Kolumnen_Miststück der Woche, Pt. 81

Verka Serduchka: "Dancing Lasha Tumbai"

Lesbische Serbinnen, schwule Franzosen, italienisch singende Letten und Eugen Ciceros schlafmütziger Sohn: Das war der Grand Prix 2007. Ein Stück ragte trotzdem heraus - findet Manfred Prescher.    21.05.2007

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

"Tanz den Mussolini" war gestern. Heute tanzt man den Leonid Breschnew. Und kleidet sich dazu in die Überreste der Alufolie, die von den Pet Shop Boys aus "Go West"-Zeiten übrig geblieben sind. Dazu pappt man sich einen überdimensionalen Sowjetstern auf den Kopf und schaut aus wie eine mollige Ausgabe von Dame Edna Everage. Weil das nicht jeder kann, ist der Auftritt von Verka Serduchka - oder Werka Serdjutschka - beim Eurovisions-Obskuritätenkabinett in Helsinki so einmalig gewesen. Und genau deshalb wird auch kein echter Trend draus. Schließlich ist Verka ein Kunstprodukt, eine Travestie- und Transvestie-Packung im XXL-Format. Erfunden wurde sie vom Ukrainer Andrij Michailowitsch Danilko, der rund um seine Figur eine Mischung aus Vaudeville-Show und Freak-Zirkus ins Leben rief. Analog zu Barry Humphries und seiner im Kult-Dorf Wagga Wagga geborenen Edna, nutzt auch Danilko seine Schöpfung, um Dreistigkeiten zu formulieren, die ein normaler Mensch im Busineß-Anzug noch nicht einmal zu denken wagt. Daß Werka/Verka auch ein Vehikel ist, mit dem sich narrengleich und daher an der politischen Druckmaschine vorbei die Zustände im postkommunistischen Machtzentrum thematisieren lassen, kommt in diesem Falle noch hinzu.

Weil das so ist, wundert es doch, daß die schrille Ukrainer-Show bei russischen Grand-Prix-Votern nicht übermäßig ankam. Aber es reichte immerhin zu einem guten zweiten Platz in der Gesamtwertung - während DJ Bobo schon in der Vorausscheidung auf den Popo fiel, während der ländertechnisch und musikalisch gesetzte deutsche Schlafmützen-Swing 19. wurde und der schwedische Marc-Bolan-Enkel mit frisch aus dem kollektiven musikalischen Gedächtnis entwendeten Song-Elementen am Schluß auch nicht besser da stand. Der ebenfalls bereits in der Vorrunde gescheiterte Österreicher Erich Papaya (oder so ähnlich) geriet gar schon in den ersten beiden Minuten nach dem Auftritt in Vergessenheit. Dies ist ein trauriger Rekord, der in die Annalen des Wettbewerbs eingehen wird.

In diesem fahlen Lichte betrachtet, ist der Vizetitel für Serduchka jedenfalls nicht schlecht. Schließlich gewann beim Eurovisions-Contest nie automatisch der jeweils beste Titel. So schaffte es beispielsweise Cliff Richard mit zwei späteren Hits nicht, Erster zu werden. 1968 wurde er mit "Congratulations" Zweiter, 1973 mit dem fulminanten "Power To All Our Friends" gar nur Dritter. Bei der ersten Teilnahme lag der spanische Titel "La La La" vor dem perfekten britischen Schlager, bei der zweiten waren es "Tu Te Reconnaîtras" (Frankreich) und wieder was Iberisches, das selbst mir unbekannte "Eres Tu". An die Interpreten, an Massiel, Anne-Marie David und die Formation Mocedades erinnert sich keine rasierte Sau mehr. Die kann man allerdings zum diesjährigen Beitrag aus der Ukraine getrost rauslassen, um es mit Danny Wilde aus "Die 2" zu sagen. "Dancing Lasha Tumbai" ist eine echte Perle, geworfen vor 500 Millionen Ferkel vor dem Fernseher.

 

Wahrscheinlich ist der "European Song Contest" die einzige Möglichkeit, die uns Westeuropäern gegeben ist, um von Werkas/Verkas Disco-Song erfahren zu können. Das Musik-Busineß verläuft einseitig von West nach Ost, und das ist schade, denn eigentlich hätte die schwungvolle Partynummer auch den Weg durch die Clubs gehen können - oder durch die hedonistische Schwulenszene, die uns schon manch musikalisches Kleinod beschert hat. Aber Poltawa/Ukraine ist eben nicht New York. Und aus dem Ostblock heraus führt nur ein Weg, nämlich der durch den eisernen Vorhang aus BBC, ARD, ORF oder Sender Freies Belgien.

Deren kritische, an öffentlich-rechtliche Diskussionsplattformate gewohnte Zuschauer merkten in der Nachbetrachtung des paneuropäischen Groß-Events an, wie hirnrissig der Text von "Dancing" sei: "My Name is Verka Serduchka/Me English nicht verstehen/Let´s speak DANCE!/Sieben, sieben/Ai lyu lyu/ein, zwei, drei/ Sieben, sieben/Ein, zwei, sieben/.../Tanzen!/Weiter, weiter!/Ich lieben!"

Ein Schelm, dieser Andrij Michailowitsch Danilko. Wenn man den Text so liest, könnte man glauben, die leibhaftigen DAF wären wieder da. Denkbar wäre auch, daß es sich um ein neues Stück der Berliner Streichholzfanatiker um Till Lindemann handelt. Die Bewegungen, die Werka auf der Bühne ausführt, sind ein choreographischer Mix, bestehend aus Scooter und Rammstein ("Mein Herz schlägt linkszwodreivier"), was ja nicht so abwegig ist. Schließlich wissen wir durch Herrn Kaminer, daß an russischen Schulen Deutsch mit Hilfe von Rammstein-Texten gelernt wird. Außerdem kommen Kraftwerk-Roboter und der 9.-Mai-Aufmarsch zu Ehren der ruhmreichen Roten Armee zum Einsatz. Man muß einfach konstatieren, daß in dem Stück ein echter Modetanz steckt, zu dem der herbe, von der Quetschkommode unterstützte Disco-Song perfekt paßt.

 

Würde es auf der Welt gerecht zugehen, dann wäre das im Stechschritt vorgetanzte Kauderwelsch jedenfalls ein echter Hit. Doch weil es bekanntermaßen überhaupt nicht gerecht zugeht, gibt es von "Dancing Lasha Tumbai" nicht mal eine Maxi-CD, was eine Mega-Schande ist. Da fällt es nicht ins Gewicht, daß vom Siegersong jenseits von Titos Puzzle eines Staates auch nicht mehr übrigbleiben wird.

Ich werde Verka Serduchkas Lied jedenfalls in den nächsten Neo-Disco-Sampler integrieren, zwischen Mika und The Gossip. Dort wird er garantiert nicht negativ auffallen. Im Gegenteil, es ist der Ort seiner Bestimmung. Und wenn jetzt jemand sagt, daß Danilko das Ganze doch nicht ernst gemeint hat und den Grand Prix und seine Zuschauer mindestens so sehr veralbern wollte wie weiland Stefan Raab mit "Wadde Hadde Dudde Da", dann täte man ihm unrecht. Und Werka hätte allen Grund, ihrem Nachnamen alle Ehre zu machen. Schließlich heißt "serdjutschka" auf deutsch "die Beleidigte": Leberwurst in Alu-Haut. Der Ernst hat sich nur verkleidet. Aber so machen es die Scissor Sisters auch.


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

V/A - Eurovision Song Contest 2007


EMI (Europa 2007)

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