Kino_Film-Tips November 2013

Schafsköpfe und Drecksäue

Polanski sucht subtile Erotik in einem Theater-Zweipersonenstück. Eine Drecksau von Polizist konsumiert Sex ebenso bedenkenlos wie Schnaps und Kokain. Und Joseph Gordon-Levitt onaniert solange, bis er die Traumfrau trifft. Ansonsten: österreichisches Familienelend, amerikanisches Familienmassaker und warum auch Piraten ihre Familie ernähren müssen. November-Kino eben.    04.11.2013

EVOLVER-Redaktion

You´re Next

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Filmstart: 8. November

 

Daß das eigene Haus schon lange keine sichere Burg mehr ist, wissen Kinogeher spätestens seit dem Mittelschulprofessor-Grusler "Funny Games" oder auch erst seit den vielen Home-Invasion-Movies der letzten Zeit, in denen britische Hoodies oder andere Sadisten Familienidyllen mit Gewalt, Folter und Mord brutal auseinanderreißen. In "You´re Next" von Horror-Hoffnung Adam Wingard (der für die beiden "V/H/S"-Episodenfilme je ein Segment drehte) ist die betroffene Familie aber nicht ganz so harmonisch wie sonst; das merkt man schon an den Spannungen, die beim großen Sippentreffen von Anfang an die Atmosphäre bestimmen. Daß die plötzlich auftauchenden Killer - originellerweise mit Tiermasken angetan - dann mit ihrer Metzlerei anfangen und für jede Menge Blut und Beuschel sorgen, haben die Familienmitglieder trotzdem nicht verdient. Oder doch? Die Rätselei um die Hintergründe der Tat macht den Schocker ebenso attraktiv wie die Wehrhaftigkeit von Erin, der Verlobten eines der Söhne, sowie die dezent eingestreuten komischen Elemente und die Charakterzeichnung der Figuren, die einen als Zuseher (anders als bei den vielen US-Teenager-im-einsamen-Haus-im-Wald-Fließbandstreifen) nicht von Anfang an wünschen läßt, der Mann mit der Axt möge doch bitte endlich kommen ... Durchaus sehenswert. (PH)

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Oktober November

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Filmstart: 8. November

 

Götz Spielmann ist so etwas wie der unsichtbare Dritte des heimischen Kinos. Zwischen den beiden Regie-Stars Michael Haneke und Ulrich Seidl droht er trotz einer Oscar-Nominierung für "Revanche" immer wieder in Vergessenheit zu geraten. Dabei stehen seine Arbeiten in ihren besten Momenten jenen der beiden "Großen" an Intensität nicht nach. Es schmerzt daher, berichten zu müssen, daß Spielmanns jüngster Film den hohen Erwartungen nur zum Teil gerecht wird. Nicht, daß man "Oktober, November" die Ambitionen seines Regisseurs nicht ansehen würde, eher im Gegenteil: Der Film wirkt über weite Strecken überproduziert und überangestrengt. Schon die erste Szene, ein Gespräch in einem Restaurant, scheint so steril und leblos, als habe Stanley Kubrick auch den 157. Take ein und derselben Einstellung verworfen. Was, zugegeben, auch am leblosen Darstellungsstil liegen mag, zu dem Spielmann hier die Deutsche Nora von Waldstätten anhält. Sie spielt eine erfolgreiche TV-Darstellerin, die zu ihrer auf dem Land lebenden Schwester (Ursula Strauss) gerufen wird, als ihr gemeinsamer herzkranker Vater (Peter Simonischek) im Sterben liegt. Es kommt, wie es kommen muß: Angesichts des - bis an die Grenze zur unfreiwilligen Komik ausgespielten - Todeskampfs des alten Herren nähern sich die ungleichen Schwestern einander wieder etwas an. Die Vorhersehbarkeit dieser dramaturgischen Reißbrettkonstruktion kann auch Spielmanns selbst hier spürbares enormes inszenatorisches Können nicht ganz vergessen machen. Seit "Revanche" sind immerhin fünf Jahre vergangen. Vielleicht sollte Spielmann einfach öfter drehen - wenn es dieser schwerblütigen Familiensaga nämlich an etwas mangelt, dann an einer gewissen souveränen Lässigkeit. (HL)

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Captain Phillips

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Filmstart: 15. November

 

Daß sich das Politische nicht nur im Privaten, sondern mitunter auch im Piraten finden läßt, hatte man nach viel zu vielen von Johnny Depps Captain-Jack-Rumkugeln fast schon verdrängt. Tatsächlich steht die real existierende Seeräuberei aber vor allem in afrikanischen Gewässern an der Tagesordnung - durchaus auch aus dem Grund, daß es für viele Einheimische eben wegen leergefischter Meere kaum noch eine andere Subsistenzgrundlage gibt als das meist gewaltvolle Kapern von Frachtern aus aller Welt.

