Kino_Ben X

You´re logged out

Daß Alltags- und Online-Welt zwei verschiedene Dinge sind, wissen die meisten. Doch manche wünschen sich, die reale würde von der virtuellen Welt verschlungen, damit endlich Ruhe und Zufriedenheit ins Leben einkehren können. Nic Balthazar erzählt die Geschichte eines autistischen Jugendlichen und der Probleme mit seinem Umfeld.    23.05.2008

Unsere Alltagswelt ist eine chaotische Mischung aus Geräuschen und visuellen Eindrücken. Auf der Straße werden wir von Autolärm, Musik, Gesprächen und Handies begleitet und müssen nebenbei noch Werbetafeln und blinkende Reklameschilder verarbeiten. Die Welt ist laut, schnell und riecht meist auch noch unangenehm.

Schon für den normalen Menschen ist diese Überbeanspruchung der Sinne manchmal schwer zu verdauen. Wie muß sich da jemand fühlen, der jedes kleine Geräusch und jedes visuelle Detail deutlich wahrnimmt? Für einen solchen Menschen ist die Welt einfach nur Krach, der irgendwie übertönt werden muß.

Ben X, die Hauptfigur im gleichnamigen belgisch-niederländischen Film von Nic Balthazar, löst dieses Problem, indem er immer einen MP3-Player dabei hat. Der autistische Jugendliche hat nicht mit seiner Krankheit, sondern seinen Mitmenschen zu kämpfen. Jeden Tag wird ihm in der Schule das Leben schwergemacht; auf der Tagesordnung steht alles von verbalen Beschimpfungen bis hin zu tätlichen Angriffen. Für jemanden, dessen Verständnis von der Welt mit Emotionen nichts zu tun hat, der lächelt, weil er glaubt, die Menschen täten das eben und Weinen als Flüssigkeitsverlust über die Augen begreift, sind die Angriffe seiner Mitschüler verstörend und schwer verständlich. Er flüchtet sich lieber ins Internet, wo er tagtäglich seinem Lieblingsspiel frönt. Dort hat er sogar eine Freundin, mit der er Heldentaten verübt. Sein wirkliches Leben stellt er sich lieber als Spiel vor, in dem er immer überlegen ist und stets weiß, was zu tun ist. Doch leider ist der wahre Alltag für Menschen, die nicht der Norm entsprechen, schwer. Ben wird so lange schikaniert, bis er durchdreht und an Selbstmord denkt. In diesem Moment tritt seine Internet-Freundin in sein Leben und sorgt für einige Veränderungen. Sie hilft ihm, mit sich selbst besser klarzukommen, sich nicht mehr in seinem Körper gefangen zu fühlen oder sich als "Blödmann" zu empfinden, wie er es beschreibt.

 

Dieses Gefühl zeigt der Film deutlich. Vom Beginn an reißt er den Zuschauer visuell abwechselnd in eine Online- und eine reale Welt, bildet eine starke, fast schon überlastende Geräuschkulisse und beansprucht alle filmtechnisch zu erreichenden Sinne. So ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie Ben sich fühlen muß, der in diesem Krach, den Farben, den schnellen Einstellungen von einem Moment zum nächsten zu leben hat. In einer Welt, die so schnell funktioniert, ist er immer viel zu langsam. Anders ist da die Online-Welt ohne Emotionen und Menschenmengen, in der alles so abläuft, wie er es bestimmt. Die eigentliche Frage, die der Film stellt, ist die nach dem Anderssein. Wie kann jemand, der mit dem Alltag und dem Wesen der Menschen nicht klarkommt, überleben? Wie kann er sich wehren, wo er doch niemandem etwas Böses will?

Sehr vorsichtig und vielschichtig behandelt Nic Balthazar Themen wie Ausgrenzung und Außenseitertum und versucht dabei sogar, eine Lösung zu bieten. Dabei schafft er es, Inhalte übergangslos ineinander zu verflechten und auf diese Art tief unter die Oberfläche zu schauen. Er befragt in Brechtschem Stil Eltern, Lehrer und Mitschüler, bricht auf diese Weise mit der sonst vorherrschenden Illusion von Online- und Realwelt und läßt immer wieder vermuten, was am Ende geschehen wird. Trotzdem sorgt er für Spannung und Überraschungen, fesselt mit bewegenden Bildern, ohne dabei dramaturgisch zu übertreiben. Die Figuren sind klar gezeichnet und sprechen ehrlich und ohne Umschweife über ihre Motive. Die Handlung entrollt sich übersichtlich und hinterläßt keine offenen Fragen - und das trotz der vielen Ebenen, die vom Regisseur und Drehbuchautor angesprochen werden.

Balthazar läßt am Ende nur Nachdenklichkeit zurück - und das Gefühl, ein wenig mehr Einblick in die Andersartigkeit anderer Menschen bekommen zu haben.

Christa Minkin

Ben X

ØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

Belgien/NL 2007

92 Min.

Regie: Nic Balthazar

Darsteller: Greg Timmermans, Laura Verlinden, Pol Goossen u. a.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kino
Only Lovers Left Alive

Jims coole Blutsauger

Tilda Swinton und Tom Hiddleston geben in Jim Jarmuschs Genrebeitrag ein außergewöhnliches Vampir-Duo mit Hang zu Coolness, Schwermut und Musik.  

Kino
Wer weiß, wohin?

Von Haschkeksen und Krieg

In ihrem zweiten Spielfilm erzählt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki humorvoll und feinsinnig von einem Dorf, in dem eine Gruppe entschlossener Frauen mit kreativen Mitteln die religiöse Feindschaft zu beenden versucht.  

Kino
The Iron Lady

And the Oscar goes to ...

Es ist kein Wunder, daß Meryl Streep mit ihrer Rolle der englischen Premierministerin Margaret Thatcher den dritten Oscar ihrer Karriere gewann. Streep beweist einmal mehr, daß sie zu den fähigsten Schauspielerinnen der Gegenwart gehört.  

Kino
R.E.D. - Älter, härter, besser

We Need A Pig

Bruce Willis, Helen Mirren, Morgan Freeman, John Malkovich ... Nicht nur das Darsteller-Team begeistert in dieser Comic-Adaption. Die Action-Komödie amüsiert mit viel Ironie und Augenzwinkern.
 

Kino
Salt

Humorlose Kampfmaschine

Ihr EVOLVER macht's gründlich: Gleich zwei unserer Kritiker haben sich den aktuellen Film angesehen.
"Ein spannender Spionage-Thriller mit schwieriger Hauptfigur", meint Christa Minkin.  

Kino
An Education

Paris oder Oxford?

Der neue Streifen der "Dogma"-Regisseurin Lone Scherfig überzeugt mit einem pointierten Drehbuch von Nick Hornby und interessanten Figuren. So richtig gelungen ist er trotzdem nicht.