Kolumnen_Miststück der Woche - V/018: Archie und Harry - Sie können´s nicht lassen

Einstürzende Neubauten "Ten Grand Goldie"/Sparks "Self-Effacing"

Was die Sparks und die Einstürzenden Neubauten mit der Weisheit des Alters zu tun haben und ob ihre musikalische Qualität reift wie guter Wein? Das verrät Manfred Prescher in seiner wöchentlichen Kolumne. Lesen und lernen Sie.    20.05.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


Jetzt ist es an der Zeit, mal eine Lanze für ältere Menschen zu brechen. Die werden aktuell nämlich global als Hauptrisikogruppe für gefährlichen Virenbefall, geistige Umnachtung und allgemeines Dahinsiechen angesehen. Aber wer ist denn, das sei hier mal gefragt, mit diesem unbestimmten "die" eigentlich gemeint? Irgendwelche anderen Leute, aber doch nicht ich. Wenn ich aber der besten Liebespartnerin von allen glaube, was ich natürlich nahezu immer tue, bin ich leider doch schon ein mittelschwerer Fall von zerknitterter Senilität - und das, obwohl ich immer mit dem "Lifta" die Treppe hochrutsche, brav mein "Vitasprint" trinke und auch mein "Granufink" nur selten vergesse. Schließlich will ich nie wieder müssen müssen. Und beim fahlen Licht der nachlassenden Sehkraft muß ich das ja auch nicht. Ich muß nämlich, salopp geschrieben, einen veritablen Scheiß. Ich bin schließlich schon alt, und weil das so ist, kann ich tun, was ich will. Manchmal kommt dabei auch was "Gscheites" raus.

Das ist nämlich der entscheidende Vorteil am Älterwerden: Da wartet keine Karriereleiter, die man hochkraxeln muß, den Literaturnobelpreis bekommt man sowieso in der Regel erst als Tattergreis, und man hat sowieso längst herausgefunden, wie die Welt so läuft. Wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, haben einige Ältere der verzweifelt um Jugendlichkeit und Elan bemühten Restmenschheit schon was zu geben: gewachsenes Können aufgrund von Erfahrung, einen Grundüberblick über all die Tretmühlen, in denen die anderen feststecken, und intensive Momente, die länger dauern als das "Instant-Gück", das - jenseits der Elendskultur - das ist, was man in der Regel bekommt. Deshalb stört es mich nicht, daß mich die beste Liebespartnerin von allen besonders dann konsequent mit "Alter" anredet, wenn ich auf dem Sofa sitzenbleiben und den uralten Admiral in "Star Trek: Picard" gucken oder sitzenbleiben will, bis das "Vitasprint"-Zeug endlich wirkt.

 

Ich fasse es an dieser Stelle mal zusammen: Wir Alten haben der Menschheit noch viel zu geben - auch künstlerisch. Das ahnt man, wenn man "Hitradio Salzkammergut – euer Partyprogramm" oder "Radio Junges Münsterland nur auf 96,4" hört, was sich spätestens beim Friseur oder in der "Buuticke" (Loriot) nicht mehr vermeiden läßt. So lange nun aber das Virus draußen herumtobt und man sich derweil abschottet, besteht das Problem ja nicht, aber die Zeiten ändern sich auch wieder. Das haben sie nämlich immer schon getan.

Momentan merken wir zwar, daß die Haare hinten wuchern und vorne unvorteilhaft ausgehen, weil wir nicht rausgehen und uns stylen lassen - aber irgendwann schlagen Medusa, Robin Schulz und Calvin Harris wieder unerbittlich zu. Außer man geht nicht zum "Salon Erika" oder zu "Sarah´s Sahaara", sondern zu "Jimmy Ray´s Barbershop". Dort ergibt nicht nur der Genitiv-Apostroph im Namen mehr Sinn, nein, in dem Laden ist auch die Welt stehengeblieben. Wir Alte lieben das natürlich, weil es uns an unsere Jugend als Irgendwas-Billy erinnert. Die Jungen, die dort ihren Bart stutzen und sich ordentlich frisieren lassen, merken auch, daß früher zwar nicht alles besser, aber eben doch vermutlich chilliger war.Was freilich auch nur gilt, wenn man der "Brylcreem" oder der "Schmiere" nur die chilligsten Elemente der Vergangenheit beimischt. Sowas nennt man "Retro".

Aber man muß als "Alter" nicht in der Vergangenheit leben, man kann sie einfach auch als persönliche Entwicklungsgeschichte begreifen. Und das tun auf ihre jeweilige Eigenart sowohl die Sparks als auch die Einstürzenden Neubauten. Ihre Erfahrungen münden nun - beide Titel sind Programm - in  Alben namens "A Steady Drip, Drip, Drip" (Sparks) und "Alles in allem" (Neubauten). Davon zeugen schon die wunderbaren Vorabsinglestreamappetizer "Self-Effacing" und "Ten Grand Goldie": Beide klingen vertraut, aber doch auch wieder anders. Ich kann das tatsächlich beurteilen, denn die Sparks begleiten mich seit 46 Jahren, also seit dem Album "Kimono My House" und der Kleinstadtflucht-Single "This Town Ain´t Big Enough For Both Of Us". Mit dem Song "Amateur Hour" verwiesen sie sogar auf die genialen Dilettanten - und damit, wenn man will, auch auf die Einstürzenden Neubauten.

