Kolumnen_Schlechtes Karma #5

Musik zum Lesen

... worin Thomas Meinecke, bekannt und geschätzt als DJ, Moderator und Musiker, der werten Leserschaft auch als Literat vorgestellt wird. Mit recht vielen Fremdwörtern.    17.11.2004

Der 1955 in Hamburg geborene Meinecke, Radiomoderator und wesentlicher Bestandteil der Band FSK, ist auch im Bereich der Literatur schon lange kein Unbekannter mehr. Mit seiner Erzählung "Holz" erregte er erstes Aufsehen; es folgten die Romane "The Church of John F. Kennedy" und "Tomboy" sowie eine Sammlung früherer Zeitschriftenbeiträge, gesammelt unter dem gleichermaßen schönen wie passenden Titel "Mode und Verzweiflung". Mit dem Roman "Hellblau", erschienen 2001, begann Meinecke, der vollkommen zu Recht als einer der besten Vertreter der reflexiveren und reiferen deutschsprachigen Popliteratur gilt, die von ihm gebrauchten klassischen narrativen Formen zugunsten einer flächig angelegten sprachlichen Ausgestaltung philosophischer und (pop)kultureller Diskurse aufzulösen. Diese Bewegung, die einer Bewegung des Lösens und Schmelzens ist, findet im jüngsten Werk dieses Autors, das auch auf der thematischen Ebene einer Weiterführung des zuletzt erschienenen Romans darzustellen scheint, ihre konsequente Fortsetzung.

Hatte Meinecke sich in "Hellblau" schon abseits aller klassischen Erzählhaltung und Figurengestaltung bewegt und die in diesem Werk behandelten Fragen nach der Konstruktion von Geschlecht und Hautfarbe, verkoppelt mit einem aus der Techno-Musik gespeisten Diskurs des Aufbegehrens und der Widerständigkeit, auch intradiegetisch zu verankern gewußt, so wird in "Musik" die Distanz zum gemeinhin als literarischen Werk klassifizierten Arbeit weiter vergrößert, die Nähe zum eigenen Werk aber noch deutlicher und klarer: "Gilles Deleuze schrieb: Wie läßt sich anders schreiben als darüber, worüber man nicht oder nur ungenügend Bescheid weiß? Gerade darüber glaubt man unbedingt etwas zu sagen zu haben. Man schreibt nur auf dem vordersten Posten seines eigenen Wissens, auf jener äußersten Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwissen trennt und das eine ins andere übergehen läßt. Gemeinsam mit Félix Guattari notierte er: Die Anrufung des Kosmos ist durchaus keine Metapher. Klären: Die Deckungsgleichheit von Medium und Botschaft bei Deleuze und Guattari. Der ergebene Kniefall der elektronischen Musik vor den beiden. Der Kniefall der beiden vor Friedrich Nietzsche; ihr Entwurf einer kosmischen Philosophie nach seiner Art. Deleuze, wie er Nietzsches Text Der Wanderer für die Electronique Guérilla LP der französischen Band Heldon einsprach, wiederveröffentlicht als Happy Deterritorializations Remix auf der Doppel-CD In Memoriam Gilles Deleuze, erschienen bei dem Frankfurter Mille Plateaux Label, dessen Existenz sich auf das gleichnamige Buch von Deleuze und Guattari stützt. Darin steht: Musik ist niemals tragisch. Musik ist Freude."

Die Protagonisten von "Musik", das Geschwisterpaar Karol und Kandis, sind streckenweise nur noch Lautsprecher (der in diesem Sinne freudigen, nietzscheanisch frohen) kunstvoll und sinnreich verknüpften Stränge, dieser Mischung aus Kulturessay, Reflexion und angewandter Kritik. Die Handlung, der kommunikative Akt, ist eingesponnen in Ansätze und Versatzstücke, die dem Werk die gelungene Rahmung zu geben vermögen. Bemerkenswert in diesem Strom aus Bewußtsein ist dabei - neben den bereits erwähnten Vorzügen - zweierlei: einerseits die Bewegung in einen theoretischen Raum, der ein Innehalten erlaubt (und dabei nicht ohne einen politischen Ort auszukommen glaubt, wenngleich er diesen auch nicht ständig explizit macht), andererseits die bereits angedeutete, produktive Rezeption nietzscheanischer Aspekte bezüglich Gender und Popkultur. In diesem Fließtext, dem liquiden Springen und Assoziieren, kann mancher Schlenker des Romans - und die Bezeichnung ist keineswegs ironisch gemeint - ein wenig überzogen wirken; läßt man aber den Text in all seiner Macht einströmen, wird man als Leser belohnt, beglückt und zur (Wider)Rede eingeladen.

Thomas Ballhausen

Sachdienliche Hinweise:


Lies "Musik" von Thomas Meinecke und "Mustererkennung" von William Gibson. Leg eine alte Lieblingsplatte auf und überdenke dein Bild von der Wirklichkeit.

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