Kino_Film-Tips September & Oktober 2020

Platzangst war gestern

Ob Sie in nächster Zukunft mit oder ohne Maske ins Kino dürfen, weiß niemand so genau. Peter Hiess und Hans Langsteiner haben sich trotzdem für Sie ins geräumige Dunkel gewagt und berichten von neuen Mutanten, Persisch-Stunden, Zugfahrten aus der Zukunft und der Unendlichkeit.    22.09.2020

EVOLVER-Redaktion

Über die Unendlichkeit

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Es ist so eine Sache mit den Filmen des Schweden Roy Andersson. Sie erzählen keine durchgehende Handlung, sondern reihen Szene an Szene zu einer Sketch-Abfolge, wobei der Gag gerade darin besteht, daß Pointen im klassischen Sinn ausbleiben - ein bißchen wie bei Helge Schneider also, nur ist der doch deutlich lustiger. Sei´s drum. Bei Anderssons vorigem Film, "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" (schon der Titel schreit "Bin ich nicht originell?!"), hat der Schmäh, wenn er denn einer ist, noch halbwegs funktioniert, bei "Über die Unendlichkeit" ist mir, ich gesteh´s, zeitweise der Geduldsfaden gerissen. Sicher, die ausgestellte Künstlichkeit der extrem langsam gespielten Mini-Szenen hat was, die künstliche Farbpalette zwischen Grau und Beige machte sicher viel Arbeit im Studio, aber spätestens, wenn am Schluß ein veritabler Christus unterm Kreuz zusammenbricht, ist´s der dick aufgetragenen Symbolik denn doch zu viel. Wenn ich einen Priester mit Glaubenszweifeln (hier ein leitmotivisch wiederkehrendes Thema) begleiten will, schaue ich mir wieder einmal Ingmar Bergmans immer noch beeindruckendes Kammerspiel "Licht im Winter" an, und Angst vor dem Zahnarzt (auch das wird hier inszeniert) habe ich auch so. Muß echt nicht sein, aber wer´s mag ... (HL)        

 

The New Mutants

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Wir wissen es alle - nicht nur, wenn wir schon vor vielen Jahren "X-Men"-Comics gelesen haben: Mutanten sind ein Gleichnis. Für entfremdete, sich unverstanden fühlende Jugendliche, für Außenseiter und natürlich (geht ja heute gar nicht anders) für Minderheiten. Und durch die Superheldenfilme der jüngeren Vergangenheit sind die armen genetisch Veränderten mit den teils übernatürlichen Fähigkeiten ein Teil des kollektiven Bewußtseins geworden. Ein Illustriertenthema sozusagen, etwas für Frauenzeitschriften. Wo man vor Jahren noch lesen konnte/mußte: "Die Omis der Promis", wird bald die Überschrift "Die Tanten der Mutanten" stehen ... weil uns ja nix erspart bleibt.

Aber genug räsoniert: Mutanten sind natürlich auch für die Bewegtbildindustrie ein gefundenes Fressen - handeln die Stories über sie doch meist von Teenagern, die entdecken, daß sie anders sind; Ausnahmen wie "Logan - The Wolverine" bestätigen die Regel. Der nach etlichen Verschiebungen gestartete Streifen "The New Mutants" bestätigt jedoch die Kritik an der stetig abnehmenden Qualität der "X-Men"-Reihe, zu der diese jungen Leute irgendwie auch gehören. Sie alle sind problembehaftete, naturgemäß traumatisierte Pubertierende, die in eine medizinische Anstalt entführt und dort von einer "Mad Scientist"-Ärztin festgehalten werden, die ihnen angeblich dabei helfen soll, mit ihren Fähigkeiten umgehen zu lernen. Aber nicht alles ist, wie es scheint, neinnein, es ist grauslich, hat finstere Hintergründe und verwandelt den Film in einen Teenie-Horrorstreifen mit Superhelden-Elementen oder umgekehrt ... Wen interessiert’s, wenn beides nicht funktioniert? An bekannten Gesichtern entdeckt man hier Anya Taylor-Jox ("Glass") und den "Stranger Things"-Darsteller Charlie Heaton. Doch auch das kann den Film nicht retten; bisher wußten nur wenige Rezensenten (ob professionelle oder amateurhafte) was Gutes daran zu finden. Nur manche lobten die "inklusive Besetzung", das "Empowerment" der Jugendlichen im Film und die Darstellung einer schwulen Beziehung (huch!) im Marvel-Kinouniversum. "Die Tanten der Mutanten", ich sag´s ja.  (ph)

