Stories_Interview Alexander Hacke/Einstürzende Neubauten

Hörst du den Krach der schlagenden Herzen?

Aus einer Schnapsidee wurde eine der wichtigsten deutschsprachigen Bands - die Einstürzenden Neubauten. Manfred Prescher sprach anläßlich des neuen Langspielers mit Ur-Mitglied Alexander Hacke.    17.10.2007

Es hätte der Aprilscherz einiger Sonderlinge sein können: Der 1. April des Jahres 1980 gilt als Gründungstag der Einstürzenden Neubauten. Damals, so kolportiert man, wurde Blixa Bargeld dazu überredet, in einem Berliner Klub aufzutreten. Er scharte ein paar Freunde um sich, die dann - noch mit üblichem Rock-Instrumentarium - loslegten. Zu Sägen, Einkaufswägen, Metallhämmern und allem, was sich im Moloch Großstadt an Klang- und Lärmkörpern finden ließ, war es dann nur noch ein kurzer Weg. Die Devise lautete: "Sei schlau, klau beim Bau."

Heute erschallen die Klangkonstruktionen der Neubauten weniger harsch als in den ersten Jahren. Mit jedem Album entfernte man sich weiter von der Szene der Punks, Dilettanten und Sponti-Künstler - und entwickelte sich zu einer sehr eigenen Formation mit hohem Unikats-Anspruch. Nun erscheint "Alles wieder offen" - wenn man "Faustmusik" und "Hamletmaschine" hinzuzählt und die nur für echte Fans aufgenommenen Supporter-Alben wegläßt, das 12. Studiowerk der Gruppe.

 

EVOLVER: So fängt man ja normalerweise kein Interview an, aber ...

Hacke: Jetzt bin ich doch gespannt!

EVOLVER: ... ich möchte mich bei dir für das phantastische Album bedanken.

Hacke: Wirklich schön, daß es dir gefällt.

EVOLVER: Ich lobe euch auch deshalb, weil ich eigentlich dachte, daß ihr euch vielleicht auflösen wollt.

Hacke: Wie kommst du darauf?

EVOLVER: Es ist wahrscheinlich der Hang des Musikredakteurs, Texte zu interpretieren. Beim Hören von "Ich gehe jetzt" von der letzten CD "Perpetuum Mobile" hatte ich wirklich das Gefühl ...

Hacke: Da kann man einen Mythos draus stricken. Aber im Ernst: Damals gab es keine Tendenzen, daß sich die Neubauten auflösen könnten. Im Laufe unserer 27jährigen Geschichte standen wir allerdings schon öfter an dem Punkt, an dem wir uns fragten, ob und wie es weitergehen sollte. Das Ende stand zum Beispiel im Raum, als FM Einheit 1995 die Neubauten verließ. Wie es aussieht, werden wir aber unseren 30. Geburtstag miteinander feiern.

EVOLVER: Wie wichtig sind denn die Supporters für das Weiterbestehen der Gruppe?

Hacke: Ich würde sagen, die Supporters sind existentiell. Zum einen zeigen sie uns natürlich, daß immer noch ein reges Interesse an unserer Musik besteht, zum anderen sorgen sie mit ihrem Geld dafür, daß wir überhaupt Neubauten-Platten aufnehmen können. Beim Status und bei der kommerziellen Bedeutung der Gruppe würde derzeit keine Plattenfirma in die Vorleistung gehen und unsere Studioarbeit finanzieren.

EVOLVER: Weil es den Gewinnmaximierern nicht ins Konzept paßt?

Hacke: Völlig richtig. Die Branche jammert seit Jahren, das ist fast schon ein Ritual. Das schnelle Geld ist wichtig, und bei einer aufwendigen Produktion ist der sogenannte Break-even-Point zu hoch. Wir wären ein Risiko, weil wir zu viele Platten verkaufen müßten, um die Gewinnspanne zu erreichen.

EVOLVER: Eine Gruppe wie die Neubauten kann man natürlich auch nicht mehr in ein Marketing-Korsett zwingen ...

Hacke: Das wäre nie gegangen. Die Neubauten würden sich sofort trennen, wenn wir nur noch unter Druck von außen weiterarbeiten können. Insofern sind die Supporters extrem wichtig. Sie ermöglichen uns die Freiheit, die wir brauchen.

EVOLVER: Dafür bekommen sie dann nicht nur sehr exklusive Bonus-Tracks, sondern auch komplette Werke, die es in Plattenläden und Online-Shops nicht zu kaufen gibt?

Hacke: Ja, das ist der Ansatz.

EVOLVER: Mittlerweile sind drei Phasen des Supporter Projects abgeschlossen. Wird es eine vierte Phase geben?

