Kolumnen_Miststück der Woche III/70

Johnny Cash: "She Used To Love Me A Lot"

Immer diese leeren Versprechungen ... Vor 14 Tagen kündigte Manfred Prescher eine Kolumne über The Notwist an und letzte Woche wollte er unbedingt über Reverend Horton Heat schreiben. Der Hohepriester des Rockabilly-Country hat aber doch eher versagt, den vergessen wir lieber schnell. Und was ist mit den coolen Oberbayern? Die sind nur verschoben, nicht aufgehoben. Indianerehrenwort.    10.02.2014

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

Im Märzen der Bauer die Rösser anspannt, und die Musik-Fans kriegen nigelnagelneue CDs in die Hand. Und damit gibt´s dann gleich reichlich auf die Ohren. So wird der große Johnny Cash praktisch einige Erzählungen direkt aus der Gruft auf uns loslassen. Natürlich ist der Mann in Schwarz nicht von den Toten auferstanden oder so - man hat nur etwas in den Archiven gefunden. Also quasi beim Abstauben der betagten Magnetbänder und nicht ganz so alten DATs nach Material gesucht, das den einen oder anderen Silberdollar einbringen könnte. Beim Ausmisten stieß ein schlauer Fuchs auf zwei Aufnahme-Sessions aus den 80er Jahren und erkannte flugs, daß das Zeug praktisch nur darauf wartete, aus der Versenkung ans Licht der mittlerweile bereiten Öffentlichkeit gebracht zu werden.

Denn damals, im schrillen Zeitalter von Human League, Modern Talking und Prince "Kiss" von Zamunda krähte kein krankes Huhn mehr nach dem alten Recken Cash. Die triumphale Spätheimkehr ins Reich der Verdammt-Coolness, die JC mit den "American Recordings" erleben durfte, war noch nicht mal als Hoffnungsschimmer irgendwo zu erkennen - und die Platten, die zwischen 1980 und ´88 herauskamen, verkauften sich eher schleppend. Nur drei der sieben regulär veröffentlichten Scheiben kamen überhaupt in die Country-Charts, das erfolgreichste Werk - "The Baron" - schaffte es immerhin bis auf Platz 24. Und unweigerlich wurde ihm schließlich die eigene Unverkäuflichkeit der ohnehin weitgehend mediokren Alben zum Verhängnis: 1985 wurde Cashs Vertrag mit Columbia aufgelöst, er wechselte mit einem schrägen "Chicken In Black" und reichlich verletztem Stolz zu Mercury Records - und wurde auch von dieser neuen musikalischen Heimat aus kaum wahrgenommen.

 

 

Wer sich heute die Cash-Platten aus den 80er Jahren anhört, findet immer wieder Perlen, aber er entdeckt auch einen Mann, der seinen Biß und seine Lust verloren hat. So wie etwa auf "The Rainbow". Aber dann kam ja Rick Rubin, und der Rest ist eine sehr spannende und vor allem unglaubliche, oft kolportierte Geschichte.

Nun also auf ein Neues: "Out Among The Stars" heißt die CD, die Aufnahmen von 1981 und 1984 vereint. Und wahrscheinlich klangen die ursprünglich nach "The Baron" oder "The Adventures Of Johnny Cash", und ebenso wahrscheinlich hat nicht mal Johnny selbst an die Lieder geglaubt - und sie deshalb schnell im Kellerverlies des House Of Cash weggesperrt. Jetzt, mit reichlich 30 Jahren Zeitverzögerung und dem Wissen um den knarzigen Kassenklingelgrundton der "American Recordings", sieht alles anders aus: Man polierte die Songs mit moderner Technik und den Musikern von einst auf, was sich überraschend gut anhört.

Der Appetitanreger von "Out Among The Stars"  war 1984 bereits ein Hit: Denn der selbsternannte "Songwriter Of The Tear", Country-Rassist, -Sexist und Schweinerüde David Allan Coe nahm sich des Songs "She Used To Love Me A Lot" an und schaffte es mit dem von Kye Fleming, Charles Quillen und Dennis Morgan verfaßten Lied immerhin auf Platz 11 der Country Charts.

 

Wahrscheinlich hat Coe den achtlos im Hause Cash herumliegenden Song zufällig gefunden. Ich stelle mir vor, wie er bei einem kernigen Südstaaten-BBQ nach Johnnys stillem Örtchen fahndet und sich dabei einen Umweg über dessen Privatstudio gönnt. Er zieht zwar keine 4000 Mark ein, entdeckt dort aber das achtlos herumliegende Masterband mit dem Lied, kopiert es und läßt den Mitschnitt unter dem bunten Hemd verschwinden. Niemand vermißt den Track, man wird auch nicht stutzig, als Coe damit zu Hit-Ehren kommt. Vielleicht war alles doch ganz anders, aber egal.

"She Used To Love Me A Lot" ist genretypisch: Der Mann weiß, daß sie ihn liebt, aber er ist nicht in der Lage, sie zu halten. "Guess Things Happened That Way" eben. Die uralte Story funktioniert immer noch prächtig, vor allem, weil Cash tatsächlich recht markig zur Sache geht. Entweder war das Zeug damals so gut, daß es keiner merkte - oder Produzent Billy Sherrill hat ganze Fleißarbeit geleistet. Sherrill produzierte übrigens unter anderem George Jones, Elvis Costello, Shelby Lynne, Ray Charles und - man höre und frau staune - David Allan Coe. Dessen LP "Darlin´, Darlin´" hat er auch zu verantworten. Und was finden wir darauf? Genau: "She Used To Love Me A Lot". Vom langen Gang zum Pieseln war es ein recht kurzer Weg zum Album-Opener. So schließt sich der Kreis, was die Cash-Fans wahrscheinlich wenig bis gar nicht schert.

Nächste Woche werde ich mich mit großer Freude endlich The Notwist widmen, darauf könnt ihr euch verlassen. Bis dahin macht´s gut, paßt auf euch auf und lasst euch nicht beirren. Wir sind die Guten, die mit dem Geschmack. Nämlich. Das ist mein liebevoller Approach für euch, hier und heute.

 

 

Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Johnny Cash: "She Used To Love Me A Lot”

Leserbewertung: (bewerten)

Enthalten auf der CD "Out Among the Stars" (Col/Sony Music)

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Kommentare_

Kommentar verfassen
tinti - 11.02.2014 : 16.20
welcher track des revs hätts denn werden sollen?

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