Musik_Prokofjew und Gluck in Wien

Gergiev Superstar

Mit gemischten Gefühlen konnte man Christoph Willibald Glucks "Iphigenie" szenisch im Theater an der Wien erleben. Kurz darauf gab es jedoch einen auf zwei Abende verteilten musikalischen Höhepunkt: sämtliche Klavierkonzerte und drei Symphonien von Sergei Prokofjew im Konzerthaus. Hier brillierten vier Pianisten und Valery Gergiev mit seinem Mariinski-Orchester.    13.11.2014

Ein interessantes Déjà-vu gab es vor kurzem im Theater an der Wien zu sehen und zu hören: Nach "Iphignie in Tauris" (2010) und "Iphigenie in Aulis" (2012) brachte Torsten Fischer, der beide Produktionen inszeniert hatte, heuer "Iphigenie in Aulis und Tauris" in einer Art persönlicher Kompilation auf die Bühne.

 

 

Interessanterweise mit der fast gleichen Besetzung wie vor vier Jahren versuchte Fischer an seine Erfolge mit den damaligen Aufführungen anzuschließen; leider standen ihm aber diesmal das Werk und die Zusammenstellung der Nummern im Wege. Christoph Willibald Gluck war bekanntlich ein begnadeter Reformer, der erfolgreich das enge Korsett der Barockmusik sprengte und völlig neue Wege ging. Trotz seiner Genialität konnte er sich jedoch nicht immer als ebenso guter Dramatiker auszeichnen, und das merkte man Fischers Neuproduktion sehr deutlich an.

Der Regisseur erzählte zwar farbenreich, dynamisch und mit berührenden Momenten die bekannte Geschichte um Agamemnon und Orest, doch leider konnte Glucks an und für sich wunderbare Musik da zeitweise nicht mithalten. Eigentlich waren erst die letzten 15 Minuten der gesamten Opernaufführung tatsächlich spannungsgeladen, in der Zeit davor verspürte man mehr als einmal gepflegte Langeweile. Bei der Besetzung stachen - wie schon 2010 - Véronique Gens, Stéphane Degout und Rainer Trost heraus, während Dirigent Leo Hussain und die hervorragenden Wiener Symphoniker für das elegante musikalische Gewand sorgten.

 

Wenige Tage später gab es im Wiener Konzerthaus zwei superbe Konzerte mit dem Mariinski-Orchester unter seinem Leiter Valery Gergiev zu hören. Das Ensemble ist mittlerweile das erste Orchester Rußlands, was nicht zuletzt dem Maestro zu verdanken ist. Er ist seit 1988 künstlerischer Leiter und seit 1996 alleiniger Chef des Orchesters; selten haben sich übrigens Chefdirigenten so lang bei einem Orchester gehalten.

Im Rahmen der Europatournee dürfte Sergei Prokofjew der Themengeber sein. Im Rahmen der zwei Konzerte wurden drei Symphonien und alle Klavierkonzerte des russischen Komponisten gespielt. Sowohl Prokofjew als auch Schostakowitsch waren stark durch die Kriegswirren traumatisiert, was man ihren Spätwerken deutlich anmerkt. Schostakowitsch konnte die Eindrücke seiner Umwelt und der Kriege bzw. Aufstände besser in Töne fassen; bei Prokofjew klingt manches zu sehr konstruiert.

Gergiev stellte die als "leichtfüßig" bekannte "Symphonie Classique" den Nachkriegssymphonien Nr. 6 und 7 gegenüber. Es war ein einzigartiges Hörerlebnis, wie das Orchester und der Dirigent die beiden letzteren in ihrer unmittelbaren Emotionalität wirken ließen. Die fünf Klavierkonzerte, die selbst unter gestandenen Virtuosen als beinahe unspielbar gelten, wurden von den vier Pianisten mitreißend interpretiert, wobei das Orchester niemals "nur" Begleitung war, sondern mit Gergiev und dem Klavier ein Gesamtkunstwerk bildeten. Von den Pianisten wird man sich vor allem die Namen Denis Kozhukhin und Behzod Abduraimov merken müssen; die beiden leisteten hier Unvorstellbares und brachten den Konzertsaal richtiggehend zum Vibrieren.

Es zeigt die positiven Charaktereigenschaften Gergievs, daß er im Rahmen dieser Konzerttournee quasi hinter die Solisten trat und ihnen am Schluß des zweiten Konzerts den Applaus überließ. Dafür gab er mit den großartigen Orchestermusikern als Zugabe des ersten Abends den Tanz der Capulets aus Prokofjews "Romeo et Juliette", den der EVOLVER-Klassikexperte vorher noch nie so gehört hat - einfach unfaßbar schön! So werden neue Standards gesetzt.

 

Herbert Hiess

Christoph Willibald Gluck - Iphigénie en Aulide et Tauride

ØØØØ 1/2

Tragédie opéra (Fassung: Torsten Fischer 2014)

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Regie: Torsten Fischer

 

Arnold Schoenberg Chor

Wiener Symphoniker/Leo Hussain

 

Solisten: Véronique Gens, Lenneke Ruiten, Michelle Breedt, Stéphane Degout, Rainer Trost u. a.

 

Theater an der Wien

 

Premiere: 16. Oktober 2014

Reprisen: 18., 21., 24., 27. und 29. Oktober 2014

 

(Photo: © Armin Bardel)

Links:

Konzerte unter Valery Gergiev

ØØØØØ

Zwei Konzerte im Wiener Konzerthaus

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Alle Werke von Sergej Prokofjew

 

Konzert am 27. Oktober 2014

Symphonie Nr. 1 in D-Dur op. 25 "Symphonie Classique"

Klavierkonzert Nr. 1 in Des-Dur op. 10

Klavierkonzert Nr. 2 in g-moll op. 16

Symphonie Nr. 7 in cis-moll op. 131

 

Konzert am 28. Oktober 2014

Symphonie Nr. 6 in es-moll op. 111

Klavierkonzert Nr. 3 in C-Dur op. 26

Klavierkonzert Nr. 4 in B-Dur op. 53 (für die linke Hand)

Klavierkonzert Nr. 5 in G-Dur op. 55

 

Pianisten: Alexei Volodin, Denis Kozhukhin, Behzod Abduraimov, Sergei Babayan

 

Mariinski-Orchester/Valery Gergiev

Links:

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