Stories_Die Schattenmänner, Teil 2: Gamble & Huff

Die Disco-Erfinder

Hinter gehypeten Pop-Püppchen und kreativen Sound-Künstlern verbergen sich oft die wahren Hit-Lieferanten. Ihnen widmen wir unsere Reihe "Die Schattenmänner".
Manfred Prescher führt Sie hinters Rampenlicht ...    11.06.2007

"Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht/und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht", heißt es bei Brecht. Wir bewundern die Stars, während die Macher statt Ruhm den Reichtum ernten. Manfred Prescher stellt in loser Folge die wichtigsten Produzenten, Manager und Songwriter der Pop-Geschichte vor.

 

"Do you like sweet Soul Music?" fragte Arthur Conley 1967 - und viele Amerikaner beantworteten diese Frage damals eindeutig mit "Ja!" Dabei gab es, grob betrachtet, zwei unterschiedliche Arten von Soul: auf der einen Seite die erdige, vorwärtstreibende Version aus Memphis, New Orleans, Atlanta und anderen Orten im Süden, auf der anderen den eleganten, trotz opulenter Instrumentierung federleichten und eleganten Pop der großen Städte im Norden. Chicago, New York und vor allem Detroit waren hier stilprägend. Der Hit-Konzern Tamla Motown, den Berry Gordy in der Autostadt gründete, schrieb das Motto, das zur erfolgreichen Stilrichtung Soul passen könnte, selbstbewußt und marktschreierisch auf die Plattenhüllen: "The Sound Of Young America".

Der rasante Aufstieg von Soul und damit die Expansion von Labels wie Motown, Stax, Volt oder auch Atlantic brachte Leon Huff und Kenneth "Kenny" Gamble dazu, sich gemeinsam an einer eigenen Unternehmung zu versuchen. Huff, selbst ein bekannter Session-Pianist für die Produzentengrößen Carole King und Phil Spector, lernte seinen Freund und späteren Geschäftspartner schon in den ausgehenden 50er Jahren kennen. Wo und wann man sich das erste Mal traf, ist im Nebel der Erinnerungslücken verschwunden; es dürfte, wie Kenny Gamble meint, bei einem Auftritt der Romeos gewesen sein, bei denen Gamble sang.

Man intensivierte den Kontakt, plante den gemeinsamen Einstieg und hatte anfänglich doch Angst davor, im Schatten von Motown zu verkümmern. Die Kehrseite des glitzernden Pop-Busineß zeigte sich nämlich schon damals, zu Beginn des Soul-Hypes: Viele kleine und unabhängige Labels verschwanden binnen kürzester Zeit wieder von der Bildfläche. Übrig blieben Schulden und ein Heer von talentierten Künstlern, die nicht zur rechten Zeit am rechten Ort waren. Der rechte Ort für Kenny und Leon war Philadelphia, Gambles Heimatstadt. Dort gab es eine rührige Szene, aber keine nennenswerte Label-Infrastruktur. Also zog Huff, der eigentlich aus New Jersey stammt, zu Gamble in die Hauptstadt von Pennsylvania. Dort verfaßte er 1964 für Patty & The Emblems seinen ersten Hit, "Mixed-Up, Shook-Up Girl". Dieser Erfolg war wohl die endgültige Initialzündung für das zukünftige Power-Team des Phillysound.

 

Bevor allerdings der Begriff "Phillysound" geprägt und zu einem Markenzeichen wurde, ging es in kleinen Schritten voran: 1965 gründeten Gamble und Huff ihr Label Excel Records, das über den Namens-Umweg Gamble Records schließlich 1970/71 zu Philadelphia International Records (kurz und liebevoll PIR genannt) wurde. Die beiden ersten größeren G&H-Hits, das von den Soul Survivors aufgenommene "Expressway To Your Heart" und "Cowboys To Girls" von den Intruders aus den Jahren 1967/68, sind insofern wichtig, weil sie schon viele der späteren Stilmerkmale des Phillysound vorwegnahmen: Basis ist ein vertracktes Rhythmusgerüst, das dem schönen Melodiekörper eine ähnlich perfekte Unterlage wie ein Luxuslattenrost verleiht. Die weiche Matratze darauf besteht aus einer viellagigen Instrumentenschicht, in der - so opulent sie auch klingt - kein Geigen- oder Flötenton zuviel ist.

Diese Zutaten lassen einen zunächst an Gordys Motown-Imperium und seine Schattenmänner, etwa das Team Lamont Dozier, Brian und Edward Holland denken. Der Unterschied: Während Gamble und Huff ihren Phillysound durchaus mit Anleihen an Supremes, Four Tops oder frühe Temptations inszenierten, ging Motown längst andere Wege, versuchte sich mit Erfolg auch an härterem Funk. Gemeinsam hatte man in Detroit und Philadelphia allerdings den Hang zu perfekter Studioproduktion und einer unverwechselbaren musikalischen Corporate Identity.

