Editorial_14. 5. 2009: Wort zum Donnerstag

Unruhe

Nicht nur an Arbeitstagen, sondern auch an Wochenenden - und oft sogar am Tag des Herrn - ist der Großstadtmensch genervt, gehetzt und von Zweifeln geplagt: Wird er die nächsten paar Stunden überleben, wenn ihm keiner erklärt, wie? Pater Michael Hass erklärt es ihm und ruft zu Ruhe, Frieden und Lebensweisheit auf.    20.05.2009

Es gibt immer etwas zu tun - und heutzutage immer etwas zuviel.
Moderne Menschen nennen das den "Ströss" und leiden darunter, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Oft erlebt man sie in der Straßenbahn, wie sie in knappen Worten und mit angestrengt gespitztem Mäulchen in ihr Handtelefon schnarren: "Ich hab´ so einen Ströss schon wieder." (Wobei ich jetzt absichtlich von der urgemütlichen Wiener Variante "Heaaast, moch kan Streeeß" absehen will, weil dafür ist heute wirklich keine Zeit.)

 Weil ja nie für was Zeit ist. Predigten wie diese zum Beispiel werden immer unter Zeitdruck geschrieben. Sie kriegen meine erbaulichen Worte jetzt zwar am Donnerstag zu lesen, da ich Sie auch unter der Woche nicht allein in dieser bösen Welt lassen will, doch normalerweise müssen sie am Sonntag fertig sein - rechtzeitig und pünktlich zur Jugendmesse eben. Und es passiert so gut wie nie, nicht einmal nach viel Meßwein, daß man einen halben Tag vorher plötzlich den Namen des Herrn mißbraucht und ausruft: "Jössas, schon Samstag, ich muß mir meine Epistel an die Gemeinde aus den Fingern saugen!"

Man weiß einfach, daß Samstag ist und der vom Höchsten verordnete Ruhetag auf dem Fuße folgt. Man kann die Uhr lesen, kennt die Reihenfolge der Wochentage, hat sich den Abgabetermin im Kalender (beziehungsweise im alleswissenden Ströss-Telefon) eingetragen und braucht folglich nicht überrascht zu sein oder so zu tun, wenn es dann soweit ist. Wir sind schließlich nicht zum Vergnügen auf der Welt.

Genau das scheinen viele Menschen in kleineren und größeren Städten aber anzunehmen, weil sie vielleicht glauben, daß der viele "Fun", den man ihren "Kids" verspricht, auch für sie gilt. Man gehe nur einmal am Samstag um 16 Uhr 30 in einen Supermarkt (der ja neuerdings ohnehin auch am Wochenende obszön lange offen haben muß) und betrachte, wie sie dort sinnlos durcheinanderwimmeln: Die in Sack und Asche gehüllte Berufsjugend, die spätberufenen und frühergrauten Jungeltern, die qualitätszeitungslesenden Halbakademiker - alle schieben und drängen sie mit ihren Einkaufswagerln durch die Gänge, raffen Waren an sich, als wäre ab morgen Hungersnot angesagt und raunen ihre Mißerfolgsformel vor sich hin: "A Wahnsinn, Oida, muagn is Sunntag, die Gschäftn sperrn zua ..."

Und haben die Gschäftn und "Shopping-Tempel" (wie es immer wieder so dumm heißt) dann tatsächlich ihre Pforten geschlossen, retirieren diese ewig vom Tageslauf Überraschten in die Bahnhofssupermärkte und verstellen dort den Platz vor den Regalen. Sie rennen dauernd in einen hinein, starren blödsinnig vor sich hin, tragen verkehrsbehindernde Rücken- und Bauchbeutel, schieben überdimensionale Hormonbehandlungs-Zwillingskinderwagen sinnlos durch die Gegend. Und alle verkörpern sie die Lebensunfähigkeit und das Versagertum, das dem Stadtbewohner heute von klein auf angezüchtet wird - sei es beim samstäglichen Einkauf (ich will gar nicht davon reden, welche Massenpanik ausbricht, wenn zwei, drei Feiertage anstehen), bei Amtswegen, Erledigungen oder Weihnachtsgeschenken. Immer Ströss, immer total von den Socken, weil´s schon wieder so knapp ist.

Sie kaufen Fertigteilgerichte, weil sie keine Ahnung vom Kochen haben. Genauso wenig wissen sie aber auch von Haushalt, Kindererziehung (wie man an ihren verzogenen Fratzen bemerkt), von der Kirche sowieso, leider, und vom Benehmen schon gar nicht. Sie können weder Holz hacken noch Bäume pflanzen oder Erdäpfel anbauen. Und den Text vom Vaterunser haben sie auch vergessen. Eigentlich können sie nur noch irgendwelche Bildschirme anstarren, von früh bis spät, im Büro, im Wohnzimmer und sogar im öffentlichen Verkehr. Und wenn sie aufs Land fahren, werden sie romantisch oder fürchten sich.

Genau das sind aber die Leute, die Sie und mich (also mich nicht mehr so) mit Information, Kunst und Kultur versorgen. Die Auskenner, Wissensvermittler und Meinungsmacher. Die Jugendkultur und die Woodstock-Nostalgiker. Die Künstler und Medienfachleute und Kultur-Checker. Diese urbanen Charaktere sind nicht etwa liebenswert weltfremd, sondern vielmehr auf verachtenswerte Art und Weise unwillig, sich in der realen Welt zurechtzufinden - wahrscheinlich deswegen, weil ihnen die Mami noch mit 30 den Hintern ausgewischt hat. Und wenn dann plötzlich wer in ihre Dachwohnung eingebrochen hat, kriegen sie einen furchtbaren inneren Ströss und machen die Polizei, die Gesellschaft und den Schlosser dafür verantwortlich. Und das dürfen sie dann auch noch im Fernsehen sagen.

Sie haben recht, liebe Gemeinde, es hat keinen Sinn, sich darüber zu ärgern. Man denkt sich lieber seinen Teil - zum Beispiel, daß der einfache Mensch einst eine Lebenserwartung von nur 40 Jahren hatte. Aber in der Zeit hat er wenigstens gelebt und sich nicht darüber gewundert, daß am nächsten Tag schon wieder die Sonne aufgeht, eigentlich voi oag, Oida ...
Und jetzt gehe ich einkaufen - damit ich mich am Samstag in Ruhe der christlichen Kontemplation hingeben kann.

Pater Michael Hass

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