Kolumnen_Miststück der Woche III/50

Jubiläum: Aus des Knaben Wunderhorn

Manfred Prescher ist rechtschaffen erschöpft. Das ist natürlich kein Wunder, wenn er Tag und Nacht an eure Geschmackshygiene denkt und sich dauernd wie ein real existierender Spider-Man zu eurer Rettung aufschwingt. Bekanntermaßen ist aber "the evil always and everywhere" (EAV), weshalb kein positives Ende in Sicht ist. Also weitermachen, bis die Schwarte kracht - und keine Müdigkeit vorschützen.    09.09.2013

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

Wer ist eigentlich der Mann, auf dessen iPhone-Speicher sich derzeit 823 Lieder auf engstem Raum zusammenpressen? Songs, die dann, wenn man sie im Shuffle-Mode um die eigenen, männlichen X- und  Y-Achsen rotieren läßt, ganz krude Mischungen ergeben? Wo "Changes" von Black Sabbath, "Gone Away" von Matthew E. White oder "Black Skinhead" von Kanye West auf "Run With The Wolf" von Rainbow, Orlando di Lassos "Madonna mia cara" oder James Blakes "Overgrown" treffen könnten? Wo auf einem Screenshot das Album "Rumours" von Fleetwood Mac in der Nähe von Daft Punks "Random Access Memory", Franz Ferdinands "Right Thoughts, Right Words, Right Action" oder "Soft Will" von Smith Westerns zu bestaunen wäre?

Ein Eklektizist ist er. Einer, der - um einen blöden Kalauer einzustreuen - über die Grenzen seines eigenen "Stiels" hinausschaut. Was durchaus geht, seit er keinen Spiegel mehr braucht, um das Teil unterhalb des Körperäquators mit bloßem Auge zu sehen. Aber lassen wir das. Euer Kolumnist hört, was ihn kickt. Und er schreibt darüber, seit der liebe Gott oder der Chefredakteur oder eine Mischung aus beiden (also der Herausgeber ...) diese moralische Instanz namens "Miststück der Woche" ins Leben gerufen hat.

Da das Leben bekanntermaßen kein Ponyhof, sondern frei nach Dr. Kurt Ostbahns vielleicht schönstem Song, "a Tankstö" ist, hat der Kolumnist euch 250mal den musikalischen Kanister gefüllt. Wenn ihr die Texte alle noch irgendwo parat habt, müßtet ihr nach meiner maßgeblichen Schätzung irgendwo rund 240.000 einzelne Worte gelagert, gespeichert oder gebunkert haben. Ihr könnt die alle frei verwenden, auf keines davon haben die GEMA, EVOLVER oder St. Anger einen Urheberrechtsanspruch. Freilich: Aus dem Zusammenhang gerissen verlieren die Worte ohnehin ihre Wirkung. Nehmen wir nur mal das 203. Wort dieser Jubiläumsausgabe, also "rotieren". Was will es uns sagen? Wofür steht es? Erst mal für nichts und wieder nichts; es führt vielleicht dadurch sogar in die Irre. Das ist wie mit den Sprüchen an deutschen Autobahnen oder Zügen.

Wer zum Beispiel nach Niedersachsen will, muß auf Gedeih und Verderb durch Hessen. Dort, wo uns früher der Grenzwall vor den Äbbelwoi-Horden schützte, steht nun "An Hessen führt kein Weg vorbei", was der nördlich orientierte Autofahrer freilich nur mit "ja, leider" kommentieren kann. Oder man stelle sich zu irgendeiner Rush-hour mal rasch am Hannoveraner oder Braunschweiger Hauptbahnhof an einen Bahnsteig in Richtung Elend/Harz. Was springt einem bahnseitig entgegen? – "Niedersachsen ist am Zug." "Aber verdammt", so murmelt man in den etwaig vorhandenen Dreitagebart, "doch nicht alle gleichzeitig!" Das muß ja nicht sein, weil es irgendwie ziemlich übertrieben wirkt!

Aber egal, man hat ja sein iPhone dabei. Und der Shuffle-Modus shufflet Song um Song ins Ohr. Deshalb ruht man inmitten des eigenen musikalischen Geschmackschaos, während außen das Weltgetriebe zwischen siebtem und achtem Gang blockiert. Zum Jubiläum laß ich euch daher einfach mal ins Gehäuse meines Äpfelchens blicken und schreibe über die ersten 20 Lieder, die das Gerät von sich aus zufällig aus meiner privaten musikalischen Wertschöpfungskette herausfiltert. Wohlan denn, Kameraden der Berge!

Beim nächsten Shuffle-Durchgang könnte die Playlist natürlich ganz anders aussehen, aber so ist das Leben. Nächste Woche geht es hier wieder "normal" weiter - und zwar tatsächlich mit Nine Inch Nails. Bis dahin haltet die Ohren steif und bewegt euer Pelvis.


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

1. Frank Sinatra: "The Girls I Never Kissed"

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Erst 1986 und im fortgeschrittenen Alter von mindestens 150 sang Frankie einen Song von Jerry Leiber und Mike Stoller, was er in der Anmoderation auch launig kommentierte. Das Lied selbst ist eine melancholische Reminiszenz an das Alter. Der grau gewordene Wolf weiß, daß er nicht alle hübschen Mädels küssen kann, aber er wird es trotzdem weiter versuchen.

