Kolumnen_Miststück der Woche, Pt. 92

Amy Winehouse "You Know I´m No Good"

Auch der selbstbewußteste Mensch kommt nicht umhin, ab und zu mal hart mit sich ins Gericht zu gehen. Manfred Prescher tut genau das - weil er tatsächlich eine richtig gute Platte übersehen hat.    06.08.2007

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Ich habe da so einen mehr als einen halben Meter hohen CD-Stapel hinter dem Bildschirm liegen. Irgendwie wirkt der Turm so, als stütze er den flachen Monitor, aber eigentlich sind die Discs nur in einer staubigen Grauzone zwischen aktiver Begeisterung und passivem Vergessen gelandet. Ab und zu werden dann die obersten drei bis fünf Tonträger in den Player geschoben und die einzelnen Stücke kurz angewählt, was natürlich völlig unfair ist. Auf diese Art und Weise kann sich kein Verhältnis zwischen mir und der Musik aufbauen, das ist mir absolut klar.

Ich sauge ohnehin schon dauernd die unterschiedlichsten Klänge auf und finde trotz meines Greisenalters häufig genug Gefallen daran. Aber selbst bei einem notorischen Viel- oder Dauerhörer fällt manches einfach hinten runter auf den Stapel beim Screen. Als erfahrener Musikjournalist habe ich Auswahlkriterien und kanalisiere meine Neugierde - aber es kommt doch vor, daß ich eine gute Platte einfach links liegen lasse. Ich möchte gar nicht wissen, wie oft mir das schon passiert ist. Wenn ich die Zahl der in meinem Dunstkreis verschollenen Meisterwerke mit Bestimmtheit nennen könnte, würde ich mich vor Wut auf mich selbst erst recht schwarz ärgern.

 

Gerade bin ich wieder rechtschaffen sauer auf mich, weil ich die zweite CD von Amy Winehouse einfach ignoriert habe. Das ist an sich schon verwunderlich, weil die Engländerin bei den Kollegen doch zum Dauerthema avanciert ist. Trotzdem markierte "Back To Black" in meinem gut 50stöckigen Turm bis vor kurzem etwa die siebte oder achte Ebene. Von da aus ist der Player unerreichbar weit weg. Nicht einmal der große und überaus lobreiche Artikel im aktuellen "Rolling Stone" konnte daran etwas ändern - was zugegebenermaßen auch daran lag, daß mir die Mischung aus schlüpfrigen Texten und Soul bei Amys 2003er-Debüt "Frank" nicht recht gefiel (um es mit Homer Simpson zu sagen: "Laaangweilig").

Daß sich "Fuck Me Pumps" oder "In My Bed" besonders gut vermarkten ließen, vor allem, weil die vorlaute Londonerin auch in Interviews richtig harsch vom Leder zog, war mir natürlich klar. Dazu ihre Optik: Die Lady hat mehr Tattoos als Brian Setzer und blickt auf beinahe jedem Foto trotzig-wild in die Welt hinaus. Amy ist praktisch die Enkelin der Skandal-Madonna, die in grauer Vorzeit mit den Tabus jonglierte - bloß, daß es heute keine Tabus mehr gibt. Sowas verkauft sich trotzdem gut, tangierte mich aber nicht mal peripher.

Ich hätte auf den alten Song der Temptations hören sollen: "Don´t juge a book by its cover" heißt es in "Beauty Is Only Skindeep". Und ich hätte Amy Winehouse nicht als Produkt eines cleveren Marketing-Strategen abstempeln sollen. Ein Vorurteil hat nämlich nichts mit einer fundierten und gerechten Bewertung zu tun. Und eine solche hätte die Künstlerin eigentlich verdient, weil sie jede Menge Talent hat. Ich würde nicht soweit gehen wie ein englischer Journalist, der ihre Stimme mit der von Ella Fitzgerald verglich, aber zweifelsfrei gehört Amy zu den besten aktuellen Soul-Sängerinnen.

Sie swingt und groovt also, daß es eine wahre Pracht ist. Dazu kommt die perfekte Produktion von Mark Ronson, der übrigens der Stiefsohn des Foreigner-Gitarristen Mick Jones ist. (Soviel Verbreitung von Halbbildung muß schon sein. Am Ende sitzt man bei "Wer wird Millionär?" und scheitert ausgerechnet am Saurier-Rock von Foreigner. Das wäre doch schade.) Ronson hat jedenfalls eine ganze Reihe von Elementen eingebaut, die das Organ der Sängerin prima in Szene setzen: soften Jazz, ein wenig Ragga und ganz viel Motown aus den Sechzigern, besonders exemplarisch bei der ersten Single "Rehab". Amy klingt wie die dunkle und freche Schwester der jungen Roberta Flack, und das ist perfekt. Ich bin hingerissen von ihr, doch daß ich die Songs endlich würdigen und genießen kann, liegt an einem netten Kollegen, der mir "Back To Black" vorspielte. Danke, Mann. Bei nächster Gelegenheit drücke ich dir auch was rein!

