Editorial_1. 7. 2008

Bobo im Wunderland

Der Spuk hat ein Ende, den Göttern sei Dank. Während die Fußball-EM in den Köpfen der Sportfreunde jedoch nur das übliche wirre Geschwurbel auslöste, richtete sie bei so manchem Alternativzeitungsredakteur Schlimmeres an: Da wurden nationalistisches Randalierertum und übelstes Macho-Gehabe plötzlich im Migrationshinterkopf zu liebenswerten Manifestationen der schönen neuen Multikulti-Welt.    04.07.2008

Liebe EVOLVER-Leser und -innen!

 

Die EM ist vorbei. Nach drei schier endlosen Wochen bunten Treibens, organisierten Frohsinns, widerlich angeschmierter Visagen, stupiden Fahnenschwenkens, von Politikern aller Couleur bejubelten Komasaufens und aufrechten "Ich-bin-stolz-Türke/Kroate/Deutscher/Marsianer/Arschloch-zu-sein"-Gebrülls hat der Spuk endlich ein Ende. Indigen-indignierte Österreicher zogen es vor, weniger laut zu grölen (sie hatten ja auch keinen Grund dazu …), sondern stattdessen ein paar in den Bermuda-Dreiecks-Ballermann eingedrungenen Deutschen die Fresse zu polieren - was dann zwischen "Hrvatski"- und "Türkiye"-Fans ein paar Tage später im schönen Ottakring im großen Stil zelebriert wurde. Klar: Wer nichts ist, nichts kann und sogar für Computer-Ballerspiele zu blöd ist, braucht halt ein paar lächerliche Fähnchen, an denen er sein darniederliegendes Ego aufzurichten vermag.

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Das ist nichts, worüber man sich aufregen müßte; lassen wir der Unterschicht halt ihre kleinen Freuden. Wann darf man sonst wieder ungestraft Straßen und Parks zubrunzen und -scheißen, bis in den frühen Morgen Krawall schlagen, nationalistische Sprechchöre ablassen und in sogenannten Fanzonen überteuertes wässriges Bier der globalen Systemgastronomie konsumieren (das dann wiederum raus will, siehe oben). Fußball ist eben weltweit die Sportart, auf die sich alle Hirnamputierten, Naturdeppen und gewalttätigen Kleinkriminellen problemlos einigen können.

Was uns jedoch wirklich stutzig machte, war die übergroße Toleranz, ja, der immense Zuspruch, den die angebliche "A-Schicht" (= Bobos, Künstler, Qualitätszeitungsredakteure) all dem Schwachsinn entgegenbrachte - und zwar ohne jeden kritischen Muckser, der darauf schließen ließe, daß da auch ein wenig Verstand im Spiel gewesen wäre. Schriftsteller (allen voran Franzobel, der zuvor noch den Life-Ball in der "Presse" wortreich gedisst hat) überbieten einander gegenseitig im Begeistertsein; die 5./6./7.-Bezirk-Beislgeher philosophieren über die Eleganz tretender Füße und die völkereinende Macht des Sports (drum lassen ja auch Diktatoren so gerne Stadien bauen); und stellvertretende Chefredakteure (ehemals) linksalternativer Stadtzeitungen orgasmieren "We are the world"-Szenarios am Brunnenmarkt auf eine Weise, wie man die Koppelung erwähnter nationalistischer Äußerungen und stumpfsinnigen Gockeltums penetranter kaum noch schönschreiben kann.

Da es sich um eine Manifestation im Rahmen pittoresker Multikulturalität (und nicht um ein GTI-Treffen am Haidersee) handelte, durfte jeder vaterländische Rülpser, gepaart mit übersteigertem, aber dafür fesch-buntem Macho-Radautum als völkerverbindende Hymne mißverstanden werden. Offensichtlich ist die schiere Tatsache eines wie auch immer gearteten Migrationshintergrunds der randalierenden Protagonisten ausreichend, um ihnen die Absolution der gutmenschelnden Redaktions-Internationale zu erteilen und Dinge hinzunehmen, die in einem anderen Umfeld zu Recht als bedenklich empfunden oder gleich einschlägige Dokumentationszentren auf den Plan rufen würden. Aber das bewährte rassistische Klischee vom "edlen Wilden" darf ja heute unter dem idiotischen Motto "südländische Lebensfreude“ immer wieder straflos aufgewärmt werden …

