Kolumnen_Miststück der Woche, Pt. 47

Scissor Sisters: "I Don´t Feel Like Dancin´"

1977 schien das Saturday Night Fever unheilbar zu sein und nahezu jeden Menschen zu erfassen, doch die Epidemie ging rasch vorbei. Nicht für immer - sagt Prof. Manfred Prescher.    25.09.2006

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Die Scissor Sisters sind vier Männer und eine Frau aus der regen New Yorker Schwulenszene. Dieser Umstand wäre nicht weiter von Belang, wenn das Quintett nicht einen Hang zur Maskerade und zum Bombast hätte, den es sonst nirgendwo gibt. Damit sind die Schwestern so etwas wie die intellektuellen Urenkel der Village People. Zu erwachsen und gebildet, um sich noch als Indianer oder Bauarbeiter zu verkleiden - angemessener sind da schon Dorian Gray oder Beau Brummel, man schwelgt in karmesinrotem Samt. Stilsicher spielt die Gruppe mit Symbolen, Formen und Farben, die für die Mehrzahl der männlichen Heteros schon daher nicht in Frage kommen, weil sie nicht als Tunten gelten wollen. Bei Schwulen hat diese glamouröse Scheinwelt, diese Marlene-Dietrich-mäßige Divenhaftigkeit Tradition. Sie steht für den selbstbewußten Auftritt, das freiwillig ins Exotische Wechselnde und für das Auflösen des spezifisch Männlichen oder Weiblichen.

Marc Almond und erst recht die Army Of Lovers sind Rollenvorbilder für die Scissor Sisters. Die Army kann nicht nur in Bezug auf schwülstige Videooptik und pfauenhafte Kleidung als der Vorläufer der fünf Bohemiens angesehen werden; die schwedische Formation hegte und pflegte ebenfalls ein besonderes Pläsierchen - die Liebe zum Disco-Sound der 70er Jahre.

 

Als John Travolta sich unter der Glitzerkugel bewegte, war viel heiliger Ernst dabei, denn es ging darum, die Samstagnacht zu zelebrieren und sich mit bewußtem Hedonismus dem Gott der Ausschweifung hinzugeben. Mit Fun hatte das wenig zu tun. Der Rhythmus war vorgegeben, und man hatte sich ihm möglichst exakt anzupassen. Auch das Drumherum mußte stimmen, die Kleidung so extravagant ausfallen, daß ihr anzusehen war, daß sie nur beim Gottesdienst getragen werden konnte. Und natürlich durfte das Hemd auch nach dem Durchtanzen des zehnminütigen Village-People-Dancefloor-Giganten "San Francisco (You´ve Got Me)" keine Schweißflecken aufweisen. Disco war etwas für Leute, die extrem exaltiert und im selben Maße penibel waren. Spaßig waren da oft nur die Songs.

 

Teil einer bewußten, ironischen Überhöhung konnte Disco erst mit dem nötigen zeitlichen Abstand werden - und das auch nur, wenn sich kreative Geister damit beschäftigten, die der Kunst des Zitats in jeder Hinsicht mächtig waren. Für die Schwulen-Community spricht dabei der Umstand, daß die schon in den mittleren Siebzigern die Szene maßgeblich prägte und vorantrieb sowie die extravaganten Clubs für ihre Moden- und Nabelschauen nutzte. Nach dem weltweiten Abflauen des Hypes hielt sich Disco bei homosexuellen Partygängern und wurde Teil ihrer Identität. Das ermöglicht den Scissors einen spielerischen Umgang mit der Materie. Sie bewegen sich mit einer traumwandlerischen Sicherheit, die keine Spur von Gestrigkeit in sich birgt. Im Gegenteil: Das 70er-Jahre-Elektro-Style und der falsettartige Bee-Gees-Gesang wirken nicht altbacken, sodaß der Begriff "Retro" einen innovativen, trendigen Touch bekommt. Dieser ist dann auch der große Unterschied zu Madonnas wesensverwandtem Abba-Klon "Hung Up": Wo Frau Ciccone nur die Disco-Elemente für ihre Zwecke nutzt, ist "I Don´t Feel Like Dancin´" frei von Nachahmung. Die Herrschaften bewegen sich innerhalb der Genre-Vorgaben so beiläufig und selbstverständlich, daß nichts aufgesetzt oder museal wirkt. Sorge dich nicht, tanze im Hier und Jetzt - genau das ist die Botschaft dieses Songs, obwohl alles an ihm auch 1977 funktioniert hätte.

 

Der Witz ist natürlich, daß der Text etwas anderes sagen, fast so etwas wie "Saturday Night" ohne "Fever" suggerieren will - und damit den Umkehrschluß zu Leo Sayers recht ähnlichem Disco-Klassiker "You Make Me Feel Like Dancing" darstellt. Man stelle sich also vor, es ist wieder mal Samstag, alle sind prächtig herausgeputzt und ausstaffiert, bereit, sich vom DJ das Leben, mindestens aber diese eine Nacht retten zu lassen. Und dann überfällt einen plötzlich die Lustlosigkeit. Es ginge ja noch an, dem oder der Liebsten beim Tanzen zuzusehen; schließlich liebt man ihn oder sie ja auch wegen der typischen, sinnlichen Bewegungen: "Just please understand, when I see you clap your hands/If you stick around I´m sure that you´ll be fine". Aber selber fühlt man sich wie ein vollgesch... Strumpf: "But I don´t feel like dancin´/When the old Joanna plays/My heart could take a chance/But my two feet can´t find a way."

Das ist es, was den Unterschied zu 1977 ausmacht: Damals mußte getanzt werden, jeder zweite Track forderte explizit auch in den Lyrics dazu auf. Ein "Nein" gab es nicht, denn die Samstagnacht war viel zu kurz für den Verzicht und jede konnte die letzte sein. "Don´t feel like dancin´/Why´d you break down in the mood?/Don´t feel like dancin´ dancin´/Rather be home with no one when I can´t get down with you."

Mittlerweile ist klar, daß es immer weiter geht, daß die Disco niemals schließt, daß sie sich nicht auf das Wochenende beschränken läßt. After-Work-Parties sind auch schon Auslaufmodelle, sie werden bald durch Mittagspausendiscos und During-The-Work-Parties ersetzt werden. Der Job wird per Handy direkt von der Tanzfläche aus erledigt, die Kunst besteht nur noch darin, Arbeits- und Bewegungsablauf zu harmonisieren.

Und so haben alle "eine gute Zeit". Danke schön.


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

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