Kolumnen_Depeschen aus der Provinz/Episode 17

Alptraum, mit Musik

Bevor man hier im Hinterland ins kollektive Winterkoma fällt, wird noch einmal richtig aufgespielt - aber gleich so, daß die Depressionen bis in den April halten. Eines steht somit fest: Diese Stadt wurde nicht auf Rock´n´Roll gebaut. Und schuld daran sind nur die Pädagogen.    28.10.2019

Es gibt Schlimmeres als Blasmusik.

Jössasna, werden Sie jetzt ausrufen und entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Was, o weiser Kolumnist, könnte denn schlimmer sein als Blasmusik?!

Ich sage es Ihnen: Saisonschluß in der Provinz. Wenn erste Nebel übers Land ziehen und das Volk mit Moonboots im Schanigarten sitzt, um den kleinen Braunen herunterzustürzen, bevor er im Häferl gefriert. Wenn jedes Wirtshaus, jeder Kulturverein und jedes Gasserl in dem an Gassen ohnehin armen Ort, wo ich jetzt wohne, schnell noch ein Oktoberfest oder sonstiges Alkoholvernichtungsspektakel aufzieht, bevor die Gehsteige gesprengt, die Rolläden heruntergelassen und die Lichter gelöscht werden.

Sobald dann die Blechbläser ausrücken und ihr Publikum in den achten Kreis der Hölle hinabposaunieren, gern auch mit Standards aus dem Regionalprogramm, beginnen die Gehirnzellen zu kochen, verwandeln sich in Gatsch, wollen zu den Ohren hinausrinnen und werden nur durch die unsägliche Kakophonie, die von außen dagegendrückt, im Kopfgehäuse festgehalten. Aber bei aller grauenhaften Poesie - es gibt noch einen tieferen Bezirk im Inferno. Dort spielen die Gitarrenduos auf, die sich für günstigere Gagen (ihr Verrat an der Musik ist keine dreißig Silberlinge wert) ins Festgelände hocken und feist grinsend darangehen, die Popgeschichte zu vergewaltigen.

Sie entehren die Beatles, schänden Simon & Garfunkel, tun den Beach Boys Gewalt an und mißbrauchen Elton John so brutal, daß man nicht einmal dem Herrn der 10.000 Brillen dieses peinsame Schicksal wünscht. Haben sie der internationalen Oldie-Hitparade genug Schmach zugefügt, greifen sie zu ihrer Geheimwaffe: Austro-Pop. Wer je lauschen mußte, wie beamtete Musiklehrer sich an Stefanie Werger, Wolfgang Ambros und dem Danzer Schurl vergreifen, will zwar immer noch nicht die Originale hören, da sei Gott vor, aber er er wird von einem Gedanken erfaßt, der sich beim besten Willen nicht mehr verdrängen läßt: Gröl zum Abschied leise Fendrich ...

Ja, man muß wissen, wann es an der Zeit ist, zu gehen. Rock´n´Roll ist bekanntlich nicht nur ein Musikstil, sondern ein Lebensgefühl. Und das wird hier in der Provinz erbarmungslos in den Staub der kulturellen Wüste gestampft. Der Kampf gegen lärmige Gitarren und alles, was dazugehört (Sex, Drugs, permanente Revolution) wird hier schon bei den Kleinsten geführt, die von ihren Eltern nicht nur ohne Gnade auf Tennisplätze und zum Ballettunterricht, sondern auch in die Blockflötenstunde gepeitscht werden. Wie wir in der Stadt schon vor Jahrzehnten begriffen haben, handelt es sich bei diesem angeblichen Musikinstrument in Wahrheit um das holzgewordene schlechte Gewissen, weil in den bürgerlichen Stuben ohnehin keine Hausmusik mehr praktiziert wird, sondern alle sich um den wärmenden Fernseher scharen und dort still vor sich hinverblöden. Sonst nichts. Oder ist Ihnen jemals im Plattengeschäft eine Luxus-CD-Edition der "Schönsten Blockflöten-Symphonien der Jahrhunderte" aufgefallen? Na eben.

Haben die Musikpädagogen erst einmal ihre Klauen in den krawallwilligen Nachwuchs geschlagen, lassen sie nicht mehr los. Nur so ist es zu erklären, daß arme Kinder bei Schülerband-Wettbewerben vor den leuchtenden Augen ihrer Eltern den Dreck zum Vortrag bringen, den der Klassenvorstand in seiner längst verwichenen Jugend gern hörte: weinerliche R.E.M.-Songs, Fadessen von Eric Clapton (hierorts "Claptnaa" ausgesprochen), kokainfreie Whitney-Houston-Erinnerungsgstanzln. Man spürt die Absicht, und sie klingt verstimmt. Belehrt einen dann noch eine öffentlich subventionierte "Bradlpappen" (wie man in diesen Breiten das Sprichwort "Du bist, was du ißt" gekonnt variiert), daß es doch etwas Wunderbares sei, junge Talente hören zu dürfen, bleibt einem nur die Antwort: "Wieso, spün die heit a no?"

Aber da ist man innerlich schon lange weg. Man findet sich damit ab, nie erfahren zu können, wem das Auto mit dem Kennzeichen DOPE 1 gehört. Man beneidet den Kifferkönig des Ortes um seine zwergenhafte Gefolgschaft, die sich mit ihm auf "Scheppereien" von Militärtechno die Gehirne ausputzen läßt. Und man gedenkt des einzigen echten Rock´n´Rollers an diesem Ort, wo man 17 Depeschen lang ausharrte - der hat es hier einst mit einem lauten Kellerlokal versucht, ist aber damit längst in die nächstgrößere Stadt übersiedelt.

Ihr Kolumnist tut es ihm nach. Auf Wiedersehen in Wien.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien. Dann entschloß er sich, in die Provinz zu übersiedeln. Wie sich das anfühlte, erfahren Sie hier.

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