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Böhmische Dörfer

Gemäß amtlicher Statistik war Wien vor 100 Jahren die "zweitgrößte tschechische Stadt Europas". Und auch ein Blick in das heutige Telefonbuch zeigt: Böhmen und Mähren haben mehr hinterlassen als Powidl und Budweiser.    29.07.2010

"Languages matter!" wußte die UNESCO, als sie das Jahr 2008 zum "International Year of Languages" erklärte. Wir meinen: Ein Jahr ist längst nicht genug. Unser Sprachexperte Dr. Seicherl widmet sich daher weiterhin dem Österreichischen, genauer gesagt: der proletarisch korrekten Sprache im Alltag. Warum? Das erfahren Sie hier.

 

Wienerisch im Alltag:  Dr. Seicherls gesammelte Lebenshilfe finden Sie hier.

 

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Sehr geehrter Herr Dr. Seicherl,

 

da ich beruflich seit einigen Jahren in Tschechien zu tun habe, bin ich immer wieder erstaunt über die Gemeinsamkeiten, die sich mir offenbaren. Angefangen von zahlreichen Familiennamen wie z. B. Laska, Lacina, Kukacka, Piwonka, Sobota, Prohaska, Swoboda, Vyborny, Patek, Svatek bis zu Ausdrücken, die Aufnahme in das Wienerische fanden, wie zum Beispiel der Frnak - die gemeinsame Geschichte der Österreicher und der Tschechen ist eine langwährende, und es wäre mir eine große Freude, wenn Sie darüber bei Gelegenheit mehr zu berichten wüßten.
Die Familie meiner Großmutter mütterlicherseits hat ihre Wurzeln in Olomouc in Mähren, und als Ausdruck großer Verärgerung benutzt sie oftmals Ausdrücke wie kruzifix oder kruzitürken, aber auch marantana. Was hat es mit diesem Ausdruck auf sich?
Und woher stammt der Begriff des ruarchelns, mir bekannt als Ausdruck für eine unangenehme, schwere, und langanhaltende Arbeit, oder auch mangelnde Fachkenntnis in der Umsetzung?
Und woher kommt der Ausdruck scheschulku? Mein Vater benützt diesen als Umschreibung für Kopfnuß.

Vielen Dank im voraus für Ihre detaillierten Erklärungen!
Mit besten Grüßen!  

Gerhard

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Dr. Seicherl antwortet:

Sehr geehrter Herr Gerhard, 

 

Sie haben völlig recht: die Spuren des Tschechischen sind überall in unserem Dialekt anzutreffen. Und zwar dermaßen zahlreich, daß es mir leider unmöglich ist, im Rahmen dieser Kolumne einen auch nur halbwegs repräsentativen Überblick zu geben.

Doch immerhin über zwei der von Ihnen genannten Ausdrücke kann ich im folgenden Näheres berichten.

 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. S

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Erläuterungen: 

 

Seit den Zeiten der Donaumonarchie ist das Tschechische untrennbar auch mit Wien verbunden, wobei Angehörige jener Nation vereinfachend unter bem subsummiert werden.

Anfangs handelte es sich meist um Saisonarbeiter, die weniger anspruchsvollen Tätigkeiten nachgingen - wie etwa der Ausdruck gleisbem zeigt: Dieses Synonym für Straßenbahnbedienstete bezog sich ursprünglich nur auf die "Schienenritzenkratzer", zu deren Obliegenheiten das Sauberhalten der Geleise zählte.

Wie allen Vertretern niederer sozialer Ränge, die des hiesigen Idioms nicht mächtig sind, wurde auch den "Böhmen" die zweifelhafte Ehre zuteil, bei manch einer pejorativen Wortschöpfung Pate zu stehen. Unzuverlässigkeit spiegelt sich in der bemischen stund wider, mindere Qualität in bemische brilantn oder eigen wiara bemische leinwand, Begriffstutzigkeit in bemischa föla und bemisches duaf; kriminelle Neigung gar in bemisch eikaufm respektive bemischa ziakl (= die unauffällig kreisende Handbewegung des Ladendiebes). Der Ausdruck bemische fozn wiederum impliziert allgemein Verkehrtes, ähnlich wie (das auf Kroaten gemünzte) grawodisch.

War das bemakln früher ein klassischer Bestandteil von Witzen ("Daitsche Sprache - schwäre Sprache!"), wurde solche Verballhornung sukzessive von der Imitation anderer Akzente abgelöst - je nachdem, welche Volksgruppen gerade "neu" waren; in der Kabarettnummer "Der Tschusch" von Lukas Resetarits etwa findet sich ein hervorragendes Beispiel für Jugoslawisch und Türkisch.

