The Four Tops - The Singles/+
(Photo Nr. 1 © Freepress)
Cargo Records (D 2004)
Ohne Übertreibung: Levi Stubbs konnte Steine zum Weinen bringen mit seiner hohen, aber sehr kraftvollen Stimme. Der große Soul-Man starb am 17. Oktober. Höchste Zeit also für einen Nachruf - findet Manfred Prescher. 17.11.2008
Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.
Besser kann man den Gestus von "7-Rooms Of Gloom" nicht beschreiben: "... the song is notable for matching lead singer Levi Stubbs´ lamentations of heartache with a dramatic, Gothic-inspired musical arrangement." So steht es bei Wikipedia und so stimmt es auch. Für mich ist diese von Brian Holland/Lamont Dozier produzierte und gemeinsam mit Edward Holland geschriebene 1967er-Single aus Motowns Hit-Fabrik der beste Song der Four Tops. Und die hatten zwischen 1964 ("Baby I Need Your Loving") und 1972 ("[It´s The Way] Nature Planned It") 28 gigantisch gute Top-30-Singles für die Company, die den "Sound Of Young America" propagierte. Danach wechselten sie zu ABC, kehrten aber 1985 wieder zum Detroiter Hauslabel zurück. In ihren späten Jahren gelang ihnen immer noch das eine oder andere Highlight, zuletzt 1988 im Verein mit Aretha Franklin ("If Ever A Love There Was"). Kurz darauf fiel die Berliner Mauer - und den altgewordenen Mannen um Levi Stubbs nicht mehr viel ein. Ich glaube zwar nicht, daß da ein kausaler Zusammenhang besteht; falls ich mich aber doch irre, könnte man immerhin Gorbi, Kohl und das Politbüro der SED für das Ende der besten Vokalgruppe jenseits von Detroit verantwortlich machen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern des Tamla-Motown-Imperiums um Mastermind Barry Gordy kam Levi Stubbs tatsächlich aus der Motor City: Am 6. Juni 1932 wurde der Cousin des ebenfalls großen Jackie Wilson und Bruder von Falcon-Sänger Joe Stubbs in der Metropole Michigans geboren. Im Zuge des Doo-Wop-Booms gründete er bereits 1954 gemeinsam mit Lawrence Payton, Abdul "Duke" Fakir und Renaldo "Obie" Benson die Four Tops.
Als die Gruppe in den sechziger Jahren zu einem der Aushängeschilder von Motown wurde und mit Hits wie "Reach Out I´ll Be There", "Standing In The Shadows Of Love", "I Can´t Help Myself (Sugar Pie Honey Bunch)" oder eben mit "7-Rooms Of Gloom" für Furore sorgte, waren ihre Mitglieder alte Hasen. Sie hatten ihre Stimmen längst perfektioniert und ihnen einen einmaligen Glanz verliehen - und mit Levi Stubbs verfügten sie über einen Ausnahmesänger, der sich von anderen Motown-Stimm-Stilisten wie Eddie Kendricks und Melvin Franklin (beide The Temptations) oder Marvin Gaye deutlich abhob. Stubbs sang samten, aber nicht zu weich, sein Organ hatte den Biß eines Wilson Pickett, die Eleganz von Sam Cooke und konnte Verletzungen ausdrücken wie Otis Redding.
Aber diese Vergleiche erklären nur unzureichend, wie magisch Levi Stubbs´ Stimme wirklich war oder wie sehr sie selbst einfachste Popsongs in edelste Drei-Minuten-Tragödien verwandeln konnte. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle den englischen Songwriter-Veteranen Billy Bragg zitieren, der dem Kopf der Four Tops anno ´86 ein musikalisches Denkmal baute. Im Refrain seines Hits "Levi Stubbs´ Tears" heißt es "When the world falls apart some things stay in place/Levis Stubbs´ tears run down his face" und "when the world falls apart some things stay in place/She takes off the Four Tops tape and puts it back in its case". Genau: Und wird die Welt auch untergeh´n, werden die Songs der Four Tops weiterbesteh´n.
Wer das nachprüfen will, dem empfehle ich die bei Cargo Records erschienene Doppel-CD "The Singles/+", die alle Hits der Motown- und der ABC-Jahre in der "richtigen" Reihenfolge enthält. "7-Rooms Of Gloom" ist als Track 12 auf Disc 1 zu finden und perfekt zwischen "Bernadette" und "I´ll Turn To Stone" eingebettet. Spätestens jetzt werdet ihr alle erkennen, wie traurig und wütend dieses herzergreifend schöne Stück Dark-Soul ist. "7-Rooms" steht auf einer Stufe mit Chuck Jacksons "Tell Him I´m Not Home" oder Marvin Gayes "Trouble Man" - nur daß die Four Tops solche Hits in konstanter Folge veröffentlichten.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weit weniger himmlisch zu, da ich mich dann mit Alicia Keys, Jack White und James Bond beschäftige. Wer jetzt schon ein Quantum Trost braucht, sollte derweil Four Tops hören.

The Four Tops - The Singles/+
(Photo Nr. 1 © Freepress)
Cargo Records (D 2004)
Ein großer Schritt für den Schreiber, ein kleiner für den Leser: Das "Miststück" wird 200 Kolumnen alt und feiert mit euch einen hoffentlich unterhaltsamen Abschied von EVOLVER. Die "alten" Texte findet ihr auf ewig hier im Archiv – oder im Gesichtsbuch. Dort werden jede Woche fünf Klassiker für euch aufbereitet. Manfred Prescher bedankt sich damit beim geneigten Leser und bei Herrn Felix Austria für die Gastfreundschaft. Und für sechs tolle Jahre.
Es steht geschrieben, daß man keinen anderen GRÖFAZ neben ihm haben kann. Trotzdem holte der Mann mit der dicken Hornbrille den Diktator auf die Stufe mit uns Otto Normalunholden herunter oder - je nach Sichtweise - herauf. Was folgerichtig und sehr unterhaltsam ist, findet Manfred Prescher.
"Yes, you’re once, twice, three times a Miststück, but I lo-o-o-ve you ..." Gäbe es die letzte große Motown-Band heute noch, sänge sie dann das Hohelied auf die drei noch ausstehenden Kolumnen? Manfred Prescher würde sich auf jeden Fall sehr darüber freuen.
Kurz vor der magischen Nummer 200 ist es mal wieder nötig, ein bißchen auf den Putz zu hauen. Bekanntermaßen stinkt Eigenlob zwar, aber das macht nichts, denn Apple wird das iSmell erst im Jahr 2014 im Hype Park vorstellen. Also ist noch genug Zeit für ein Miststück in eigener Sache - meint Manfred Prescher.
Da sage einer, daß das Zeug aus den 40er Jahren nicht nach wie vor cool ist. Schließlich wird Jordans "Ain’t Just Like A Woman" gerade im Spiel "Mafia II" spektakulär verwendet. Und auch wenn - oder weil - es keiner der Konsolen-Paten registriert, der Song paßt zum Game wie das Gesäß auf die Brille. Grund genug, den Mann dahinter im "Miststück"-Countdown zu würdigen, findet Manfred Prescher.
Wie sagte schon meine Oma? "Die Uhr läßt sich zurückdrehen, man muß nur aufpassen, daß man die Zeiger nicht abbricht." Grinderman ist so ein Rückdreh-Projekt - damit will Nick Cave die wilden Zeiten wieder aufleben lassen. Manfred Prescher findet den Jugendwahn des Australiers durchaus gut, die Originale aber besser.
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