Bei PIR und dem Tochter-Label North Bay gehörte es immer zum guten Ton, daß selbst ein langsamer Song wie "If You Don´t Know Me By Now" von Harold Melvin & The Blue Notes über eine tanzbare Rhythmusunterlage verfügte. Gamble und Huff produzierten schon Disco-Stücke, als der Begriff "Disco" noch nicht für einen hippen Trend stand. Oder sie ließen für solche Tracks unter anderem das Duo Gene McFadden und John Whitehead in den mit neuestem Equipment ausgestatteten Sigma Sound Studios in Philadelphia an die Regler. Insofern verwunderte es auch nicht, daß das Produzentenduo während der Disco-Epoche erfolgreich auf der Modewelle mitschwamm - oder daß Elton John sich vom PIR-Sound inspirieren ließ und bei den Königen von Philly sein "Philadelphia Freedom" aufnahm. Instrumentiert wurde dieser Hit übrigens von MFSB (alias Mother, Father, Sister, Brother), die das Stück später als Instrumental und mit anderen Sängern noch mehrmals veröffentlichten.

Mit MFSB wurde übrigens eine "alte" Soul-Tradition weiter fortgeführt, nämlich die der Haus- oder Label-Band. Wie die Stammformationen bei Motown oder bei Stax - hier stand die nicht erst seit dem Film "Blues Brothers" bekannte Gruppe Booker T. & The MGs bei den meisten Aufnahmen an den Instrumenten - hatten MFSB bei PIR dafür zu sorgen, daß der Zuhörer sofort wußte, was er da zu hören bekam.

 

Im Gegensatz zu vielen anderen Tycoons der Branche hing Gamble und Huff nie der Ruf an, ihre Künstler auszubeuten. Ein Beleg dafür mag sein, daß viele Interpreten über lange Jahre hinweg bei PIR unter Vertrag standen und keine Gedanken an einen Label-Wechsel hegten. Vielleicht lag es daran, daß die beiden Macher selber als Musiker aktiv waren und sich dadurch weit weniger als Geschäftsmänner sahen? Eddie Levert von der erfolgreichsten Philly-Band, den O´Jays, formulierte es jedenfalls einmal so: "Leon und Kenny sahen uns immer eher als Kollegen an."

Die O´Jays, die sich nach DJ Eddie O´Jay - einem Radiomann aus Cleveland - benannten, der sie bereits 1959 entdeckt und gefördert hatte, wissen natürlich, was sie Gamble und Huff verdanken. Die sechziger Jahre waren bis auf den Mini-Hit "Lipstick Traces" für sie eine einzige Durststrecke, die es zu überwinden galt. Erst bei PIR wurden sie zu Hit-Garanten. Besonders die frühen Siebziger, also die Zeit, bis Gründungsmitglied William Powell wegen einer Krebserkrankung ausstieg, müssen als absolute Hochphase der O´Jays gelten.

Damals waren sie so stylish und gut, daß Formationen wie die Dells, wie Detroit Emeralds oder Main Ingredient in ihrem Windschatten prima mitfahren konnten. "Back Stabbers", der erste Mega-Seller von Levert und Co., ist ein Track für die Ewigkeit. Weitere G&H-Künstler waren Billy Paul und die - allerdings nur kurz bei PIR gelisteten - Jackson 5 mit Jacko, dessen erstes Monster-Album "Off The Wall" viele Verweise auf Gamble und Huff enthält. Groß waren auch Harold Melvin & Blue Notes, die Superstars Lou Rawls, der während seiner Philly-Zeit zwei Grammys gewann, und Teddy Pendergrass, der von Pennsylvania aus eine große Karriere startete. Außerdem waren unter anderem noch die Lady-Crew Three Degrees, der skurrile Dexter Wansel sowie Phillys Hyman, Frantique oder Instant Funk bei Gamble und Huff unter Vertrag. Die drei letztgenannten sorgten während des "Saturday Night Fever" unter der Glitzerkugel für Furore.

 

Das schleichende Aus für PIR - und damit auch das Ende der langjährigen Kooperation von Kenny Gamble und Leon Huff - begann, so zumindest die "offizielle" Geschichtsschreibung, als ihr damaliges Aushängeschild Nummer eins, Teddy Pendergrass, am 18. März 1982 mit seinem Rolls-Royce schwer verunglückte und fortan auf den Rollstuhl angewiesen war. Ob der Abstieg von PIR wirklich daran lag, daß Pendergrass nach dem Unfall sein Leben überdachte und sich nach acht Erfolgsalben von Gamble und Huff verabschiedete, darf bezweifelt werden. Das Ende der Zusammenarbeit mit dem Hit-Garanten hat aber auf jeden Fall damit zu tun, da in den frühen und mittleren achtziger Jahren die Verkäufe der anderen Künstler deutlich stagnierten.

