Die Suchmaschine Google gibt keine Auskunft, jetzt können also nur mehr Sie helfen.

In tiefer Verehrung,

Ing. Adolf Permoser

Dr. Seicherl - 17.08.2010 : 22.42
Sehr geehrter Herr Ing. Permoser!
Abgesehen davon, daß es die Chefredaktion des EVOLVER - wie ich vermute - nicht gerne hört, wenn die älteste Netzzeitschrift Österreichs als "Jugendmagazin" qualifiziert wird: schönen Dank für Ihre Komplimente an meine Adresse. Interessant finde ich, daß Sie mit der ironischen Selbstbezichtigung "Vollpfeife" einen bundesdeutschen Hintergrund zu offenbaren scheinen, indes die angeführten Namen (und erst recht die Ausdrucksweise) Ihrer Professoren eher auf Österreich schließen lassen ....
Wie dem auch sei - die zitierten Aussprüche verdienen nähere Erörterung; weshalb ich mir erlaube, Sie auf eine meiner folgenden Kolumnen zu vertrösten: ich werde die genannten Phrasen dort im Rahmen meiner Kenntnisse erläutern.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. S
Ing. Permoser - 18.08.2010 : 08.41
Geschätzter Herr Doktor!

Da ich viele Jahre für einen Automobilkonzern in Rüsselsheim gearbeitet habe, hat sich die eine oder andere bundesdeutsche Redewendung in mein Vokabular geschlichen.

Handelt es sich beim EVOLVER denn um kein Jugendmagazin? Ich befürchte, ich habe hier einige Entwicklungen in der populären Kultur verschlafen ...

Alles Liebe,

Ing. Permoser
Peter Hiess - 18.08.2010 : 18.03
Verehrter Herr Ing. Permoser!

Wenn ich mich hier als Mitgründer dieser Netzzeitschrift einmal kurz einmischen darf: Als wir mit dem EVOLVER anfingen, war ein "Magazin" noch ein Lager für diverse Gegenstände, die man nicht in den Geschäftsräumen herumliegen haben wollte ... so lang ist das her. Und so wenig wir damals ein Medium für die Jugend waren, sondern eines für denkende Menschen, die einmal etwas anderes über Popkultur lesen wollten, so wenig sind wir es auch heute. Zumal die Jugend (was auch immer das ist) seither keineswegs interessanter geworden ist ...

Herzlichst grüßt:

Peter Hiess
Ing. Permoser - 18.08.2010 : 20.20
Geschätzte Herren!

Na, da bin ich ja ordentlich ins Fettnäpfchen getreten. Also entschuldige ich mich in aller Form für den Fehltritt. Vielleicht liegt es am Alter, aber unter einem Netzwerk verstand man zu meiner Zeit auch noch hochwertige Häkelhandarbeit. Haben Sie also Nachsicht mit einem alten Mann, der gar nicht mehr recht weiß, wie er sich in dieser verrückten Welt zurechtfinden soll.

Liebe Grüße,

Ing. Permoser

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