 

Persischstunden

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KZ-Filme waren immer ein Problem, und dieser hier ist keine Ausnahme. Es geht, angeblich einer wahren Begebenheit folgend, um einen jungen Juden, der sich in einem KZ als Perser ausgibt, um zu überleben. Zufällig sucht ein SS-Mann nämlich jemanden, der ihm Persisch beibringt, da er nach Kriegsende in Teheran ein Restaurant eröffnen will. So gibt es nun also Persischstunden im KZ, wenn auch mit frei erfundenen Vokabeln und mißtrauisch beobachtet von der restlichen Lagerleitung. Die Spannungsmomente liegen auf der Hand: Wann und wie wird der Schwindel auffliegen? Und das ist denn auch schon das Hauptproblem dieses ehrgeizigen Films: Er ist viel zu sehr (gut gespielter) Thriller, um als glaubhaftes Stück Zeitgeschichte durchgehen zu können. Dazu kommen Detailfehler ohne Zahl: Da hat ein Häftling ein tadelloses Taschenmesser ins Lager schmuggeln können, da erpreßt ein SS-Mann seinen Vorgesetzten mit Gerüchten über dessen Penislänge (!), und da flirten Aufseherinnen mit Wehrmachtssoldaten so locker, als befände man sich in einer Militärklamotte. SO kann sich diese Geschichte jedenfalls nicht abgespielt haben. Dazu kommen (zu) gut genährte Komparsen und perfekt ausgeleuchtete Innenaufnahmen - bis auf "Son of Saul" (der das Grauen nur unscharf bebilderte) hat das letztlich noch kein Film einigermaßen richtig gemacht. Wie denn auch, angesichts der Nicht-Darstellbarkeit solcher Höllen-Realität?  (HL)

 

Snowpiercer - Season 01

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Seien wir ehrlich: Die neue große Zeit der revolutionär "anderen" Fernseh- und Streamingserien ist vorbei. Das liegt nicht nur am sagenhaften Überangebot, das wie stets zu einer Verminderung der Qualität geführt hat - und dazu, daß sich der einfache Mensch die neuesten Netflix-Schmonzetten am Junkiephone in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit anschaut. Nein, schuld an der abnehmenden Attraktivität der Serienproduktion ist auch die Tatsache, daß "woke" Hollywood mittlerweile auch stark auf die Kleinbildschirme übergreift. Wer nicht weiß, was "woke" bedeutet: Es geht um all die ebenso superengagierten wie minderintelligenten Stars, Regisseure und Drehbuchautoren, die sich als Aktivisten für LSDBBQ, BLM, Gender, Klimagretl, Anti-Trump und ähnliche Anliegen aufspielen und dafür gesorgt haben, daß man sich praktisch keinen Kinofilm mehr anschauen kann, weil die Zeigefinger-Belehrungen zum "richtigen" und politisch korrekten Leben so allgegenwärtig und penetrant geworden sind.

Und jetzt ist halt auch die Welt der Serien dran. Als Kinofilm (vom später für "Parasite" zu Recht mit Oscars überhäuften, genialen koreanischen Regisseur Bong Joon-ho) war "Snowpiercer" ein Meisterwerk - ein spannender Science-Fiction-Thriller, der natürlich auch eine sozialkritische Botschaft hatte, aber dem Zuseher Freiraum zum Nachdenken ließ. Als Fernsehserie für den Sender TNT vermag die Geschichte vom Zug, der endlos durch eine völlig vereiste Welt rast (anscheinend hat die angebliche globale Erwärmung eine weltweite Verkühlung hervorgebracht), nicht zu überzeugen. Das liegt zum einen an dramaturgischen Mißgriffen (Jennifer Connelly als "Stimme des Zuges" wird bereits in der ersten Folge als dessen wahre Chefin entlarvt, weil der Milliardär hinter Snowpiercer längst verstorben ist; dazu kommt eine uninteressant inszenierte Krimihandlung mit Mordermittlung), zum anderen aber an den Holzhammermethoden, mit denen Drehbuch und Regie hier ihre Ideologie vom Klassenkampf der unterdrückten Armen gegen die bösen Reichen, dem Rassismus und der sozialen Ungerechtigkeit zu vermitteln versuchen. Das ist in jedem Bild billig - und vor allem langweilig. Und damit hat "Snowpiercer", die Serie, es mehr als verdient, daß man nach der zweiten Folge einfach desinteressiert abdreht. Schade darum.  (ph)

 

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