Kolumnen_Miststück der Woche II, Pt. 96

Louis Jordan: "Five Guys Named Moe"

Da sage einer, daß das Zeug aus den 40er Jahren nicht nach wie vor cool ist. Schließlich wird Jordans "Ain’t Just Like A Woman" gerade im Spiel "Mafia II" spektakulär verwendet. Und auch wenn - oder weil - es keiner der Konsolen-Paten registriert, der Song paßt zum Game wie das Gesäß auf die Brille. Grund genug, den Mann dahinter im "Miststück"-Countdown zu würdigen, findet Manfred Prescher.    20.09.2010

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Der am 8. Juli 1908 in Brinkley/Arkannsoh geborene Louis Jordan war groß. Sehr groß, so groß, daß ihm im Showbusineß kaum einer das Wasser reichen konnte. Was freilich nichts machte, weil er sowieso lieber mal einen edlen Tropfen zu sich nahm. Daß er so verdammt groß war, lag nicht am Sternzeichen, wer glaubt denn an so einen Schmu, obwohl Jordan und den Autor dieser Zeilen das Leben unter dem Symbol des Cancer, ich meinte natürlich des Crawfish verbindet.

Nein, der Mann war schlicht der erste richtige Popstar und kam sogar bei den hippen weißen Trendsettern in New York oder Chicago an. Was in den 40er Jahren beileibe nicht selbstverständlich war, weil Afroamerikaner mit ihren Liedern in den "Race Music Charts" gelistet wurden. Wie die Bezeichnung dann geändert wurde, ist eine andere Geschichte, die hier nur insofern etwas zur Sache tut, weil es Stars wie Jordan zu verdanken ist, daß die musikalische Apartheid fiel.

Er ist der Urvater von James Brown, Sam Cooke, Michael Jackson oder Prince - einer, der die Mechanismen der Musikbranche kannte. In einer Anzeige erklärte er beispielsweise, wie man einen Hit macht, nämlich unter anderem, indem man lustige Phantasienamen verwendet. Wie etwa "Decca Decca", womit schon mal die Plattenfirma genannt wurde, mit der er zwischen 1938 und 1954 zusammenarbeitete.

 

Insgesamt hatte Jordan 18 Nummer-1-Hits in den Race- und R&B-Charts, wie die Hitliste seit Juni 1949 heißt. Bis heute waren nur Aretha Franklin und Stevie Wonder erfolgreicher. 54 Songs erreichten die Top 10, nur James Brown war dort noch häufiger zu finden. Louis Jordan, der mit verrückten Klamotten Maßstäbe setzte und gern mal mit Turban oder Kaftan auftrat, war berühmt für ausgefallene, durchgestylte Auftritte - und damit mehr Rock’n’Roll und mehr Funk als die meisten, die nach ihm aus dem Groove-Mutterschiff auf die nach coolen Sounds dürstende Erde geworfen wurden.

Nebenbei war er der erste, der von einer einzigen Single über eine Million Stück verkaufte, und das gänzlich ohne europäische Kaufkraft. Der Kontinent lag ja entweder schon in Schutt und Asche oder durfte, konnte und wollte gar keine verteufelt gut swingende Musik hören. "Caldonia " hieß der geschichtsträchtige Song, der es 1945 sogar in den weißen Popcharts bis auf Platz 5 schaffte. Man bedenke, daß dunkelhäutige Menschen damals am besten als braver Onkel Tom in einer Hütte lebten. Jordan kam sogar in die Country-Hitparade, das Ranking, das traditionell auch Heimat von Redneck-Slim und Ku-Klux-Klan-Heinz ist.

 

"Five Guys Named Moe" fiel mitten in die beste, kreativste und coolste Ära von Jordan. Der Song war auf einer B-Seite zu finden, aber mindestens so beliebt wie das als Hit eingeplante "That’ll Just ’Bout Knock Me Out". Schon damals haben sich Plattenfirmen öfter geirrt, wenn es um Marktpotential ging, aber die Jukeboxes stellten den Fan-Willen unter Beweis: Die Coin wurde nicht an das schlechtere Lied verschwendet, die Zeiten waren gar nicht so anders als unser Hier-und-Jetzt. Heute wird nur das aus dem iTunes rausgezuzelt, was man wirklich hören will. Damals wurde die eine Seite der Schellack-Medaille wieder und wieder durchgenudelt, während die andere in der Gunst des Publikums zurückblieb.

"Five Guys Named Moe", das nicht von Jordan, sondern von Larry Wynn und Jerry Bresler stammt, ist ein pfiffiger, extrem eingängiger Song, der mehr Spaß macht als das Gesamtwerk von Britney Spears. Es geht um fünf Typen, die wirklich alles im Griff haben - und sich die Welt nach ihrem Geschmack aufteilen. "They’re just the best in harmony": Big Moe und seine "Brothers" Little Big Moe, Four-Eyed Moe, No Moe und Eat Moe sind das swingende Äquivalent zu den Daltons aus "Lucky Luke", zu den Earp-Brüdern oder den Dreien von der Tankstelle. Die kleinen Strolche haben es faustdick hinter den Ohren, für sie ist ein Chick weit mehr als ein gut gegrilltes Hühnchen. Nebenbei sind sie "the greatest band around" und sicher besser als andere berühmte Popgruppen wie die Beatles oder die Bremer Stadtmusikanten. Deshalb heißt das 1990 uraufgeführte Broadway-Musical über Jordan auch zurecht "Five Guys Named Moe".

 

"Moe" heißt mehr, und mehr Jordan gibt’s auf der randvollen 9-CD-Box "Let The Good Times Roll: Decca 1938-54" von Bear Family. Im dicken Buch dazu werden seltene und selten-coole Photos aus längst vergangenen Zeiten gezeigt. Daß die heute noch modern wirken, liegt an Louis Jordan. Und als Tip für alle, die den Einstieg finden wollen: Hört "Ain’t Nobody Here But Us Chickens"!

Nächste Woche geht es hier im Countdown weiter - mit Beth Ditto und "Four Letter Word". Die Frontfrau von Gossip ist zwar nicht die größte, aber vielleicht die dickste coole Lady.

Manfred Prescher

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Louis Jordan - Let The Good Times Roll: Decca 1938-54

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(Bear Family)

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