Kolumnen_Schlechtes Karma #4

Wie Island mein Leben doch nicht zerstörte

... wodurch ein Reisender in Sachen Musik und Literatur trotz gebrochenen Herzens wieder zu innerem Frieden findet - bis zum nächsten Ausflug.    28.07.2004

Lange Zeit habe ich geglaubt, Island wäre der deutlichste Ausdruck meiner persönlichen Apokalypse: Du warst so lange dort gewesen, daß Du Dich bei Deiner Rückkehr kaum noch an mich erinnern konntest. Zu den Klängen des überaus gelungenen Sígur-Ros-Konzerts hast Du dann zu mir zurückgefunden - noch jetzt glaube ich das Gewicht Deines Kopfes an meiner Schulter zu spüren, ganz wie ein musikalisches Echo schönerer Tage -, aber auch nur, um bei einer Björk-Ballade wieder die Flucht zu ergreifen.

Was hilft mir da die isländische Literatur, was hilft mir da die isländische Musik? Eine ganze Menge, wenn man es genau betrachtet. Ich kann nicht oft genug darauf hinweisen, mich daran erinnern: Dieses kleine Land ist ein lebendiges, pulsierendes Kulturzentrum, das viel zu häufig aus unserem Blickfeld zu gleiten droht. Auch die neue Platte der isländischen Truppe Múm, mit dem wunderbaren Titel "Summer Make Good" versehen, bildet für mich da keine Ausnahme. Nach Ausflügen in elektronische Gefilde (vergleiche hierzu das auf seine Art nicht minder reizvolle, 2000 veröffentlichte Debütalbum "Yesterday Was Dramatic - Today Is OK"), wird nun die vielstimmige Musikalität der Stille bemüht. Zwischen vereinsamten Aufnahmeorten und Lebenswelten vibriert ein elektrischer Sound, der Ähnlichkeiten zu Sígur Ros nicht zu verschleiern sucht, dabei aber doch eine Individualität und Eigenständigkeit bewahrt - weshalb man deshalb den lobenden Vergleich mit den geigenden Gitarristen nicht zu scheuen braucht. Wenden wir den Blick nicht ab, hören wir genau hin.

"But would the summer make good for all our sins?" - eine überaus berechtigte Frage für ein Hörerlebnis der komplexen, vielleicht sogar komplizierten Art. Trotz des sommerlich anmutenden Titels werden hier vor allem die tobenden Stürme akustisch illustriert, ein Soundtrack zu einem Film, der wie ein Vorbote besser Zeiten wirken könnte. In seiner Intimität verlangt das Album nach einer persönlichen, wiederholten Decodierung in aller Ruhe und Stille. Ich setze meine Kopfhörer auf, ich möchte mir kein Geräusch, nicht das Knacken eines einzigen Herzens entgehen lassen. Nur das Brechen meines eigenen mag ich nicht schon wieder hören müssen.

Thomas Ballhausen

Sachdienliche Hinweise:


Hör Dir die CD "Summer Make Good" der isländischen Band Múm (Fatcat Records) an, lies Benedikt Ledeburs geniale Nachdichtungen "Nach John Donne" (Verlag der Pudel) und Brigitta Falkners turbulent-experimentelle Anagramm-Unternehmung "Bunte Tuben" (Urs Engeler Editor). Danke, Over & Out.

Kommentare_

Kolumnen
Schlechtes Karma #6

Rave on, John Donne!

... wie wortgewaltig, witzig, gewagt und von unendlicher Gelehrsamkeit John Donnes Werke heute noch sind, erläutert unser belesener Kolumnist.  

Kolumnen
Schlechtes Karma #5

Musik zum Lesen

... worin Thomas Meinecke, bekannt und geschätzt als DJ, Moderator und Musiker, der werten Leserschaft auch als Literat vorgestellt wird. Mit recht vielen Fremdwörtern.  

Kolumnen
Schlechtes Karma #4

Wie Island mein Leben doch nicht zerstörte

... wodurch ein Reisender in Sachen Musik und Literatur trotz gebrochenen Herzens wieder zu innerem Frieden findet - bis zum nächsten Ausflug.  

Kolumnen
Schlechtes Karma #3

Four-Letter-Word

... warum manches in ein Tagebuch nur deshalb Eingang finden darf, weil man es sich partout nicht merken kann. Manchmal ist das Leben halt wie eine Fernsehserie.  

Kolumnen
Schlechtes Karma #2

Vorbereitete Abschiede

... wenn ein trauriger Kolumnist seiner verlorenen Liebe noch einen Brief hinterherschickt - oder ihn vielleicht auch nur uns lesen läßt. Weil es ums Lesen geht.  

Kolumnen
Schlechtes Karma #1

Reisen mit Geistern

... wo der unermüdliche Journalschreiber berichtet, warum es unruhige Geister weder im Norden noch im Süden und schon gar nicht zu Hause hält.