Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 37

Darts

Es gibt Zeiten, da reduziert sich Wien auf Beisln und Tschocherln. Am besten solche jenseits der Vorortelinie, wo sich kaum ein Piefke hinverirrt. Dort hört man den Menschen wenigstens gern zu ...    28.08.2020

Du kommst von einem halbgeschäftlichen Termin, irgendwo in einer dieser ehemaligen Schrebergartensiedlungen, wo die Einfamilien-Betonwürfel mittlerweile so eng nebeneinander stehen, daß man nur durchs Fenster greifen muß, um sich vom Nachbarn das Salz auszuborgen. Der Abend war durchaus anstrengend, also gehst du ein Stück zu Fuß und nimmst ein Mondbad. Dabei bemerkst du, daß du nicht mehr ganz nüchtern bist - und es heute sicher auch nicht mehr werden willst.

Du steuerst das nächste Wirtshaus an. Drinnen und im Schanigarten sitzen bestens gelaunte Gäste, prosten einander zu und intonieren halbvergessene Schlager aus ihrer vor dem Regionalsender vergeudeten Kindheit. Als du das Lokal betreten willst, baut sich ein feister Kellner vor dir auf, dessen Schweindlgesicht seine Ernährungsgewohnheiten ungeniert in die Welt hinausschreit, und sagt: "Wir ham scho zua." "Is eh gscheiter", antwortest du und denkst dir: "Leckminoasch, Trottel!", weil du ja durchaus auch deine volkstümlichen Seiten hast.

Durstig hatscht du weiter, an zugesperrten Chinesenrestaurants und zahllosen Spielhöllen vorbei, bis du bei einer Kreuzung ein Irish Pub siehst. Moment, war da nicht einmal ein Espresso? Oja, jetzt fällt es dir wieder ein, aber du warst halt länger nimmer in der Gegend - und in der Zeit haben ganz viele Espressi und Gasthäuser ein Irish-Pub-Schild draußen aufgehängt, weil Studenten und andere Globetrottel sowas gernhaben, aber auch, weil sich der Wirt dann nicht mehr dafür entschuldigen muß, daß das Bier schon wieder warm ist.

Du betrittst das Lokal, das innen genauso ausschaut wie früher, nur mit ein paar Werbeschildern für Guinness-Bier und Jameson-Whiskey. Als du Platz genommen hast, kommt sogleich eine ungesund schwarzbraungebrannte Kellnerin vorbei, bei der du ein Krügel bestellst ("Aber a richtiges Bier, bitte!"). Dann blickst du dich um: An der Bar stehen drei Fast-noch-Jugendliche, schwelgen in erfundenen Erinnerungen und bestellen Obstler und Seidln. Der Lokalbesitzer hat sich ein Chili gekocht (in solchen Lokalen gibt´s immer nur Chili und Toasts, und das ist auch gescheiter so ...), das er jetzt am Nebentisch mit Genuß verzehrt. Neben ihm sitzt ein Stammgast, der das Tschocherl aus der Vorespresso-Zeit kennt, als es noch ein Branntweiner war, und richtet Nachbarn aus dem Grätzl aus.

Du nimmst mit niemandem Kontakt auf, weil es eh sinnlos ist. Sobald die Menschen erfahren, daß du für die Lügenmedien tätig bist, reden sie nicht mehr normal mit dir. Abgesehen davon, daß sie sofort wissen, daß du vom richtigen Leben keine Ahnung hast, begreifen sie auch, daß alles, was sie sagen, gegen sie verwendet werden kann. Und wird. So muß es Psychiatern gehen: Die einen erzählen einem mehr über ihre intimsten Grauslichkeiten, als man je erfahren wollte; und die anderen bringen kaum ein Wort heraus, weil sie fürchten, als Narren entlarvt zu werden.

Du beschränkst dich daher aufs Beobachten und Zuhören. Eine Video-Jukebox beim Eingang - die sich aus dem Internet 16 Milliarden Songs holen könnte, darunter sicher keine ganz schlechten - ist auf Kundenwunsch dazu verurteilt, immer nur den Hitparadendreck aus Ö3 nachzuspielen. Die Jugendlichen an der Buddel kriegen große Augen und lassen von der drallen Schankmaid ab, als drei attraktive Damen in den besten Jahren ("resche Semmerln", wie man einst sagte) hereinkommen und sich um einen Stehtisch neben der Tür gruppieren, wo sie in Frieden ihre Gspritzen trinken wollen. Oder vielleicht auch nicht, weil es keine drei Minuten dauert, bis einer der jungen Herren sie anlallen kommt, auf leiwand, und ihnen gleich die Pratzen wo drauflegt. Die anderen trauen sich auch bald dazu, die Libido wallt allseits auf, und dann ... spielen sie gemeinsam Darts. Der Spickerlpfeil-Automat wird zum Zentrum der Kommunikation, und die Damen mögen zwar Anfängerinnen sein, putzen aber die Buben weg wie nur was, weil deren Motorik durch Alkohol und Samenstau schwer gestört ist. Und die Musi spielt dazu.

Aha, schreibst du in deinem Kopf mit, wie immer - aha, so geht das also. Nix mehr halbwegs charmante Aufrißschmähs, sondern Darts. Und wider besseres Wissen hoffen, daß nachher doch noch was geht. Aber bevor es soweit ist, gehst du lieber selber. Der Heimweg ist noch lang und führt an so manchem Irish Espresso vorbei. Und irgendwie bist du jetzt froh, daß du vom richtigen Leben keine Ahnung hast.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

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