 

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2. Sanford Clark: "The Fool"

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Bitterer und sehr straighter Song über einen Mann, der merkt, daß er seine Liebste zu oft verletzt hat, um sie halten zu können. Schmerzhafterweise kommen solche Erkenntnisse immer erst dann zum Tragen, wenn eh alles vorbei ist. Das Lied zeigt nebenbei, welch hervorragender Autor und Produzent der große Lee Hazlewood schon in jungen Jahren war.

 

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3. Elvis Presley: "Sweet Angeline"

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Was hat den King eigentlich dazu getrieben, das legendäre Studio des Stax-Labels aufzusuchen? Sicher ist jedenfalls, daß diese eher unbekannten Aufnahmen mehr Seele haben als ein durchschnittlicher Gospelchor. Und "Angeline" ist einfach herzergreifend schön, so nah am Kitsch und dann wieder doch nicht - das konnte Elvis auch dann noch, als das Pelvis unbeweglich wurde.

 

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4. Smokey Robinson & The Miracles: "Come Spy With Me"

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Wir schreiben das Jahr 1967, und Motown ist stilprägend. Während jenseits von Barry Gordys heiler Welt Vietnamkrieg und Sommer der Liebe, Black Power und weiße Drogenweihnacht umeinanderpurzeln, liefert die Company Hit auf Hit. Mitverantwortlich: Smokey Robinson, der als Musiker, Autor und Produzent erfolgreich ist. "Come Spy With Me" ist die schwungvoll-elegante B-Seite der Single "The Love I Saw In You Was Just A Miracle" ... und vieeeel schöner.

 

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5. Biz Markie: "Just A Friend"

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Einer der witzigsten Rap-Songs der Weltgeschichte: Ein Typ verliebt sich in ein Mädchen namens Blablabla, muß aber erkennen, daß es nur einen Freund und keinen Lover sucht. Auch das dazugehörige Album "I Need A Haircut" ist ein Hammer, den ihr für euch entdecken solltet. Yo! Brossas and Sistas!

 

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6. Buddy Knox: "The Girl With The Golden Hair"

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Es muß so um 1959 gewesen sein, als Knox diese pfiffige kleine Rockabilly-Ode unters Volk streuen wollte. Das zeigte sich gewohnt ignorant, was aber eher für die Qualität dieses schwungvollen Liebeslieds spricht. "All our friends try to tell us, we made a perfect pair ... Hell yeah!"

 


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7. Dinah Washington: "Mad About The Boy"

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Das Lied stammt eigentlich aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, aber erst die Soul- und Blues-Diva Dinah Washington machte - unter der Führung von Quincy Jones und dessen Orchester - einen funkelnden Diamanten daraus.

 

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8. Blackfoot Sue: "Standing In The Road"

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Sieben Singles, ein kleinerer Hit - das ist alles, was die britischen Hardrocker zusammenbrachten. Dennoch: Gerade ihr Debüt "Standing In The Road" ist echt hypnotisch. Simplerweise kommt es fast ohne Text aus, und auch die Melodie wiederholt sich, sogar nach dem eigentlichen Fadeout. Das machte man anno ´72 so.

 

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9. Beasts Of Bourbon: "Goodbye Friends"

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Ach, den Song soll dereinst jemand auf einer Guitarre spielen, wenn ich auf der Bahre liege und auf den Einzug in den Rock’n’Roll-Himmel warte. Tex Perkins bedankt sich bei allen, den Freunden, den Weibern. War schön hier!

 

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Trashmen: "Surfin‘ Bird"

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Der frühe Vogel surft im Sturm. Das Lied, das eigentlich auf mindestens zwei anderen Stücken, vor allem "Papa-Oom-Mow-Mow" von den Rippingtons, basiert, ist einfach ein definitiver Muntermacher. Eigentlich müßte die Band danach gleich mit ihrer Version von "Hava Nagila" kommen.

 

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zu den Plätzen 11. - 20.

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Kommentare_

Dr. Trash - 07.09.2013 : 17.57
Schauen wir einmal, was mein uralter iPod, der zu keinem neuen Mac mehr paßt (aber das Wheel clickt noch), dazu sagt - seine ersten zehn:

1. Guru - Feed the Hungry
2. Johnny Thunders - Pipeline
3. Brian Eno & David Byrne - A Secret Life
4. Ancient Grease - Freedom Train (Alt. Take)
5. Soft Cell - Memorabilia
6. MC5 - Borderline
7. John Campbell - Texas Country Boy
8. Desert Sessions (Vol. 9 & 10) - Creosote
9. The Rezillos - Glad All Over
10. Desert Sessions (Vol. 3 & 4) - Jr. High Love

Fortsetzung folgt ...
Manfred Prescher - 10.09.2013 : 14.49
Das, meine Herren, sind wirklich zwei wunderbare Listen. Eigentlich sollte man die nur noch vom Elektroschrott erstellen lassen - ist gleich viel spannender. Und bleibt doch innerhalb unserer recht weit gestreckten Geschmacksgrenzen.

Manfred

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