Kolumnen_Miststück der Woche, Pt. 48

Motörhead: "God Was Never On Your Side"

Hohes Alter schützt auch nicht vor den Torheiten des Rock’n’Roll. Bei den Stones oder Who wirkt das peinlich, bei Lemmy & Co. ziemlich cool. Manfred Prescher weiß, warum.    02.10.2006

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

"If God is wise/Why is he still/When these false prophets call him friend/Why is he silent?/Is he blind?"

Motörhead stellen die Fragen eines lesenden Oberprimaners und haben eine dermaßen niederschmetternde Antwort parat, daß pubertierende Gutmenschen sofort vom Glauben abrücken und sich in nihilistische Lebensnischen flüchten müßten: "God was never on your side. Never! Never! Never! Never! Never on your side!" Das "niemals" wird solange wiederholt, bis selbst der letzte Philanthrop kapiert, daß es Gott ziemlich egal ist, ob Millionen im eigenen Blut ertrinken oder in seinem Namen verlustreiche Gefechte geführt werden.

Dieses Lied und dieses eindeutige "Niemals!" fassen alle Motörhead-Balladen zusammen und bringen sie auf den Punkt: Warum mußte der Junge in "1916" in den aussichtslosen Krieg ziehen und dort erst die Unschuld und dann das Leben verlieren? Richtig: "God was never on his side."

 

Dafür ist Ian Willis an unserer Seite. Und das mindestens schon seit den Zeiten, als ein Gebot von Kaiser Jerry Lee ausging, daß man sich allgemein zudröhnen lassen solle - ein jeder in seiner Stadt und in seinem Club. Mindestens einmal pro Jahr wird Ian Willis dort spielen, bis selbst härteste Betonmauern ins Schwanken geraten. No sleep ´til Olympiahalle.

Willis ist der Prophet an unserer Seite. Verläßlich und unverwüstlich. Seit er sich Lemmy Kilmister nennt, scheint er die ewige Zeitlosigkeit gefunden zu haben. Wie Perry Rhodan, der auf dem Planeten Wanderer die relative Unsterblichkeit erlangte, hat Lemmy auf dem Heimatstern des Rock eine Gallone Jack Daniels erhalten, dem eine Substanz beigemengt wurde, die ihn im ramponierten Zustand von 1971 konservierte. Nur sein Gebiß wurde mittlerweile runderneuert, ein weiteres Facelift war nicht nötig.

Lemmy ist Lemmy, er ist der gute Geist unter den Schwarzsehern und schwebt mit seiner "Silver Machine" seit Hawkwinds Zeiten über uns. Er läßt in regelmäßigen Abständen sein Brett auf unsere Köpfe sausen, bis uns Sehen und vor allem Hören vergeht. 18 Motörhead- und ein paar Hawkwind-Alben lang geht das schon so. Verändert hat sich in den dreieinhalb Jahrzehnten wenig bis gar nichts. Ein paar kernige Riffe, reichlich Stromgitarre und ein Gewitter, das einst das lauteste seiner Art war. Mittlerweile gibt´s natürlich andere, die mehr Dezibel raushauen; Metallica gehörten zu den ersten, denen das gelang. Dafür wird deren "Whiplash" auch auf der Limited Edition der neuen Motörhead-CD gecovert. Das Album heißt im Prinzip wie seine Vorgänger: "Kiss Of Death".

 

Das ist nämlich das Geheimnis von Lemmy und seiner Rabaukentruppe: Es ist ihm nicht nur gelungen, sich selbst in einem Zustand gleichbleibenden Fertigseins zu konservieren, er hat auch die Musik auf dem Stand von - sagen wir mal - 1975 eingefroren. In diesem Jahr wechselte er erstens vom Hawkwind-Space-Hardrock zur brachialeren Variante mit dem deutschen "ö" im Namen und zweitens die Streitaxt: Aus der vergleichsweise filigranen Gitarre wurde der tiefe, kraftvolle Baß. Vier Saiten für ein Hallelujah bzw. drei Akkorde für eine fatalistische Sichtweise, die zwar irgendwie nah am Punk gebaut ist, aber nicht wirklich "no future" kreischt.

In den langsameren Stücken sagt Lemmy, der durchaus einen passablen Sänger für den Lebenskrisen-Blues abgibt, daß es keinen Gott an unserer Seite gibt und daß letztendlich immer Menschen an allem schuld sind. In den schnellen Nummern schreit er uns entgegen, daß wir leben und lieben, trinken und tanzen, vögeln und feiern sollen. Schlicht und einfach die Tage genießen, die uns unter den Augen von Hendrix, Elvis und Johnny Cash vergönnt sind.

"Devil I Know", es ist doch viel zu kurz, dieses Leben, um es ernst und jammernd im irdischen Jammertal zu verbringen. Genießen müssen wir jetzt; denn die Hölle ist einer der wenigen Orte, wo es garantiert keine Motörhead-Konzerte gibt. Dort wird die arme Seele so lange vom Moik-Klon Andy Borg in die Mangel genommen, dort jagen in- und auswendig braungebrannte Zillertaler solange hinter jeder Schürze her, bis die völlige Verblödung unaufhaltbar über die Menschheit gekommen ist.

 

Dem Krawall von Motörhead wurde auch schon oft unterstellt, daß er die Zuhörer abstumpft. Das stimmt, aber es kommt natürlich auf die Art der Abstumpfung an - und die von Lemmy macht eindeutig mehr Spaß. Damit das Hirn nicht ganz abstirbt, versorgt er uns auf jeder Platte auch mit mindestens einem Lied zum Nachdenken, Philosophieren und Von-einer-besseren-Welt-(die-es-leider-nie-gibt)-träumen. Das weckt stets aufs Neue den Pennäler in uns und zerstört ebenso prompt die Hoffnung auf Friede, Freude und Eierkuchen. "God was never on your side."

Wenn Lemmy recht hat, dann bleiben uns nur Weinbrand, Weib und Gesang - was ja auch nicht so wenig ist.


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

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