"Mr. Bourne" Paul Greengrass, der sich bereits in "United 93" und "Green Zone" vortrefflich darauf verstanden hat, Nägelbeiß- und Hirnschmalzqualitäten zusammenzuführen, ist auch mit seinem neuen, auf der wahren Geschichte des titelspendenden Käptns (gespielt von Tom Hanks) beruhenden Thriller ein smartes Stück Spannungskino geglückt, das besonders in seinen Nuancen Erstaunliches leistet. Wenn sich selbst das auf den Showdown im Sinne des Helden fixierte US-Publikum nicht mehr so sicher ist, ob es sich über das unvermeidliche Ende freuen kann (wie berichtet wurde), dann hat man eigentlich sehr vieles richtig gemacht. (CP)

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Don Jon

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Filmstart: 15. November

 

Jon Martello (Joseph Gordon-Levitt) nimmt sein Sexleben gern selbst in die Hand. Bevorzugt in seine rechte. Er ist sozusagen ein Wixer aus freiem Willen, einer, der freimütig bekennt, daß noch nicht einmal der allerbeste Fick mit einer schönen Frau mit dem mithalten kann, was ein Porno mit ihm und seiner Libido anzustellen vermag. Aber was passiert, wenn ihm wirklich die perfekte Frau (Scarlett Johansson, wer auch sonst) über den Weg und schließlich sogar ins Bett läuft?

Es ist ja nun nicht unbedingt das allerspeziellste Thema, das sich Joseph Gordon-Levitt für seinen Regieeinstand ausgesucht hat - und gerade deshalb umso verwunderlicher, daß die (vermeintliche?) emotionale Verkümmerung in Zeiten des omnipräsenten YouPorn-Kicks im Gegenwartskino noch nie so richtig thematisiert wurde. Man muß dem Debütanten zugute halten, daß er sich dem Gegenstand mit einer erfrischenden Ehrlichkeit nähert und dabei sowohl die bildungsbürgerliche Moralkeule als auch den gezielten Tabubruch im Giftschrank läßt. "Don Jon" funktioniert, zumindest über weite Strecken, einfach als leichtfüßiges, dabei aber keineswegs leichtgewichtiges Lustspiel, das bis in die Nebenrollen (Julianne Moore, Tony Danza!) formidabel gespielt und mit einer nicht uncharmanten poppigen Verve inszeniert wurde. (CP)

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Venus im Pelz

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Filmstart: 22. November

 

Roman Polanski bleibt sich treu. Nach dem Vier-Personen-Stück "Der Gott des Gemetzels" legt der in Paris lebende Pole noch eins drauf und beschränkt sich in seiner klaustrophobischen "Venus im Pelz"-Variante auf zwei Protagonisten: einem von Mathieu Amalric ("Ein Quantum Trost") gespielten gestreßten Bühnenregisseur und einer von Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner verkörperten Schauspielerin, die sich um die Titelrolle in einer Bühnenfassung von Sacher-Masochs einstigem Skandalroman "Venus im Pelz" bewirbt. Von einer Kamerafahrt durch eine sturmgepeitschte (digitale) Allee abgesehen, spielt der gesamte Film im Bühnenraum eines Theaters, was nur bei erstklassigen Darstellern über zwei Kinostunden trägt. Und in der Tat machen Seigner und Almaric die zwischen Schein und Sein (also zwischen dem Stück und der Theater-"Realität") changierenden Nuancen, das wechselseitige, erotisch unterfütterte Werben um Anerkennung und Bestätigung so spannend glaubhaft, daß man dem Film auch den etwas entgleisenden Schluß verzeiht.  Polanski steuert hinterhältige Großaufnahmen (der Reißverschluß einer Tasche als Sex-Symbol!) bei und beschränkt sich ansonsten auf das souveräne Führen seiner beiden Stars. Keine Masochismus-Gefahr also beim Kinobesuch! (HL)

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Drecksau

(Filth)

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Filmstart: 29. November

 

Klarerweise: "Trainspotting" kann man einfach nicht übertreffen. Trotz dieser Prämisse macht die Verfilmung des Romans "Filth" von Heroin-Chic-Autor Irvine Welsh aber eine ganz gute Figur, indem sie einen Zivilpolizisten im schottischen Edinburgh zeigt, der an Grauslichkeit und Perversion sogar noch den Original-"Bad Lieutenant" in den Schatten stellt. Detective Sergeant Bruce Robertson in Jon. S Bairds Film säuft wie ein Loch, nimmt Drogen, ist ein ziemlicher sexueller Unhold, trägt zu allem Unglück noch Frauenkleider, ist auch sonst schwer traumatisiert und überhaupt geisteskrank (die ach-so-moderne "bipolare Störung"), weswegen er auch mehr und mehr halluziniert. Er tyrannisiert seine Kollegen, intrigiert gegen sie und spielt ihnen üble Streiche - und er tut sich schwer mit der Aufklärung des Mordes an einem asiatischen Studenten, obwohl er sich dadurch eigentlich eine Beförderung verschaffen will. Das alles ist nicht zwider, kommt aber ein wenig zu bewußt "skandalös-kultig" daher, um wirklich so im Hirn des Publikums einzuschlagen wie die Abenteuer von Renton, Sick Boy und Begbie. Außerdem ist Hauptdarsteller James McAvoy im Vergleich zu Welshs Romanfigur - einem wirklich widerlichen Arschloch - viel zu jung und attraktiv. Aber irgendwie macht das alles den Film noch absurder und komischer. Und ehrlich: Wen kann man denn heute noch mit irgendwas schockieren? (PH)

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