Kolumnen_Miststück der Woche III/18

Max Raabe: "Für Frauen ist das kein Problem"/PSY: "Gangnam Style"

Man muß zusammenführen, was eigentlich zusammengehört. Manfred Prescher ist der Großmeister dieser Disziplin und kombiniert sogar Dinge miteinander, die sonst kein Mensch in Einklang zu bringen sucht.    28.01.2013

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

Wie sagte ein Freund vor Jahr und Tag? "Frauen sind für mich ein offenes Buch." Spätestens nach der zweiten oder dritten gescheiterten Beziehung merkte man aber, daß dieses Buch definitiv in einer dem Freund unbekannten Sprache geschrieben war. Da standen dann so seltsame Worte wie "Geunyukboda sasangi ultungbultunghan sanai" oder so, was natürlich ganz gegensätzliche Dinge bedeuten könnte. Heißt es "Du bist der Mann meiner Träume und ich will den Rest meiner wachen Tage mit dir verbringen" oder "Ich finde dich so doof, daß ich dich nie im Leben mehr sehen will"?

In Wahrheit stammt das Zitat aus dem größten Hit, der je via YouTube in die Hitparaden der Welt gekommen ist. Billiarden von Menschen schauten sich das Video um den dicken Koreaner PSY an und sind von dessen doch recht einfältigem "Gangnam Style" begeistert. Blöderweise ist der Text dann doch so steindumm, daß ein altbackenes Eckstück eines Schwarzbrots intelligenter ist. Auf gut Deutsch heißt der Satz übrigens: "Ich bin ein Kerl, der Ideen und keine Muskeln hat." Mir ist schleierhaft, wie der Typ dann seiner Liebsten Halt geben will, aber sei´s drum. Auf jeden Fall erzählt "Gangnam Style" auch wieder nur von Männern und ihrer Einfalt. Also brauchen wir jemanden, der uns sagt, wie Frauen wirklich ticken - und das macht Max Raabe im Verein mit Annette Humpe, die wir unter anderem von Ideal und Ich & Ich kennen.

Der in Nordrhein-Westfalen - genauer in Lünen - geborene Max Raabe ist ja so etwas wie die Reinkarnation der zwanziger Jahre. Im Prinzip ist auch gar nix dagegen zu sagen, da viele Texte aus dieser Zeit sehr zeitlos sind. Ich denke da an "Kann denn Liebe Sünde sein?" - eine Frage, die bis zum heutigen Tag nicht schlüssig beantwortet werden kann. Oder an "Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen", was der eine oder andere Mann auch 2013 noch hinkriegt. Max Raabe jedenfalls bringt das alte Zeug wieder zurück, sein eigener "Gangnam Style" ist es, kleine grüne "Kaktusse" blühen zu lassen. Auch in seinen neuen, frisch komponierten Liedern steckt eine wohltuend betuliche, fast altjüngferliche Art. In Verbindung mit einem modernen Text wird dann sogar ein Hit draus, von dem wir Männer noch lernen können.

 

 

Also ran ans Wunderwerk "Frau": "Sie wissen, wo die Schlüssel liegen/Wo sie günstig Schuhe kriegen/Haben immer Überraschungen im Schrank/Sind Schöffin beim Sozialgericht/Kennen ihr Idealgewicht/Obwohl sie immer frieren, sind sie kaum krank" und "Geld überweisen, Kühlschank enteisen/Aktien verkaufen, Marathon laufen/Zeitgleich verschicken sie eine Mehl/Taxis ranwinken, im Dunkeln schminken/Promovieren, kurz die Nerven verlieren/Das alles können sie parallel". Bei Licht betrachtet, hat Annette Humpe dem Herrn Raabe damit schon auf den dünnen Leib geschrieben, was Frauen auszeichnet - und warum ich sie als Krone der Erschöpfung bezeichnen möchte: Frauen sind wirklich extrem multitaskingfähig.

Im berühmten Video von "Gangnam Style" hüpfen sie adrett durch die Gegend und sehen doch intelligenter aus als der Rapper PSY. Was die Mädels alles gleichzeitig können, ermüdet den Mann schon vom bloßen Zuschauen - es verwundert daher nicht, daß sich Frauen bis zum Umfallen überfordern. Durch all das "Männer verführen, bestellen, stornieren, das Leiten einer Raumstation im All " usw. kommen sie nur, wenn ihr Tag 40 oder 50 Stunden hat. Aber wie singt Max Raabe: "Für Frauen ist das kein Problem/Geheimnisse kriegen sie raus/Für alles hab´n sie eine Creme/Und sehen immer gut aus". Gar keine Frage.

In feministischen Kreisen - das Wort "Kreis" paßt hier perfekt - wurde einst erörtert, daß Männer maximal dialektisch denken, Frauen aber zirkulär. Das hätte dann aber durchaus fatale Auswirkungen: De Damen würden nämlich an einem Punkt mit der Diskussion anfangen und die dann fortführen, nur um letztendlich wieder am Ausgangspunkt zu landen. Wäre Max Raabe eine Frau, so wäre er folglich im Jahr 1927 aufgebrochen - um nach einer anstrengenden Reise durch Zeit und Raum genau dort wieder anzukommen. Die Frage ist nur, was man dann mit den unterwegs gemachten Erfahrungen anfangen soll.

Nächste Woche wird es hier um ein  ganz besonderes Abschiedslied gehen - eines, das kein "Auf Wiedersehen" in sich birgt, sondern nur ein "Mach´s gut".  Und ich werde von "Django" erzählen, einem Mann, der tun muß, was ein Mann tun muß. Völlig unzirkulär, aber doch auch bescheuert, auf jeden Fall jedoch cooler als "Gangnam Style". Basta.

 


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER


Manfred Prescher

Max Raabe: "Für Frauen ist das kein Problem"

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