Kolumnen_Miststück der Woche, Pt. 20

Morrissey: "You Have Killed Me"

Zum 20. Mal kürt Manfred Prescher das "Miststück der Woche" - und es scheint, als habe Morrissey die Veröffentlichung seiner neuen Single extra für diese Kolumne eingeplant.    20.03.2006

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Steven Patrick Morrissey ist tot. Wie viele Male er im Laufe seiner bald ein Vierteljahrhundert andauernden Karriere schon gestorben ist, läßt sich schwer sagen. Er war eigentlich immer eine Art zivilisationsmäßiger Christus, der stellvertretend für uns alle das Zeitliche gesegnet hat, wenn der Zustand der Gesellschaft wieder ein Opfer brauchte. Wenn er einmal nicht starb oder vom baldigen Ableben sang, war Morrissey "The Boy The With The Thorn In His Side". Er geißelte zuerst mit den Smiths das Essen von Fleisch, die verlogene britische Monarchie oder den ganz normalen, barbarischen Familienalltag - und auch in seinen Solowerken nimmt er kein Blatt vor den Mund: Auf seiner Comeback-CD "You Are The Quarry" stehen unter anderem George W. Bush und sein mit aller Macht vertretener Führungsanspruch im Mittelpunkt; auf dem neuen Album "Ringleader Of The Tormentors" wieder mal der von Morrissey als Keimzelle allen Weltenübels erkannte Vater. In "The Father Who Must Be Killed" fordert er, daß man die Spuren des Erzeugers in sich selbst und auch auf dem elterlichen Sofa eliminieren soll. Weil Vatermord aber gesellschaftlich immer noch unter Ächtung steht, bittet er wieder den Vater aller Väter um Vergebung. Und weil er außerdem schon mit dem 87er-Smiths-Album "The World Won´t Listen" signalisierte, daß er sich darüber im klaren ist, daß die Welt den gesungenen Worten des Herrn Morrissey niemals in dem Maße lauschen würde, daß sich am Zustand des Planeten im allgemeinen und der Vater-Sohn-Beziehung im besonderen grundlegend etwas ändern würde, nagelt er sich seither in spektakulären Zeilen immer wieder selbst ans Kreuz. Das erregt zugegebenermaßen Aufsehen und hat für den Säulenheiligen aus Manchester/England den Vorteil, nach dem Ableben nicht auf Auferstehung angewiesen zu sein. Im Gegenteil - Morrissey kann sich immer und immer wieder für uns alle opfern und doch jeden Abend im schicken Suedehead-Oufit mit Bowler, Stockschirm und kariertem Tweed den britischen Snob heraushängen lassen. Im Vergleich zum neutestamentarischen Vorbild ist das auf jeden Fall die bessere Lösung.

 

Das Cover der neuen Single "You Have Killed Me" zeigt das Ende des aktuellen Kreuzwegs. Morrissey liegt auf irgendeinem British-Railway-Gleis und wartet - ruhig und gefaßt, beinahe so, als würde er sich auf den Schienen nur den nächtlichen Schönheitsschlaf gönnen. Es ist wohl doch eher die Routine eines Daueropfers, die ihn so entspannt, ja fast locker wirken läßt. Das Tweed-Sakko hat er auf jeden Fall schon mal an - denn wenn der Zug, der das Elend der Städte von einer Katastrophe zur nächsten transportiert, über ihn hinweggerollt ist, kann er wieder aufstehen, ins "The Ape And The Apple" gehen und ein Pint auf das Wohl der Menschheit und den Erfolg der Platte bestellen.

Nein, in der John Dalton Street wird man dieses Mal vergeblich auf die zelebrierte Wiederauferstehung warten, da Morrissey der Heimat den Rücken gekehrt hat. Er wohnt nun in unmittelbarer Nähe zum Stellvertreter Petri. Italien hat allerdings nur auf den Text Einfluß, weil der Song so typisch Morrissey ist, daß er hundertprozentig auf Platz eins der britischen Charts einsteigen wird - unabhängig davon, daß der durchschnittliche Engländer überhaupt nicht weiß, wessen tragische Lebensenden der Sänger da beweint: das der Regisseure Luchino Visconti ("Der Leopard", "Der Fremde") und Pier Paolo Pasolini ("Die 120 Tage von Sodom", "Accatone: Wer nie sein Brot mit Tränen aß"), die beide Mitte der 70er Jahre starben.

Die Umstände des Mordes an Pasolini sind immer noch nicht vollständig geklärt; das tragische Leben des vielseitigen Künstlers aus Bologna eignet sich daher perfekt zur Legendenbildung - auch in knapper Versform: "Pasolini is me/'Accatone' you´ll be/I entered nothing and nothing entered me/´Til you came with the key/And you did your best but ..." Morrissey setzt sich mit dem Filmemacher und Buchautor gleich und besingt den eigenen Tod gleich mit: " ... As I live and breathe/You have killed me/You have killed me/Yes I walk around somehow/Piazza Cavour, what´s my life for?"

 

Die geschichtsträchtige römische Piazza hinter dem Justizpalast ist der ideale Ort, sich die Fragen nach dem Sinn des Lebens - später folgt auch noch "Who am I that I become here?" - zu stellen. Das Hier und Jetzt praktisch im Beisein der Vergangenheit zu beleuchten, das ist das Ziel, das sich Morrissey setzt. Im Video zu "You Have Killed Me" turnt er als vierkantgesichtiger Ersatz-Drupi durch eine Kulisse, die stark an die Shows erinnert, die RAI in den 70er Jahren vom Schlagerwettbewerb in San Remo übertrug. Nur der Song ist besser als das mediterrane Liedgut der quietschbunten Ära, denn er ist typisch Morrissey, nicht mehr und nicht weniger. Lustigerweise hat nicht nur der Text seinen Visconti: "You Have Killed Me" wurde - wie auch das restliche "Ringleader"-Album von Tony Visconti, nicht verwandt mit Luchino, produziert. Auch dieser Visconti ist im Wesentlichen den 70er Jahren verhaftet, denn er saß bei Meilensteinen wie Bowies "Low" oder "Electric Warrior" von T. Rex an den Reglern und hat "Ziggy Stardust" ins 5.1-Zeitalter transferiert. Im Falle von "Ringleader Of The Tormentors" gelingt ihm eine punktgenaue und perfekte Arbeit. Der sichere Erfolg durch den doppelten Visconti wird es Morrissey ermöglichen, sich noch oft für die Menschheit zu opfern und dazu den edelsten Büßer-Zwirn zu tragen, den man für Geld kaufen kann. Morrissey ist tot! Es lebe Morrissey!


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Morrissey - Ringleader Of The Tormentors


Rough Trade

(GB 2006)

 

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