Kolumnen_Miststück der Woche II, Pt. 60

Leonard Cohen: "Democracy"

Gut Ding braucht Weile - nach dieser Maxime arbeitet der kanadische Songwriter und Poet schon seit Jahr und Tag. Manfred Prescher glaubt, daß es auch ziemlich vernünftig ist, sich rar zu machen.    04.05.2009

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Als Leonard Cohen sein "Democracy" und damit wunderbare Zeilen wie "From the wells of disappointment/Where the women kneel to pray/From the grace of god in the desert here/And the desert far away/Democracy is coming to the U.S.A." auf die Welt herniederschickte, schrieb man das Jahr des Herrn 1992. Damals stand George Bush sen. vor der Ablösung durch den wesentlich milderen, moralisch weniger fundamentalistisch gefestigten Bill Clinton. Als Cohen dieses Lied auf der letzten Tour erneut - und mit sichtbarem Augenzwinkern - brachte, stand wieder ein Bush kurz vor dem Abmarsch in die Mülltonne der Geschichte. Wie sehr "Field Commander Cohen" den Song auf der Bühne genoß, das kann jetzt jeder, der die umjubelte Tour verpaßt hat, auf der DVD "Live In London" nachprüfen. Auch den Rest des Gigs absolvierte der nun auch schon knapp 75jährige gut gelaunt, fit wie ein Turnschuh und im Vergleich zu früheren Konzerten richtig freundlich. Er zelebrierte den Auftritt; schließlich könnte die Konzertreise die letzte gewesen sein ...

Es ist ja bekannt, daß Leonard Norman Cohen nicht allzu gern in der Weltgeschichte herummäandert und auch lieber den Privatier mimt, als im Rampenlicht zu stehen. Vielleicht war es tatsächlich so, daß ihn, wie kolportiert wird, ein verbrecherischer Finanzberater um die Tantiemen aus "Suzanne" oder "Bird On The Wire" brachte; vielleicht hatte Lenny aber auch einfach Spaß daran, die "ollen Kamellen" mal wieder vorzutragen. Jedenfalls ließ er sich wieder in allen Winkeln der Welt blicken - und das ohne aktuelles Material im Tornister.

Neue Lieder sind auch ein knappes Jahr später allerhöchstens in Planung, also muß die mittlerweile immerhin vierte Live-Konserve das Fan-Volk bei der Stange halten. Wenn ich richtig gezählt habe, hat Cohen in 41 Jahren gerade mal elf Studioalben veröffentlicht. Alle 2,75 Platten ein Live-Mitschnitt; das dürfte fürs Guinness-Buch der Rekorde reichen. Diverse Sampler, Best-of-Compilations und Box-Sets führen dazu, daß sein Fach im Einzelhandel trotzdem nicht abgeschafft wird.

 

Womit wir wieder bei der bisher letzten Tour wären: Möglicherweise war der Alte aus Montreal ja deshalb so gut drauf, weil er nicht malochen muß? Arbeit ist nun mal "süß wie Maschinenöl" (Ton Steine Scherben) und schadet außerdem der Haut und den Innereien. Siehe Crank ... Nebenbei ist sie oft auch kreativitätshemmend. Natürlich kann es auch vorkommen, daß man die Freiheit nicht nutzt, sondern sich Wein, Weib und - in Cohens Fall natürlich nicht - dem Gesang hingibt.

Wogegen auch nichts zu sagen wäre. Leonard Cohen hat zum Beispiel wieder mal Gedichte geschrieben, die - in des Künstlers Zeitmaßstäben vor kurzem - im "Buch der Sehnsüchte" veröffentlicht wurden. Weil: Eigentlich ist er ein Dichter. So entstand zum Beispiel das berühmte "Suzanne" ursprünglich als Poem namens "Suzanne Takes You Down", bevor es dann von Judy Collins vertont wurde. Cohen selbst lieh den Versen erst kurz darauf widerwillig seine berühmte Stimme. Im aktuellen Buch reflektiert er nun auch seinen Arbeitsstil, der wohl doch eher ein Zögern ist. "So oft ich ihm sage/Was ich als Nächstes vorhabe/Erkundigt er sich ernsthaft:/Leonard, bist du sicher/Daß du das Falsche tust?" heißt es in "Laytons Frage".

Leonard Cohen tat das Richtige, auch wenn er "Chelsea Hotel" und "Is This What You Wanted" unterschlug: Er brachte auf der Tour "Closing Time" und "Ain´t No Cure For Love", "Bird On The Wire" und "Tower Of Song", "So Long Marianne" und "Democracy". Warum wohl muß ich bei diesem Lied an das aktuelle Titelbild der Zeitschrift "Titanic" denken? Es zeigt - aus aktuellem bundesrepublikanischen Anlaß "Happy Birthday, Schweinesystem!" - ein süßes Ferkel plus Überschrift "60 Jahre Grunzgesetz".

"Democracy" ist auch einmal nach Deutschland gekommen, via alliierter Luftbrücke und Rosinenbomber. Wenn das kein Grund ist, das Wirtschaftwunder nochmal zu feiern, wo ein Flashback doch angeblich Richtung 1929 zurückweist, in das schlimme Jahr, als die Bänker vom Himmel fielen. Wie es aussieht, verkneift sich Cohen einen Kommentar zum möglichen Ende des "Schweinesystems", denn das löst sich ja praktischerweise von selber im eigenen Logikwölkchen auf: Jeden Tag schrumpft laut Medien und Ökonomen die Wirtschaft um ein Prozent, was natürlich nicht nur bedeutet, daß der Schaum im Bierglas stetig wächst (Inflation), sondern eben auch irgendwann alles ein Ende hat. Tröstlich ist, daß der große Herr Remmler trotzdem recht hat: Die Wurst wird auch fürderhin zwei Enden haben. Das steht wahrscheinlich sogar so im Grunzgesetz. Was bleibt außerdem? Noch´n Gedicht, dann ist endgültig über allen Wipfeln Ruh: "Indien ist voller/Außergewöhnlich schöner Frauen/Die nichts von mir wollen/Ich muß nur durch Bombay gehen/Was ich jeden Tag tue/In welches Gesicht ich auch schaue/Ich habe mich noch nie/Getäuscht."

Nächste Woche wird es an dieser Stelle übrigens um Bonnie "Prince" Billy gehen - die beste Mischung aus Country, Folk, Querdenkertum und traurigen Melodien.


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

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Fred Quinn - 06.05.2009 : 10.49
Und nicht vergessen sollte man auch Cohens Romane: "Beautiful Losers" (Schöne Verlierer) und "The Favorite Game" (Das Lieblingsspiel). Damals (also in den 60ern/70ern) lief das noch unter "Erotische Literatur". Zugegebenerweise etwas verschwurbelt - aber trotzdem recht fein.
Kein Muß aber ein Sollte-man-doch.

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