Da wird dann in der Apotheose der Hupen und Subwoofer auf Autos getanzt, und alle fallen einander um die verwegen verschwitzten Hälse. Dazu posieren - wenigstens bei Florian Klenk im "Falter" - die Mädels "wie Starlets einer Bosporus-Soap in wummernden Cabrios ihrer Jungs", es stehen "auch noch die Mädchen vor der Malibusauna Ecke Palffygasse draußen, nur mit Handtüchern ... bekleidet", und "die züchtigeren Türkenmädchen tragen Fahnen als Kopftücher". Das Leben - ein herkunftstrunkenes HipHop-Video zwischen Bitches und braven patriotischen Jungfern, according to Qualitätsjournalismus. Das und die Freude, daß sich für einen kurzen Moment alle in den Armen liegen (bevor man sich kurz darauf für Volk und Herkunftsland wieder heldenhaft die Schädel einschlägt), enthebt offensichtlich Redakteure wie einen Teil der ach-so-toleranten Claqueure nachhaltig des Denkens. Man freut sich halt, daß man Boboville kurz einmal zum Prolosport-Slumming verlassen hat, echter ungeschminkter street credibility beiwohnen durfte, einmal nicht so scheiß-pc sein mußte - und bis jetzt noch keine Watschen enthusiasmierter "richtiger" Männer gefangen hat. Da hat man daheim in der staunenden Kulturredaktion ordentlich was zu erzählen ...

Dagegen ist wohl jede Vernunft machtlos. Aber was soll´s? Wir in der wirklichen Welt trösten uns eben damit, daß auch dieser Spuk nun ein Ende hat und endlich ein wunderbarer Sommer beginnt. Mit Liebe im Herzen, mit der Gelassenheit der wahrhaft Weisen - und ohne Fußball.

 

Zur Sonne, zur Freiheit! Und viel Spaß beim EVOLVER-Lesen!

gezeichnet: Thomas Fröhlich & Peter Hiess (EVOLVER-Redakteure und offizielle Beauftragte für Brot und Spiele)

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Heidelinde - 04.07.2008 : 10.47
Sehr gescheites Editorial! Ich habe den FALTER-Artikel gelesen und der arrogante Hr. Klenk ist ein widerlicher Rassist der sich als „Gutmensch“ tarnt. Van der Bellen läßt grüßen, sag ich nur ...
Marcus Stöger - 20.07.2008 : 22.03
Liebe Evolver-Redaktion !

Mit großer Erleichterung habe ich Ihr Editorial "Bobo im Wunderland" gelesen: angesichts des allseits akklamierten, epidemischen Wahnwitzes "EM" fürchtete ich bereits, alleine in einem Wien aus der Feder von Philip K. Dick gelandet zu sein.
Auch mir war zuvor jener obskure Artikel des "Falter" untergekommen, in welchem der stellvertretende Chefredakteur als Freizeittürke einem Hurrapatriotismus huldigt, wie ihn die Grauen Wölfe nicht enthusiastischer bewerben könnten. (So sie denn ein Zentralorgan für "Spaßgesellschaften" hätten.)
Ihr Editorial bietet in Wortwahl und Anlaßbezogenheit jedoch - meiner bescheidenen Ansicht nach - zu viele Angriffspunkte (Stichwort "Applaus von der falschen Seite"). Ich sandte daher besagter Stadtzeitung einen Brief, in welchem ich auf die Grundproblematik des Phänomenes Massenhysterie eining.
Weshalb bis heute keinerlei Reaktion darauf erfolgte, möchte ich nicht beurteilen. Vielleicht habe ich mich ja zu kompliziert ausgedrückt: im Folgenden der Hauptabschnitt meines Textes, zur gefälligen Prüfung.
Jedenfalls Dank für die Errettung aus dem Alptraum einer Parallelwelt, in der Treten, Brüllen und Fähnchenschwenken oberste Bürgerpflicht ist!


[ .... ]
Die allzeit evozierbare Freude am würdelosen Spektakel zeigt deutlich, wie unangebracht das Adjektiv "sapiens" ist, welches der Mensch sich im Namen zu führen anmaßt.
Daß in unseren Breiten öffentliche Hinrichtungen oder Gladiatorenkämpfe eingestellt wurden, gäbe zu falscher Hoffnung Anlaß. Der Bedarf an Ventilen für viehische Instinkte ist unvermindert, weshalb die Zirkusspiele nach wie vor stattfinden, wenngleich in geschminkter Fassung; außer in Kriegszeiten natürlich, da sich die Lust an Sieg und Niederlage dann noch effizienter befriedigen läßt.
Die Anmerkung "drum lassen ja auch Diktatoren so gerne Stadien bauen" (Evolver) bringt den Zweck präzise auf den Punkt. Staatenlenker - ob offiziell als Politiker oder inoffiziell als Wirtschaftstreibende - benötigen "Volk" zur Erfüllung ihres Machtstrebens. Das funktioniert, weil sich Menschen anders verhalten als Ameisen: wird deren Verhalten im "Haufen" deutlich intelligenter als es vom Einzeltier zu erwarten wäre, tritt beim Menschen anstelle solcher Addition der kleinste gemeinsame Nenner.