 

 

Die Neubauten sind seit Oktober 1981 ein Teil meiner Sozialisation, das heißt, Blixa Bargeld, Alex Hacke und ich könnten nächstes Jahr unsere Rubin-Hochzeit feiern und vielleicht mal wieder richtig Krawall machen. "Draußen ist feindlich" stimmt nun mal immer noch "feindlich", und "Tanz debil" bekommt man auch als rüstiger Vorrentenrabauke noch ganz ordentlich hin. Vor rund vier Jahrzehnten zerlegten die Neubauten die auf heil getrimmte Welt mit Schrotteilen, Einkaufswägen, Kettensägenmassakern, mit der Flex und mit schrillen Schreien. Der Konsumterror wurde mit eigenem Terror bekämpft. Das führte dann logischerweise auch zu "Aspekte" und im Februar 1986 zum Konzert im Goldenen Saal des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes.

Für mich standen die Neubauten zunächst für die reinigende Kraft der Zerstörung, die auch vor dem Punk und seiner reaktionären Abschottungsattitüde nicht Halt machte. Die frühen Werke der Einstürzenden Neubauten waren ein Purgatorium, das nötig war, um in einer Welt der Brüche immer wieder auch wahre Schönheit zu erzeugen. Immer wieder neu und immer wieder anders blieb man sich treu. Und genau deshalb ist die Gruppe immer noch wichtig: sie ist nach wie vor stark, auch in ihrer Wut. "Es klafft die große Schere/Aber sie kommen von unten herauf/Sie machen ihre eigenen neuen Regeln/Here comes Ten Grand Goldie" - schon deshalb freu´ ich mich über jedes neue Album der Band.

Das gilt auch für das Projekt der ungleichen Brüder Ron und Russell Mael, das bereits seit 1971 existiert. Seit damals bearbeiten sie die Ränder des Pop-Mainstreams und sind immer dann da, wenn sie gebraucht werden. Das heißt, daß inklusive des neuen Werks gerade einmal 24 Langspielplatten oder CDs erschienen sind - und eine davon war auch noch eine Gemeinschaftsarbeit mit den wesentlich jüngeren Sparks-Fans von Franz Ferdinand. Disco, Elektropop, Wave, House und mehr, all das ist im Sound der Brüder immer schon angelegt. Es war schon da, bevor diese Strömungen Trend oder gar Allgemein- und dann unweigerlich Leergut wurden. Das nennt man innovativ. Zuletzt bewiesen sie zum Beispiel mit "Missionary Position", "Edith Piaf (Said It Better Than Me)" oder dem neuen Song "Self-Effacing", daß sie Melodien draufhaben. Und das gilt auch für die Neubauten. Weil nun mal ein gutes Lied erst recht dann ein gutes Lied bleibt, wenn man es aus dem Einheitsbrei herauslöffelt und mit Intelligenz, Witz und klugen Gedankenbildern würzt.

 

Ron Mael wird im August 75 Jahre alt, Blixa Bargeld ist auch schon 61. Ich hoffe, daß die beiden nicht von irgendeinem depperten Virus dahingerafft werden, bloß weil sie zur Hauptrisikogruppe gehören. Nein, ich rufe ihnen zu: "Alter, bleib, wie du bist, also verändere dich weiter." Das Leben ist schließlich auch - und vermutlich erst recht - im Greisenstatus viel zu kurz für den allgemein üblichen Schwachsinn, der heute oft als Popsong durch die virtuellen Welten in die Gehörgänge wabert. Klangmüll gab es schon immer - was auch die Daseinsberechtigung von Sparks und Neubauten erklärt. Und es wird ihn immer geben, was dialektisch betrachtet auch bedeutet, daß immer auch gute neue Musik gemacht werden wird. Doch davon erzähle ich dann nächste Woche. Bis dahin bleibt, wie ihr seid, und vergeßt nicht: So jung wie jetzt kommen wir ohnehin nicht mehr zusammen.

 

Manfred Prescher

Einstürzende Neubauten - Ten Grand Goldie

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Photos: © Einstürzende Neubauten

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Sparks - Self-Effacing

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Photos: © BMG

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Einstürzende Neubauten im EVOLVER


Die Trümmerjahre sind vorbei: Einstürzende Neubauten - Alles wieder offen

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Hörst du den Krach der schlagenden Herzen?

(aus dem EVOLVER-Archiv, 2007)


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Zum EVOLVER-Interview

 

 

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