Hacke: Dazu kann ich beim besten Willen noch nichts sagen, weil wir im Moment in alle Winde zerstreut sind. Blixa ist zum Beispiel in den USA ... Danach steht erst einmal die "Alles wieder offen"-Tour an, und dann werden wir erstmal wieder eigene Wege gehen. Aber mein Gefühl sagt mir, daß es weitere Phasen geben könnte.

EVOLVER: Das Musterhaus-Projekt ist ebenfalls beendet?

Hacke: Derzeit schon, mit der achten Musterhaus-Platte "Weingeister" ist das Projekt erst mal abgeschlossen.

EVOLVER: Kannst du etwas darüber erzählen?

Hacke: Wir haben das Projekt 2005 ins Leben gerufen. Fans bekamen für einen Beitrag von 100 Euro vier sehr unterschiedliche Neubauten-Platten pro Jahr ...

EVOLVER: Darunter N. U. Unruhs "Bassfeder" oder die CD "Unglaublicher Lärm", die hält, was der Titel verspricht. Wo wir schon beim Krach sind: Wie hat sich denn die Zusammenarbeit der Band seit den Tagen von "Kollaps" oder "Die Zeichnungen des Patienten O. T." verändert?

Hacke: Nun, wir arbeiten heute viel akribischer und auch konzentrierter als damals. Das ist nicht nur eine Frage der Entwicklung der einzelnen Neubauten-Mitglieder, es hat auch chemische Gründe ...

EVOLVER: Es ist also von der Wahl der Drogen abhängig?

Hacke: Darüber (lacht) müssen wir aber jetzt nicht reden, oder?

 

EVOLVER: Welchen Stellenwert hat dann "Alles wieder offen" im Neubauten-Kontext?

Hacke: Es ist auf jeden Fall die persönlichste Neubauten-Platte, sie erzählt viel von der internen Struktur, von der Kommunikation zwischen uns. "Alles wieder offen" ist aber auch ein Ausdruck von Blixas Phase des extremen Rückzugs ...

EVOLVER: ... dessen musikalische Umsetzung in "Nagorny Karabach" gipfelt?

Hacke: Das kann man so sehen, allerdings sollte man Blixa nicht unbedingt danach fragen.

EVOLVER: Schon klar, er mag es nicht, wenn Besserwisser seine Texte zerpflücken und mit Bedeutungsgehalten überfrachten wollen. Trotzdem muß ich noch eines loswerden: In "Die Wellen" heißt es "Und mittendrin der Nazarener; immer wieder die famosen fünf letzten Worte: Warum hast du mich verlassen? Ich halt dagegen, brüll´ jede Welle einzeln an: Bleibst du jetzt hier?"

Ich habe mich tatsächlich dabei ertappt, mich zu fragen, was wohl passiert wäre, wenn Jesus nicht geopfert worden wäre. Blixa brachte mich darauf, mir einen alternativen Schluß zu überlegen. Fast so wie bei "Leichen pflastern seinen Weg", wo Corbucci auch ein eher positives Ende gedreht hat.

Hacke: Interessantes Gedankenspiel. Der Text ist jedenfalls schon älter, er stammt von Blixas Heinrich-Heine-Theaterstück "Von Tod an rückwärts liebeskrank", das ´96 in Düsseldorf uraufgeführt wurde. Blixa hat den Text für die Musterhaus-CD "Klaviermusik" wieder ausgegraben.

EVOLVER: Eine Frage muß ich dir im Auftrag des EVOLVER-Chefredakteurs stellen: Jürgen Fichtinger möchte gern wissen, wie es zu deiner Zusammenarbeit mit den Tiger Lillies kam.

 

Hacke: Danielle de Picciotto und ich hatten eine Veranstaltungsreihe namens "Badda-Bing", benannt nach der Bar in der Fernsehserie "Sopranos". Im Rahmen von "Badda-Bing" ließen wir immer verschiedene Bands aus verschiedenen Kontexten zusammenkommen - zum Beispiel Techno und Death Metal oder meinetwegen Blasmusik und Rockabilly. Zum zehnjährigen Jubiläum der Arena lud man uns ein, "Badda-Bing" im Großen zu machen. Wir sagten unter der Prämisse zu, daß wir wirklich auch dort Projekte zusammenführen können, auf die man so nicht kommt. Danielle hatte dann die Idee, die Tiger Lillies anzuschreiben. Es stellte sich heraus, daß alle drei uns kannten und Martyn Jacques ein ausgesprochener Neubauten-Fan ist. Das Bindeglied zwischen den Tiger Lillies und uns war dann H. P. Lovecraft ...

