Kino_James Bond 007 - Spectre

Superjames

Nach "Kingsman: The Secret Service" und "Codename U.N.C.L.E" wendet sich nun auch Bond wieder dem Genre zu, das ihn groß gemacht hat: dem Sixties-Agentenfilm. "Spectre" spielt zwar in der Gegenwart, bringt aber alles mit, was ein wirklich cooler Bond braucht.    09.11.2015

Der Pistolenlauf ist wieder da!

Sobald Bond, Jamesbond, sich dem Publikum zuwendet und eine Kugel abfeuert, weiß man, daß das Team Sam Mendes/Daniel Craig sich wieder auf die bewährten Qualitäten der Blockbuster-Serie um Agent 007 besonnen hat - trotz der eher halbherzigen Titelsequenz und der erbärmlichen, Indie-schwuchteligen Titelmelodie von "Spectre". Immerhin gab es da ja schon vorher die obligatorische Einleitungs-Actionszene, die den Mann mit der Lizenz zum Töten nach Mexico City führt, ausgerechnet am "Dia de Muertos", wo er einen Schurken/Terroristen jagt, dabei gleich einmal ein Haus sprengt und eine gefährliche Hubschraubereinlage liefert. So gehört sich das.

Kaum ist James wieder in London, suspendiert ihn sein Chef, der neue M (Ralph Fiennes), wegen seines eigenmächtigen Handelns. M steht wiederum unter Druck von seinem Vorgesetzten C - einem schleimigen Charakter, Typ EU-Beamter, der MI5 und MI6 zusammenlegen, das Doppelnull-Programm einstellen und einen weltweiten Totalüberwachungsdienst einrichten will. Doch Bond wäre nicht Bond, wenn er sich an Vorschriften hielte ... Also folgt er einem letzten Auftrag, den ihm Judi Dench hinterlassen hat, und geht (mit heimlicher Hilfe von Q und Moneypenny) auf Weltreise.

Rom (und Monica Bellucci!) - Tanger - Altaussee - die Wüste von Nirgendwo - zurück ins Hauptquartier: 007 rast unter Zeitdruck von einer Location zur nächsten, liefert sich mit seinen Gegnern wieder großartige Verfolgungsjagden, schießt, küßt und tötet. Spätestens dann, wenn der Zuseher und eingeschworene Bond-Fan erfährt, daß hinter der Böslingeorganisation QUANTUM aus den Vorgängern eigentlich der noch viel bösere Verein SPECTRE steckt, weiß er, daß das alte Agenten-Feeling wieder da ist.

 

Nach den drei erfolgreichen Bond-Filmen mit Daniel "Putin" Craig, die äußerst ernsthaft und düster angelegt waren und sich auch mit den privaten (Kindheits-)Traumata des Protagonisten nicht zurückhielten (wenn auch nicht so schlimm wie einst "Hannibal Rising" ...), ist 007 jetzt endlich wieder ein Superagent, der sich auch vor den Marvel-Kinohelden nicht verstecken muß. Er kämpft gegen einen monströsen henchman - Dave Bautista, dessen Abgang leider etwas zu unspektakulär ist -, killt mit dem notwendigen bißchen Sadismus, wirkt stets elegant und weltgewandt und ist einfach nicht umzubringen. Nicht einmal dann, als der Oberböse (Franz Oberhauser alias Christoph Waltz) ihm Bohrer ins Gehirn steckt, um seine Sinne und seine Erinnerung auszuschalten. Das mag bei anderen Leuten wirken, aber nicht bei James Bond, den retten die Liebe und sein Professionalismus, wie sich das gehört.

Ach ja, der Oberböse ... Wie sehr hat man sich gewünscht, daß die Macher des neuen Bond-Films BITTE nicht Blofeld wiederauferstehen lassen. Doch wie vor kurzem bei Khan und "Star Trek" - sinnlos. Aber, so betete man weiter zu den Kinogöttern, wenn schon Blofeld, dann doch bitte nicht Christoph Waltz! Leider auch vergebens. Als größter Schwachpunkt von "Spectre" outriert sich der Österreicher selbstsynchronisiert durch den Plot - und nervt gnadenlos. Wer den Mann für einen guten Schauspieler hält, der glaubt wahrscheinlich auch, daß Tarantino ein begabter Regisseur ist.

Aber egal, im Endeffekt retten Craig und Mendes nicht nur den Film, sondern auch das ganze Franchise: Blofeld hat eine weiße Wuschelkatze, kassiert verdientermaßen seine Narbe über dem ehemaligen Auge und plant die Welteroberung doch tatsächlich von einem Krater-Hauptquartier aus. Da stört es kaum, daß es sich nicht um einen Vulkan-, sondern einen Meteoritenkrater handelt - weil der Irre wenigstens daran gedacht hat, seine Zentrale aus durchwegs hochexplosiven Materialien zu bauen und mit Schergen zu bemannen, die anscheinend noch nie eine Waffe in der Hand gehalten haben. Fünf Schüsse, und einer nach dem anderen kippt um, dann noch ein letzter Schuß, damit der ganze Komplex in einer glorreichen Explosion in die Luft fliegt.

Welcome back, Mr. Bond. Schön, daß Sie Ihre Familien- und unglücklichen Liebesgeschichten endlich aufgearbeitet haben. Sie haben uns gefehlt.

 

Peter Hiess

James Bond 007 - Spectre

(Spectre)

Leserbewertung: (bewerten)

GB/USA 2015

150 Min.

 

Regie: Sam Mendes

Darsteller: Daniel Craig, Ralph Fiennes, Dave Bautista u. a.

Links:

Im Geheimdienst Ihrer Majestät

James Bond im EVOLVER


Passend zum Kinostart von "Spectre", dem mittlerweile 24. Bond-Streifen, finden Sie hier einen Überblick der bisherigen EVOLVER-Veröffentlichungen über den Mann mit der Lizenz zum Töten und seinen Schöpfer. Viel Spaß beim Stöbern!  

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r.evolver - 27.11.2015 : 17.31
Schau ihn mir morgen Abend an - bin schon gespannt …

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