Editorial_23. 4. 2009: Wort zum Donnerstag

Hintereingang

Der Gottesmann predigt, das Volk lauscht ehrfürchtig. So soll es auch sein, wenn Pater Michael Hass der geneigten EVOLVER-Leserschaft sein "Wort zum Donnerstag" verkündet. Doch immer wieder gibt es auch ein paar Besessene, die am liebsten gleich die Kanzel stürmen würden.    29.04.2009

Sie werden staunen - aber auch als Geistlicher kann man das Pech haben, mit einem "Stalker" konfrontiert zu werden. Nach meiner Epistel der vergangenen Woche erreichten mich einige Leserzuschriften, die fast durchwegs (und bei aller Kritik) freundlich, zivilisiert und halbwegs anständig formuliert waren. Einer der Verfasser jedoch, ein junger Mann, tobte schon in seinem ersten Schreiben herum wie eine jener hilfesuchenden armen Kreaturen, die man in meinem Beruf naturgemäß immer wieder kennenlernt. Im Laufe der Jahre verirren sich viele seelisch Beladene und die sprichwörtlichen "Armen im Geiste" in den Beichtstuhl oder zur Seelsorge. Manchen von ihnen kann man allerdings keinen Trost zusprechen, ihnen nicht helfen, sie nicht beruhigen; man muß sie früher oder später einem Angehörigen der medizinischen Profession anempfehlen. (Wer öfter auf der Bühne gestanden ist, kennt solche Individuen als "Quäler", habe ich mir sagen lassen - und im Internet finden diese Leute natürlich ein reiches Betätigungsfeld.)

Der spätpubertierende Mensch jedenfalls, der mir da ein paar Tage lang immer wildere Beschimpfungen und Anschuldigungen zukommen ließ, wußte von seinem ersten Brief an schon nicht genau, was er wollte. Der Tenor seiner E-Mails, soweit das seinen Anfechtungen zu entnehmen war, dürfte gewesen sein, daß er mich irgendwie zum Schweigen bringen möchte, weil ... ja, weil ... Wir wissen es nicht, und das bemitleidenswerte Wesen konnte es auch nicht so richtig zum Ausdruck bringen, weil es der Menschensprache nur begrenzt fähig war. Im wesentlichen aber war es ihm scheinbar zutiefst zuwider, daß ich Dinge artikuliere, die dem allgemeinen Meinungstenor (-terror?) nicht entsprechen, und das noch dazu in alter Rechtschreibung.

Sehen Sie, und das wundert mich dann doch: War die Jugend nicht die längste Zeit dazu da, das anzuzweifeln und dem zu widersprechen, was "das System" als Wahrheit ausgab? Sogar bei uns im Priesterseminar gab es die Gruppe der Revoluzzer, die von Befreiungstheologie und Kirchenvolk daherschwadronierten, weil sie eben jung und hitzköpfig waren, sich die Hörner abstoßen mußten usw. usf. So muß das ja auch sein.

Und heute? Auf einmal beten die nachwachsenden Generationen genau das nach, was die politischen, wirtschaftlichen und vor allem medialen Autoritäten ihnen predigen: EU prinzipiell gut, aber irgendwie reformbedürftig; Kapitalismus auch nicht schlecht, bis auf die bösen Heuschrecken und Spekulanten; allabendlicher TV-Serienheld Hitler zwar längst tot, aber immer noch der schlimmste Feind. Und weiter: Obama ist der Erlöser, Ahmadinedschad der Teufel (das fällt übrigens unter Blasphemie - in solchen Sachen bestimmen immer noch wir, wer wer ist), und wer etwas gegen Israel und seine Palästinenserpolitik sagt, ist automatisch ein Antisemit. Und daß die jungen Leute für ihre Callcenter-Hilfsarbeiten einen Sklavenlohn bezahlt kriegen, stört sie auch nicht - weil: "Im Vergleich mit der Dritten Welt leben wir sowieso wie die Könige."

Irgendwas hat die Jugend da anscheinend falsch verstanden, zum Beispiel, daß man den langen Marsch durch die Institutionen nicht von der falschen Seite angehen sollte, indem man den Mächtigen und Meinungsmachern hinten reinkriecht. Oder vielleicht, daß diejenigen, die ihnen diese Lehrsätze vorgeben, schon lange nicht mehr alternativ oder revolutionär sind, sondern genau das System, gegen das sie in ihrer allumfassenden Verlogenheit immer noch zu kämpfen vorgeben.

Andererseits, und da haben Sie recht, lieber Leser: Das sind alles weltliche Dinge, mit denen sich ein Mann Gottes nicht zu sehr abgeben sollte, wenn ihm sein Seelenheil lieb ist. Der wahre Glaube wird diese Fährnisse überdauern, so wie schon seit mehr als 2000 Jahren.

Und der Stalker? Den hat die gütige EVOLVER-Redaktion wohlweislich aus Ihrer Datenbank entfernt. Jetzt muß er beim "Standard" weiterposten - dort findet er sicher genug Gleichgesinnte.

Pater Michael Hass

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