 

Während in England gerade "Tears Dry On Their Own" als Single veröffentlicht werden soll, entdecke ich das gerade noch aktuelle "You Know I´m No Good" für mich. Was Amys musikalische Fähigkeiten angeht, stimmt der Satz absolut nicht; im Hinblick auf ihre Attitüde trifft er schon eher zu: "Upstairs in bed with my ex boy/He´s in the place but I can´t get joy". Der Text ist natürlich auf Pennälerinnen-Niveau, aber man muß ja nicht so genau hinhören. Einfach den persönlichen Übersetzungscomputer herunterfahren und sich von der tiefen Stimme durch das Sound-Meer tragen lassen - obwohl die Zeile "You tear me down like Roger Moore" schon Klasse hat.

Mark Ronson steuert eine edle Instrumentierung bei, die weniger an Motown als an den typischen Frühsiebziger-Style des Atlantic-Labels erinnert. Womit wir wieder bei Roberta Flack oder auch bei Aretha Franklins mittlerer Phase wären. Dezent-jazzige Phrasierungen wie bei Donny Hathaway und als Rhythmus ein sachtes Reggae-Gerüst halten das eingängige Lied fest. Ahmet "Mr. Atlantic" Ertegun hätte seine Freude an dieser Produktion, erst recht aber an der begabten Britin.

Amy Winehouse singt sich nicht nur brav durch die Noten des Stücks, sondern spielt wie andere große Soul-Interpreten mit der Melodie, umgarnt sie, setzt die jeweilige Stimmung ad hoc passend um. Wie bei Aretha oder Roberta wird die Stimme zum Führungsinstrument, das die verspielten Zutaten des Produzenten bindet. Die Sängerin verwandelt eine hübsche Komposition und einen Pool an guten Ideen in einen magischen Moment.

Bis zur göttlichen Ella Fitzgerald ist noch ein wenig Entwicklungsspielraum vorhanden, aber das macht nix. Schließlich wird Amy am 14. September gerade mal 24 Jahre alt - und mit 24 stand Ella auch erst am Beginn ihrer einmaligen Solokarriere. Ab sofort werde ich jedenfalls verstärkt auf sie achten, weil ich ihr einiges zutraue. Momentan höre ich "Back To Black" und besonders "You Know I´m No Good" - und geißle mich dabei für meine Ignoranz. Bei allen Lesern dieser Kolumne und bei den Heiligen der Soul-Music gelobe ich Besserung.

Zunächst einmal wird der Stapel abgebaut, vielleicht habe ich noch was Essentielles übersehen? Aber nein, da liegen nur ...


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Kommentare_

Cosmo P - 06.08.2007 : 15.02
Hatte mich schon gewundert, wann Du endlich Amy bemerkst! ;-)
Kauzky - 07.08.2007 : 11.40
Hmm, die Stimme ist toll. Kein Zweifel. Und wäre die Frau dazu wirklich schwarz und hätte sie genau diese Musik 30-40 Jahren gemacht: ich wäre ihr Fan. Aber so ist sie bloß ein doppelter Abklatsch, entworfen am Reißbrett und mit allen heutigen Mitteln konstruiert.
Paul - 09.08.2007 : 11.48
Kauzky!

Ok, Amy Winehouse nicht gekannt. Eben angehört. Hat mir überhaupt nicht gefallen. Aber: Was hat denn das damit zu tun, wann die Sachen gemacht wurden, und vor allem, welche Hautfarbe die Dame hat? Sag mal, geht's eigentlich noch?
Kauzky - 11.08.2007 : 11.13
Musikgeschichte ist kein Selbstbedienungsladen. Die Industrie möchte sie gern dazu machen: Erlaubt ist, was sich verkauft. Aber künstlerische Qualität hat trotzdem etwas mit Echtheit zu tun. Die Nachahmer leben nämlich genau davon. Wieso bemüht sich Helmut Lotti wie Elvis? zu singen Weil Elvis trotz aller Kommerzialität etwas Besonderes hatte. Und dieses Besondere ist nun einmal unwiederholbar. Elvis wird man noch in 5 Jahrzehnten kennen, Helmut Lotti nicht. Und so wird es auch mit Aretha Franklin und Amy Winehouse gehen.
hosenschlange - 26.09.2007 : 11.08
naja...bin zwar kein freund solcher musik aber ich finds gut was die frau winehouse da macht. es geht net darum ob das vorher schon irgendwer gemacht und ja, eine aretha franklin is amy winehouse mit sicherheit net aber des is auch völlig egal. sie macht musik die schon länger net mehr wirklich in die köpfe der leute zu kriegen is wieder populär und so kommen auch junge menschen die nicht mehr mit oldschool black music aufgewachsen sind damit in berührung. musik macht man ja net weil man sich damit profilieren will sondern eben der musik willen.

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