Das einstige Hauptsiedlungsgebiet der Tschechen war der 10. Wiener Gemeindebezirk, was ihm den Spitznamen bemischa grund eintrug. Ebendort befinden sich auch der bemische proda und die "Ziegelteiche" - eine heute als Erholungsgebiet dienende Hinterlassenschaft der Wienerberger Ziegelwerke, deren Arbeiter als ziaglbem bekannt waren.

Mittlerweile ist das besprochene kulturelle Erbe längst assimilierter Bestandteil sämtlicher Wiener Lebensbereiche. Tschechisch im Alltag hört man jedoch - abgesehen von den zahlreichen Lehnworten - kaum mehr; was vielleicht mit ein Grund dafür war, daß seit 2006 im Gymnasium Schützengasse wieder bilingualer Unterricht angeboten wird.

 

Der eingangs erwähnte Spruch marantana ist rasch erklärt. Ähnlich wie bei (jessas)marandjosef handelt es sich um einen Ausruf der Bestürzung, welcher himmlischen Beistand erfleht: im ersteren Falle von der Gottesmutter Maria sowie - sicherheitshalber - auch deren Mutter Anna.

Im Unterschied zu Flüchen wie kruzitiakn oder himekruzinesa wird dabei eher der Fassungslosigkeit Ausdruck verliehen. Wienern mit tschechischem Hintergrund ist das gleichbedeutende jeschischmaria geläufig.

Das Verbum ruachln wiederum (subst.: ruachla) leitet sich vom mittelhochdeutschen ruochen ab (= sich kümmern; begehren) und beschreibt Tätigkeit sowie Einstellung eines Arbeiters, der keine Mühen und Entbehrungen scheut.

Was allerdings "scheschulku" betrifft, läßt sich dazu kein wienerischer Ausdruck eruieren. Im Tschechischen wird eine Kopfnuß záhlavec oder pohlavek genannt; das dem obigen Terminus klanglich ähnliche šešule bezeichnet - neben einem kleinen Gefäß - eine Fruchthülse oder Schote.

Hier scheint sich eine botanische Parallele zu ergeben. Andererseits ist bereits die Herleitung der nuß (vgl.: wen ane nussn) reichlich diffizil: so soll die morphologische Struktur eines Walnußkernes auf die Form des Gehirnes reflektieren, das - via Schädeldecke - den bezeichneten Stoß empfängt. Bei aller Verschlungenheit etymologischer Pfade scheint mir eine solche Begründung des gefragten Ausdruckes aber doch recht weit hergeholt.

 

bem: Tscheche (eig.: Böhme; sing. = plur.); (Fußball:) Schuß mit der Fußaußenseite

bemische stund: mehr als 60 Minuten (ungenaue Zeitangabe)

bemische brilantn: unechte Edelsteine, Talmi

eigen: einlaufen (beim Waschen schrumpfen); verenden

eigen wiara bemische leinwand: etwas nicht schaffen, kapitulieren

bemischa föla: Zahlensturz (irrtümliches Vertauschen von Ziffern)

bemisches duaf: etwas, wovon man keine Ahnung hat ("spanisches Dorf")

bemische deafa: Potemkinsche Dörfer

bemisch eikaufm: stehlen

bemische fozn: Schlag mit dem Handrücken ins Gesicht (vgl.: vakerde)

bemakln: mit tschechischem Akzent sprechen

bemischa proda: Freizeitbetrieb in Wien/Favoriten ("Böhmischer Prater")

himekruzinesa: Fluch (Abbreviation von "Himmelkreuztürken")

jeschischmaria: Ausruf der Bestürzung ("Jesus und Maria!")

nuß: (drehender) Schlag mit den Fingerknöcheln auf den Kopf

nussn: jemandem eine Kopfnuß geben

 

 

Nachsatz zum Thema "böhmakeln":

Ein Leser sandte mir die folgenden Verse, die er als Kind von seiner tschechischstämmigen Großmutter gehört hatte. Im Laufe der Jahrzehnte dürfte sich - nach eigenen Angaben - mancher Fehler in die Erinnerung eingeschlichen haben; hier jedenfalls seine Version.

 

"Bin sich bemisch Wenzlitschek,

geboren Podjebrad.

Konn sich nur ein bißchen Daitsch,

ollas wos ich hab.

Komm ich einst zum Militär,

kommt sich dickes Mann daher,

verlangt sich nach dem Paß.

Greif ich sem, greif ich tam -

Jeschischmaria, Paß nemam!

Von zuhaus ich Kolatsch krieg;

Kolatsch hat am Paß gepickt ...

Jeschischmaria, bilto Spaß:

friß ich Kolatsch samt dem Paß!"

 

[sem: hier; tam: dort; koláč: Mehlspeise]

Dr. Seicherl

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Proletarisch korrekte Sprache im Alltag


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