Stories_Plakativ: Alle Anderen/Rohtenburg

Beziehungsprobleme

Schuld sind immer die anderen. Vor allem, wenn man "Ich hab´ dich zum Fressen gern" in die Tat umsetzt und erwischt wird. Um das eine und die anderen drehen sich unsere Plakate der Woche. Franziska Richter denkt sich ihr Teil dazu.    19.06.2009


Alle Anderen


Was wir sehen: Sehr, sehr viele Dinge - Ikea-Möbel, weiße Holzverkleidung, mit Nippes vollgestopfte Regale, Blumen vor einer braunen Wand. An der steht eine Dame, mit dem Rücken zu uns, in einen Bikini gewandet und mit den Händen an besagte Wand gestützt. Vor ihr scheinbar ein Spiegel, der die andere Seite des Zimmers reflektiert: eine grüne Wand, an der irgendwelche Objekte hängen, davor sitzt ein Mann mit nacktem Oberkörper, der die Frau etwas hilflos anschaut.

Dazu der Filmtitel in Kleinschreibung: "alle anderen".

Worum es augenscheinlich geht: um ein Paar, das trotz viel Spielzeug nichts mehr miteinander anzufangen weiß und ratlos ist, wie es mit dieser Situation umgehen soll. Sind "alle anderen" womöglich die Lösung, ein Vorbild?


Worum es tatsächlich geht: Das Paar Gitti (...!) und Chris, gespielt von Birgit Minichmayr und Lars Eidinger, ist im gemeinsamen Urlaub ganz mit sich allein. Sie sind beide starke Persönlichkeiten und leben ihre Rituale und Machtspielchen miteinander aus. Sie sind glücklich miteinander - oder nicht? Nach einer Weile lernen sie ein anderes Paar kennen, dessen Beziehung ganz anders funktioniert: Der Mann hat das Sagen, und die Frau gehorcht. Chris gefällt dieses Konzept so gut, daß er es selbst ausprobieren möchte, und auch Gitti ist nicht abgeneigt. Aber kann man die Dynamik einer Paarbeziehung einfach so verdrehen, ohne daß die eigene Individualität darunter leidet?

Zum Plakat: Die Haltung der Frau auf dem Plakat empfinde ich als gleichzeitig abweisend und unterwürfig. Eine seltsame Pose, die dennoch unheimlich intim wirkt - auch weil das Photo so schnappschußmäßig daherkommt. Der Mann schaut die Frau verloren und ratlos an, so als wüßte er nicht, was er zu ihr sagen soll. Das angeräumte Zimmer soll wohl symbolisieren, daß die beiden sich in einer Ferienwohnung befinden - oder zumindest an einem Ort, an dem sie sich sonst nicht aufhalten. Der Raum dient als Rahmen, aber leider lenkt der ganze Kram von den beiden Protagonisten ab. Und eigentlich ist er für die Geschichte auch nur insofern wichtig, als die beiden auf sich selbst zurückgeworfen sind. Aus genau diesem Grund wäre das Poster aber auffälliger und klarer, wenn es sich nur auf Gitti und Chris beschränken würde, wie ich es rechts unten einmal illustriert habe.

 

Daß die beiden eine problembehaftete Beziehung haben, kann man an ihrer Position zueinander erkennen. Daß die beiden eigentlich gleich stark sind, sieht man meines Erachtens daran, daß sie zwar im Vordergrund steht (und somit größer und gewichtiger ist), allerdings sieht man dafür sein Gesicht, auch wenn er im Hintergrund und durch das Spiegelbild verschwommen zu sehen ist. Der Blick geht von ihren an der Wand aufgestützten Händen zu seinem Spiegelbild, seinem Gesicht. Seine Emotion paßt gut zu meiner, die ich beim ersten Betrachten des Plakates hatte - etwas konfus.

Die benutzte Schrift ist die kaum anzugreifende Helvetica, die schön und schlicht ist und so allgemeingültig, daß sie besonders gut zu den Worten "alle anderen" paßt.

Insgesamt ein Plakat, das die Stimmung im Trailer deshalb nicht transportiert, weil es zu überladen ist. Reduktion wäre sowohl auf Grund des Themas als auch der schnelleren Erkennbarkeit angebracht.