Besagter Artikel im "Falter" ist ein anschauliches Beispiel dafür.
Freudig ergab sich der "Doktor" dem Rausch des Kollektives; um den Preis seiner individuellen Kritikfähigkeit genoß er das Glück seelischer Vereinigung, welche schon Platon als innerstes Sehnen beschrieb. Die völlig nebensächliche Annahme, es handle sich bei den Teilnehmern um Angehörige einer sogenannten Minderheit, genügte ihm, rationales Denken einzustellen - was ihm ermöglichte, bedenkliche Vorgänge mit der Hingabe eines Kleinkindes zu genießen, das unschuldig mit seinen Fäkalien spielt. (Man könnte es auch so formulieren: er hat sein Hirn an der Kassa abgegeben, um ungestraft blanke Titten im Gumminebel imaginieren zu können - tiefgelegte Subwoofermassage inbegriffen.)

Das wäre nun zwar peinlich, aber nicht weiter erwähnenswert - hätte er nicht Tags darauf (als sich eigentlich die aus der Betäubung erwachte Ratio zu der chemischen Wirkung von Alkoholabbauprodukten gesellt haben sollte) einen pubertären Schüleraufsatz zu Papier gebracht; und hätte ihm sein Chef die verschwitzte Jubelprosa nicht auch noch durchgehen lassen.
Dabei zeigt sich die Wirksamkeit des Kalküls. Es bedarf nicht einmal sonderlicher Intelligenz, um zu manipulieren. Die Choreographien etwa koreanischer Diktatoren bedienen sich bloß aus dem Fundus menschlicher Sehnsüchte: hierzulande finden sich Leute freiwillig in Stadien ein, um - endlich selbständigen Nachdenkens enthoben - als Gruppe funktionieren zu dürfen. (Siehe, Fußballjargon: "Gesänge", "Die Welle".)
So wird "im Westen" zwar die Absurdität angebotener Begründungen im Falle stalinistischer Regime registriert, nicht aber bei hausgemachten Veranstaltungen. Fußball-Schauspieler, längst globalisierte Handelsware, werden ungeachtet ihrer jeweiligen Geburtsorte/Wahlheimaten unwidersprochen als Repräsentanten jener Nation akzeptiert, deren Farben sie gerade am Leib tragen. Österreichische Staatsbürger, deren eingewanderte Eltern die hiesige Straffreiheit menschenverachtender Normen genießen (Stichwort: Kopftuch), brüsten sich der Herkunft eines Landes, dessen Sprache sie kaum verstehen; indigene Österreicher bestücken ihre Fahrzeuge mit Flaggen eines Landes, dessen Verfassung ihnen so unbekannt ist wie der Text der Bundeshymne; etcetera.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß sich auch Protagonisten der selbstdefinierten oberen Bildungsschicht ohne Not bei den Claqueuren einreihen. Sollte es dem "Falter" unbekannt sein, daß eifernde Menschenmassen - ob bei religiösen Treffen, bei Rockkonzerten, in Baseballstadien oder am Heldenplatz - nur noch eines Führers bedürfen, um Geschichte zu wiederholen (notabene Elias Canetti)? Daß es multinationalen Konzernen egal ist, ob sie in "Fanmeilen" Bier oder Tretminen verkaufen? Daß selbst temporäre und staatlich sanktionierte Aufhebung mühsam erarbeiteter Regeln die Tünche "Zivilisation" schneller abwaschen kann, als sich wohlversorgte Partygänger träumen lassen?
Es geht um mehr als nur einen hanebüchenen Text. Es geht um die selbstzufriedene Ahnungslosigkeit jener, die ihre adoleszente Trotzhaltung zum Broterwerb gemacht haben und via Medien Einfluß ausüben. (Eine kleine Zeitverschiebung, und schon sähe man Hr. Klenk "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!" brüllen. Und nacher sagen: "War ja nur ein Spaß.")
[ .... ]



Ich schloß mein Schreiben mit einem Zitat von Bruno Kreisky ("Lernen Sie Geschichte, meine Herren!"); möglicherweise war das nicht ausreichend zeitgeistgemäß.

Mit freundlichen Grüßen
Marcus Stöger

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