Kino_Wer weiß, wohin?

Von Haschkeksen und Krieg

In ihrem zweiten Spielfilm erzählt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki humorvoll und feinsinnig von einem Dorf, in dem eine Gruppe entschlossener Frauen mit kreativen Mitteln die religiöse Feindschaft zu beenden versucht.    12.03.2012

In einem kleinen Bergdorf leben Christen und Muslime seit geraumer Zeit in Frieden miteinander. Moschee und Kirche stehen Seite an Seite; die Menschen begegnen einander in Freundschaft und mit Respekt. Doch als sich aus der Hauptstadt die Nachricht verbreitet, daß religiöse Unruhen ausgebrochen seien, gelangen langsam, aber sicher auch im Dorf Konflikte und Feindschaft an die Oberfläche. Hauptträger dieser Spannungen sind die Männer, während die Frauen auch weiterhin zusammenhalten und mit Sorge die Entwicklungen betrachten.

 

"Wer weiß, wohin?" heißt diese neue Arbeit der libanesischen Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Nadine Labaki, die schon 2007 mit ihrem Langfilm-Debüt "Caramel" begeisterte. Wieder stellt sie Frauen in den Mittelpunkt ihrer Geschichte, spart Politik und Gewalt aber diesmal im Gegensatz zu ihrem Erstlingswerk nicht aus.

In Schwarz gekleidet marschieren die Frauen des namenlosen Bergdorfes zum Friedhof, führen dabei einen Tanz, eine einstudierte Choreographie aus, die in einen von Musik und Gesang durchtränkten Film einführt. Diese ersten Minuten deuten bereits die Marschrichtung an: Der Film verbindet Wunschtraum mit schonungsloser Wirklichkeit, Traurigkeit mit Freude und Komik mit tiefem Schmerz. Singend und tanzend bewegen sich die weiblichen Figuren durch Alltag und Probleme, mit dem festen Vorsatz, eine Lösung zu finden und für Frieden zu sorgen.

 

Es sind die Frauen, die in diesem Film den Ton angeben. Alles beginnt mit ihnen und hört mit ihnen auf. Sie sind es, die den Frieden praktizieren und wiederherstellen wollen, als unter den Männern Gewalt ausbricht. Angesichts dieser Aufteilung der Geschlechter lassen sich Stereotype und Klischees schwer ausklammern.

Die Frauen, dargestellt als Erhalterinnen der Familie, sind aufopfernd und liebevoll. Die Männer wiederum haben nichts als Krieg und Sex im Kopf. So scheint die einzig logische Lösung die zu sein, das eine durch das andere zu ersetzen. Kurzerhand werden also einige junge ukrainische Damen engagiert, um den Männern im Dorf durch ihre spärliche Bekleidung die Gedanken an Krieg auszutreiben.

 

Was die Charakterisierung der Frauen betrifft, bleibt es aber nicht bei dieser eindimensionalen Zeichnung. Als treibende Kraft hinter den Geschehnissen, als Mittelpunkt, um den sich alles dreht, lösen sie sich emanzipiert von den Idealen ihrer Männer und beginnen auf eigene Faust, die Dinge nach ihren Vorstellungen zu verändern.

Sehr kreativ und mit viel Feingefühl führt Labaki durch die Geschichte und findet fast immer die perfekte Balance zwischen melancholischen, lustigen, traurigen und schockierenden Momenten. Mit viel Idealismus bebildert sie schwierige Themen und zeigt, wie universell und ortsunabhängig diese sind.

Sie geht sogar einen Schritt weiter, wenn sie von diesem kleinen Bergdorf erzählt, in dem die Frauen eine auf politischer und gesellschaftlicher Ebene nahezu avantgardistische Lösung für die ewigen religiösen Streitigkeiten finden.

 

Nicht zufällig allerdings beginnt der Film mit den Worten "Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen ..."

Trotz oder gerade wegen der farbenfrohen Bilder, des positiven Endes und der humorvollen Betrachtungsweise bleibt schlußendlich die bittere Einsicht, daß es sich dabei nur um ein Märchen handelt.

Christa Minkin

Wer weiß, wohin?

ØØØ 1/2

Et maintenant, on va où?

Leserbewertung: (bewerten)

F/RL 2011

100 Min.

 

Regie: Nadine Labaki

Darsteller: Claude Baz Moussawbaa, Layla Hakim, Nadine Labaki, Yvonne Maalouf u. a.

 

Kinostart: 23. März 2012

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