Kolumnen_Miststück der Woche II, Pt. 77

Rosanne Cash: "I´m Movin´ On"

Wenn der Daddy im Country-Himmel sitzt, dann muß das Töchterchen ran. Und das erledigt die Fortsetzung der Familientradition nicht erst seit heute perfekt - findet Manfred Prescher.    09.11.2009

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Wir schreiben das Jahr 1955. Die Welt ist in Aufbruchstimmung. Es rockt und rollt bis in die Vorstädte und zu den Mittelstands-Kids. Will man diese glanzvolle Ära romantisch verklären, so erzählt man am besten, daß alles von einem muffigen kleinen Loch in Memphis ausging, wo Hinterwäldler mit damals schon veralteter Technik die Welt revolutionierten. Und irgendwie stimmt das auch, denn in Sam Phillips´ Sun-Studio wurden Elvis, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Roy Orbison oder auch Johnny Cash groß. Ganz unangebracht ist die Mystifizierung dieses eigentlich banalen Ortes nicht, da das dort aufgenommene Material bis heute nichts von seiner atemberaubenden Aura verloren hat.

Aber die Sessions bei Sun sind das eine, das Privatleben der Musiker das andere. Nachzulesen ist das unter anderem in Johnny Cashs Autobiographie, meinetwegen kann man es sich auch im darauf basierenden Hollywood-Film ansehen. Einen Haufen Probleme, jede Menge archetypischen Rock´n´Roll-Lifestyle, mangelnde Beziehungsfähigkeit, neue Freunde wie Jack Daniel und George Dickel - eigentlich eine kreuzelende Sache. Cash hatte beispielsweise seine Fernliebe Vivian geheiratet, sich mit doofen Jobs herumgeschlagen, ein Kind gezeugt und sich auf ellenlange Touren durch die Townhalls und das wilde Leben begeben. Daß ihm während des Herumzigeunerns seine große Liebe June Carter begegnet ist, ist bekannt.

Genauso wissen wir, daß die spätere Ehe mit June einen reichlich unbegabten Sohn hervorbrachte, während ausgerechnet Johnnys im Schicksalsjahr 1955 geborene Tochter Rosanne das künstlerische Erbgut vermittelt bekam. Vielleicht ist auch was vom Heiligen Geist der "Sonnentage" in der schallisolierten Dunkelkammer von Herrn Phillips hängengeblieben, den wir Gläubigen in unseren Missionierungsbotschaften an die Agnostiker weiterzugeben suchen.

 

Rosanne jedenfalls war einige Jahre viel erfolgreicher als ihr Dad; konsequenterweise kreuzten sich ihre Karrieren nicht oft. Cashs musikalische Stammhalterin hat Nachfragen dazu in früheren Interviews immer abgeschmettert. Getreu dem Motto, Johnny habe sich nie groß um sie gekümmert, warum sollte sie jetzt Kontakt halten? Daß die beiden Country-Superstars mehr verband, offenbarte sich erst im letzten Lebensabschnitt des alten Haudegens - und das nicht nur, weil Rosannes 2003 erschienenes Album "Rules Of Travel" das anrührende Vater-Tochter-Duett "September When It Comes" enthielt. Damit gab Johnny erstmals öffentlich zu, wie stolz er auf seine längst auch künstlerisch erwachsene Erstgeborene war.

Mittlerweile gibt es nur noch einen Cash mit Talent - und das ist Rosanne. Auf ihrem neuen Album "The List" klingt sie kraftvoll wie Dad in den späten 60er Jahren. Der Verweis paßt, da die Platte ausschließlich Songs enthält, die Johnny ebenfalls aufgenommen hat oder die auf seiner 1972/73 entstandenen Liste der 100 wichtigsten Country-Songs standen. Sie selbst bekam die Stücke damals vorgespielt, weil Johnny sie in seinen Familienbetrieb integrieren wollte. Der Legende nach sagte Rosanne, daß sie einige der Lieder eines Tages selber aufnehmen werde, und zog ihres Weges. Das ist genauso mystisch-schön wie die Sun-Saga, und ein wenig davon ist auf der Platte auch zu hören: "Long Black Veil",  Dylans "Girl From North Country", "Heartaches By The Number", "Sea Of Heartbreak" oder "500 Miles". Unterstützt wird Cash jr. von Bruce Springsteen, Elvis Costello, Jeff Tweedy und Rufus Wainwright, die sich perfekt in "The List" einreihen.

Eindeutiger Höhepunkt des Albums ist ein Song, der so etwas wie Rosannes "I Walk The Line" sein könnte: "I´m Movin´ On". Im sehr reduzierten Video mit seinen Schienensträngen wird der Bezug überdeutlich, auch wenn Frau Cash natürlich kein Urheberrecht auf die Pose und auf das Stück hat. Das stammt ungefähr von 1950 und von Hank Snow. "I´m Movin´ On" ist ein für das Genre typischer Song, der den Abschied aus einer Beziehung thematisiert. Er enthält die für die Ewigkeit geschriebene Zeilen "you were flyin´ too high for my little old sky/so I´m movin´ on". Snows Evergreen wurde von vielen Sängern gecovert, Johnnys beeindruckende Version ist auf der 5-CD-Box "Unearthed" zu hören. Aber Rosanne treibt den Klassiker mit Gitarre, Kraft und Energie vorwärts in moderne Zeiten. So macht frau etwas, das längst Allgemeingut ist, zu ihrem Eigentum. "I´m Movin´ On" ist nicht Hank Snow, es ist Cash, Rosanne Cash.

Nächste Woche wird es an dieser Stelle um einen Mann gehen, der Johnny Cash persönlich kannte und mittlerweile fast so aussieht, als würde er gerade "American Recordings" aufnehmen. Ich stelle Euch Gunter Gabriels Version von "Haus am See" (genau, das von Peter Fox!) vor. 

 

 

 
Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Rosanne Cash - The List

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(Photos © Deborah Feingold)

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