EVOLVER: Mich würde interessieren, ob du nochmal so etwas wie die Jever Mountain Boys machen willst? Mir hat das Country-Projekt sehr gefallen.

Hacke: Du kennst die Platte? Das war so was wie ein Gesellenstück von mir und entstand auch eher durch Zufall. Ich arbeitete gerade mit Crime And The City Solution, du erinnerst Dich? Mick Harvey an der Akustikgitarre ... Jedenfalls saß ich in einer Studiopause am Spreeufer, und ein Betrunkener setzte sich zu mir. Er sagte, daß er drüben, in der ehemaligen DDR, im Gefängnis Rummelsburg gesessen habe und ihm dort Johnny-Cash-Songs geholfen hätten, durch den Alltag zu kommen. Als er mich fragte, ob ich einen für ihn singen könnte, stellte ich fest, daß ich zwar viele Cash-Lieder kannte, aber keines so, daß ich den kompletten Text drauf hatte.

EVOLVER: Die Mountain Boys waren Vorreiter.

Hacke: Country-Cover-Versionen sind momentan in, gibt´s da nicht diese Gruppe? Bosshoss oder so ...

 

EVOLVER: Nicht nur die machen sowas. Aber wie wäre es mit einer Platte mit eigenen Country-Songs? Deine Stimme ist prädestiniert dafür.

Hacke: Danke sehr, ich werd´s mir mal überlegen ...

EVOLVER: Noch eine letzte Frage. Kannst du mir etwas zum "Fuori dalle corde" sagen, zu dem du den Soundtrack komponiert hast?

Hacke: Ich weiß nicht, wann der Film in die Kinos kommt, aber es lohnt sich wirklich, ihn sich anzuschauen. Gedreht hat ihn Fulvio Bernasconi, ein Regisseur aus der italienischsprachigen Schweiz. Es geht um einen Jungen aus Norditalien, der Profiboxer werden will. Aber er landet im Sumpf aus geschobenen und illegalen Kämpfen und muß dann ausgerechnet gegen seinen einzigen Freund, einen jungen Südamerikaner, antreten. Der Film ist wirklich sehr gut geworden. Mich wollte Bernasconi, weil er als Score "brutale Industrial-Musik" haben wollte. Das Ergebnis ist dann doch nicht so flach, der Soundtrack ist gitarrenlastig. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Art Blues. Die Arbeit für "Fuori dalle corde" war auf jeden Fall spannender als die für den Uschi-Obermaier-Film "Das wilde Leben".


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Zu Alexander Hacke

(Photos Alexander Hacke © Markus Johannes Reinhardt)


Alexander Hacke wurde im Oktober 1965 in Berlin geboren und hat sich schon als Schüler zu einem künstlerisch Suchenden entwickelt: 1979 war er Teil der legendären Formation Mekkanik Destruktif Kommandöh, 1980 schloß er sich den Elektro-Spartanern von P1/E an und wurde Gitarrist bei den Neubauten. In diesem schicksalsträchtigen Jahr beschloß er, sich ganz der kreativen Seite zu widmen, und verließ die Schule nach der 8. Klasse. Eine Zeitlang nannte er sich Alexander von Borsig und schuf Meilensteine wie "Borsig-Werke". Mit seiner damaligen Freundin Christiane Felscherinow (Christiane F. - "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo") trat er unter dem Namen Sentimentale Jugend auf. Die Zahl der Projekte dieser Zeit ist groß; Hacke war damals auch Mitglied der Gruppen Sprung aus den Wolken, Mona Mur und die Mieter sowie Crime And The City Solution. Außerdem arbeitete er mit der Los Angeles Free Music Society zusammen. Seit den frühen 90er Jahren komponiert er Filmmusiken, unter anderem für "Gegen die Wand" und "Crossing The Bridge" von Fatih Akin oder "Das Loch" von Matthias Heise. Immer wieder steht Hacke auch selbst vor der Kamera, und die Zahl seiner musikalischen Kollaborationen ist nach wie vor riesig. Unter anderem arbeitete er mit seiner Exfrau Meret Becker, deren Bruder Ben, mit Gianna Nannini, mit Terranova, Martin Dean oder - gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Danielle de Picciotto - den Tiger Lillies. Bei den Einstürzenden Neubauten wechselte er 1995 von der Gitarre zum Baß.

Links:

Die Trümmerjahre sind vorbei


Die Einstürzenden Neubauten melden sich zurück und bescheren ihren Jüngern mit "Alles wieder offen" eine neugebaute CD, in deren Entstehung keine Plattenfirma der Welt investiert hätte. Und das ist gut so, weil: Let´s do it à Dada!

Lesen Sie dazu die ausführliche Besprechung.

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