 

 



 

Rohtenburg


Was wir sehen: ein rot beleuchtetes, verschwitztes Männergesicht. Im Hintergrund ein Waschbecken, an dem offensichtlich blutbefleckte Haken hängen; ein Messer auf einem Tisch. Dazu den Filmtitel "Rohtenburg" und die Tagline "Manche Geschichten sollten nie erzählt werden ..."


Worum es augenscheinlich geht: Sehr viele Assoziationen läßt das Plakat nicht zu - es geht offensichtlich um einen Serienmörder.


Worum es tatsächlich geht: Der Film basiert auf den Ereignissen um Armin Meiwes.

 


Zum Plakat: Es präsentiert sich wenig subtil und recht unelegant. Zum einen der holzhammermäßige Buchstabenverdreher "Rohtenburg" statt "Rothenburg" (so heißt der Ort, aus dem Meiwes stammt, tatsächlich). Äußerst fragwürdig, den Film so zu nennen - als hätte der Geburtsort Meiwes zu dem gemacht, was er ist. Wahrscheinlich scheint jedoch, daß der Name für amerikanische Ohren (und Augen) sehr deutsch klingt.

Das nächste, was auffällt, ist die Tagline - "Manche Geschichten sollten nie erzählt werden ..." - das ist im Grunde genommen beste Antiwerbung für den Film. Warum sollte man sich eine Geschichte ansehen, die nie erzählt werden sollte? Vielleicht - und das halte ich für die plausiblere Variante - ist aber der Film ebenso wie die Tagline kalkulierter Skandal.

Dafür ist das Plakat aber fast wieder zu brav. Was wir sehen, ist nicht so schlimm, daß wir nicht schon schlimmere Bilder gesehen hätten: ein Messer, ein rostiges Waschbecken, ein verschwitzter Killer. Der eigentliche Lärm beginnt im Kopf des Betrachters, wenn er das Wort "Rohtenburg" liest - sehr häufig war in den Medien die Bezeichnung "Der Kannibale von Rothenburg" zu lesen, wenn es um Meiwes ging. Und der Berichterstattung rund um den schockierenden Fall konnte man sich kaum entziehen. Die Neugier auf menschliche Abgründe dürfte also einiges zum Erfolg des Filmes beitragen - der übrigens schon aus dem Jahr 2006 stammt und auf Grund einer Klage von Meiwes bislang im deutschsprachigen Raum zurückgehalten wurde.

Der Hauptdarsteller Thomas Kretschmann ist mir bisher nur als seltsam sprechender Kapitän in "King Kong" in Erinnerung. Obwohl ich bereits einige Einträge seiner Filmographie gesehen habe, kenne ich ihn nicht gerade als sonderlich guten Schauspieler; verblüffend allerdings, wie ähnlich er Meiwes auf dem Plakat sieht. Das könnte wiederum damit zusammenhängen, daß der echte Kannibale ein Durchschnittsgesicht hat.

Für mich ist es außerdem fragwürdig, Meiwes ein solches filmisches Denkmal zu setzen. Auch wenn man sich kritisch damit auseinanderetzt, ist das Thema in einer Dokumentation bei weitem besser aufgehoben. (Anm. d. Red.: Abgesehen davon sind Serienkiller-Filme - ob "seriöse" Studie oder simple Exploitation - spätestens seit "Silence of the Lambs" ein wirklich alter Hut. Schauen Sie sich lieber "Henry - Portrait of a Serial Killer" an.)

Im Trailer geht es anschaulich zur Sache, das Sprüchlein "Bist du stark genug?" schließt ihn ab und läßt keinerlei Fragen hinsichtlich des Zielpublikums offen. Ich finde das grausig. Hier untersucht oder hinterfragt man nichts, sondern zeigt einfach nur. Das Plakat ist dagegen fast schon bieder und erinnert an das 90er-Jahre-DVD-Cover eines Genre-B-Movies - mit gestalterisch völlig unsinnigem (und häßlichen) Schlagschatten.

Fazit für mich: überflüssiger Film, mißratenes Plakat. Gar nicht lecker.

 

 

C. Franziska Richter

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