Zwischen 1985 und 1987 stellte PIR seine Tätigkeit allmählich ein, während North Bay schon einige Jahre vorher im Orkus der Musikhistorie verschwand. Obwohl es keine neuen Produktionen direkt aus dem Philly-Imperium mehr gibt, wurde Philadelphia International Records nie offiziell aufgelöst. Bis heute kümmern sich die beiden mittlerweile mehr als 60jährigen Macher um den umfangreichen Nachlaß ihres Schaffens. In Zeiten, in denen Disco-Sounds wieder Hochkonjunktur haben, dürfte sich auch der Backkatalog von Gamble und Huff ordentlich verkaufen. Die Songs sind jedenfalls zeitlos - das zeigte sich schon 1999, als das Duo für das von Simply Red aufgenommene Cover von "If You Don´t Know Me By Now" einen Grammy bekam. Daß sie außerdem eine ganze Reihe von Künstlern, angefangen von den Bee Gees über die Philly-Rapper The Roots bis hin zu Prince oder Timbaland prägten, ist ebenfalls eine Tatsache.

Phillysound moves the world - auch im Jahr 2007.

 

PS: Lesen Sie in Teil 3: Rick Rubin - der vielseitige Guru


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER


Manfred Prescher

Die 20 besten Songs von Gamble und Huff

Die Schattenmänner, Teil 2: Kenny Gamble & Leon Huff


1. The O´Jays: Back Stabbers

2. Harold Melvin & The Blue Notes: If You Don´t Know Me By Now

3. Dexter Wansel: Life On Mars

4. Billy Paul: Me And Mrs. Jones

5. MFSB: T.S.O.P. (The Sound Of Philadelphia)

6. The Three Degrees: Dirty Old Man

7. The O´Jays: Now That We Found Love

8. Lou Rawls: You´ll Never Find A Love Like Mine

9. Edwin Birdsong: Phiss-Phizz

10. The Intruders: Cowboys To Girls

11. The O´Jays: Ship Ahoy

12. Frantique: Disco Dancer

13. Harold Melvin & The Blue Notes: Wake Up Everybody

14. Instant Funk: The Philly Jump

15. Bunny Sigler: Love Train

16. The O´Jays: For The Love Of Money

17. Lou Rawls: Groovy People

18. McFadden & Whitehead: Ain´t No Stoppin´ Us Now

19. The Trammps: Love Epidemic

20. The Futures: (You´re The One) Someone Special

Links:

Die Kaugummi-Fabrikanten

Die Schattenmänner, Teil 1: Chinn & Chapman


Wer waren Chinnichap? Diese Frage stellte der englische Musikjournalist Nigel Thomas schon 1974, also zu der Zeit, als die beiden Produzenten die Charts beherrschten. "Sie kommen ohne Glitzer-Make-up aus und singen niemals ihr eigenes Material", stellte er fest - und beschrieb sie als smarte, perfekt gekleidete Busineß-Men, als geschäftstüchtige Kreativzellen mit Selbstbewußtsein. Lesen Sie mehr im ersten Teil unserer "Schattenmänner".

 

(Illustrationen: Jörg Vogeltanz)

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen
marianne - 08.12.2013 : 10.10
wieso gibts denn keinen teil3?
Manfred - 08.12.2013 : 16.19
Hallo Marianne,

das ist eine sehr gute Frage... :-) Ich denke, es kann einen dritten Teil geben - und der wäre dann über Jerry Leiber und Mike Stoller.

liebe Grüße
Manfred
marianne - 08.12.2013 : 23.58
hi manfred!

kenn ich leider nicht - aber bin schon gespannt. wann wird der denn kommen?
Manfred - 09.12.2013 : 10.13
Leiber und Stoller schrieben unter anderem "Hound Dog" und "Jailhouse Rock" oder auch "Jackson" für Johnny Cash. Der Text sollte im Februar kommen.

liebe Grüße
Manfred
marianne - 25.01.2014 : 09.34
lieber manfred,
weisst du schon wann im februar?bin schon gespannt.
gruesse,m
Manfred Prescher - 27.01.2014 : 17.55
Hallo Marianne,

geplant ist es für die Woche nach dem 15. Februar.

lg
Manfred
marianne - 07.03.2014 : 15.45
und welche woche nach dem 15-2 genau ;-)
lg,
marianne
Manfred Prescher - 09.03.2014 : 18.43
Hallo Marianne,

ich war unpässlich. Das Ganze wird dann wohl erst in der letzten Märzwoche fertig.. Etwas Geduld bitte noch :-)

liebe Grüße
Manfred Prescher
marianne - 25.07.2014 : 09.29
but i still havent found what im looking for :-)

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