Kolumnen_Miststück der Woche II, Pt. 58

Scouting For Girls: "I Wish I Was James Bond"

Wieder einmal wird ein Bubentraum von globaler Gültigkeit in eine Melodie gegossen, die adoleszenten Jungmännern jeden Alters gefällt. Manfred Prescher ist da keine Ausnahme.    06.04.2009

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Wie heißt das geflügelte Wort in Wolf Haas´ Brenner-Moritaten? Richtig: "Jetzt ist schon wieder was passiert." Genau dieser Satz trifft auch auf die "Miststück"-Reihe zu. Allerdings ohne dieses zeitliche und negativ numerische "schon wieder". Denn bis dato war auf mein Gedächtnis absolut Verlaß. Kollege Chefredakteur und zwei treue Leser wiesen mich allerdings drauf hin, daß ich vor kurzem, genauer in der Kolumne "II, Pt. 56", meine eigenen Vorgaben ignoriert und eine Formation zum zweiten Mal "abgehandelt" habe.

Ich konnte es kaum glauben, versenkte mich aber zur Recherche zuerst in mich und dann in die staubigen Tiefen des EVOLVER-Archivs. Das Ergebnis war erschütternd: Die Pet Shop Boys haben zwei "Miststücke" spendiert bekommen. Es handelt sich meines Erachtens allerdings um einen Gesetzesbruch der harmloseren Art; wenn jemand das doppelte Wörtchen verdient hat, dann ist es das dynamische Poppers-Duo.

Ganz sicher ist nun aber, daß Scouting For Girls noch nie in dieser Kolumne oder überhaupt auf den geschmacksbildenden Seiten alloverthere vorgekommen sind. Auf der Bildfläche unseres musikalischen Bewußtseins ist die bereits 2005 gegründete Formation aus London nämlich erst seit kurzem klar und deutlich sichtbar geworden. Die Band ist so neu, daß Sony das Debütalbum zum vergleichsweise niedrigen "Kennenlernpreis" verscherbelt.

Aber was heißt hier "Formation"? Im Prinzip steht hinter dem begehrlichen Namen ein Mann, nämlich Neville Roy Francis Stride. Der holte seine Kumpels Greg Churchouse und Peter Ellard ins schön schaukelnde Power-Boot - gemeinsam sucht sich´s halt leichter nach den Mädels. Im Herbst 2007 wurde die erste EP veröffentlicht, die dank des üblichen Hype-Zirkus der Insulaner auch in die britischen und irischen Charts kam. Ob Scouting For Girls tatsächlich die Kaiser Chiefs des Jahres sind oder nur die Kooks des Monats, ist schwer zu sagen, spielt aber auch keine Rolle, genauso wie das Signet "Postpubertärer Punk", das ihnen angeheftet wurde.

Eigentlich ist das Trio ja genauso wenig oder viel Punk wie alle jungen Bands dieser Welt. Und jetzt verwandele ich mich in den alten Grantler aus der Mercedes-Werbung. Der soll nämlich den nächsten Schwiegersohn in spe kennenlernen und geht davon aus, daß dieser "wieder ein Hippie" ist. Was kommt, ist ein geschniegelter, gebügelter Schlipsträger in einem edlen braunen E-Klasse-Benz. Doch als Vaters Auge auf den Schriftzug "Blue Efficiency" fällt, weiß er Bescheid. Tochters Neuer IST wieder ein Hippie. Und irgendwie drängt sich mir beim Hören der Scouting-CD ebenfalls der Verdacht auf, daß sich die Jungs mit ihrer Kurzhaarfrisur und den recht schnörkellosen Riffs nur tarnen. Auf jeden Fall sind die Londoner sehr altmodisch, kein bißchen innovativ oder wenigstens trendy. Aaaaber: Spaß machen sie - vielleicht nur hier und heute, vielleicht auch nur in den nächsten drei Minuten - auf jeden Fall.

 

Roys Sätze, hinter denen (fast) alle Männer stehen, die mit Moore und Connery aufwuchsen, lauten "I wish I was James Bond just for the day/Kissing all the girls/Blow the bad guys away." Was waren das aber auch für Zeiten: Ich hatte den silbernen Aston Martin DB5 aus "Goldfinger" (Corgi Toys´ legendäre No. 261), natürlich mit Schleudersitz und der praktischen Bewaffnung aus dem Hause Q. Und die Bond-Girls weckten die ersten Frühlingstriebe, um es mal poetisch auszudrücken. Welche Verheißung verspricht allein der Name Pussy Galore? Daß 007 in meinem Lifetime-Lieblings-Bond "Im Geheimdienst ihrer Majestät" die große Emma Peel heiraten durfte, fand ich schon als Steppke richtig scharf.

Meine eigene Pubertät begann aber ureigentlich nicht mit Connery und Lazenby, sondern mit Roger Moore. Lord Brett "The Saint" Sinclair ist für mich der Beste unter den Guten, und Scaramanga der Beste unter den Bösen. Scouting For Girls sind ihrerseits wohl eher durch Pierce Brosnan sozialisiert, doch an der pädagogischen Bedeutung des Mannes mit der Lizenz zum Töten, Trinken, Spielen, Flirten und Vögeln auch für die Generation der heute 20jährigen läßt sich nicht zweifeln. Ob allerdings die Grundschüler von heute irgendwann durch Daniel Craig in ihrer Männlichkeit bestärkt und von ihm geprägt werden, sei dahingestellt. Es ist auch nicht sicher, ob das so gut wäre, da es dem neuen Bond an Manieren, Stil und Coolness mangelt. Für uns, die wir immer wie Sean, Roger oder meinetwegen auch Timothy und Pierce sein wollten, hält das schwungvolle "I Wish I Was James Bond" ein Quantum Trost bereit. Der Song wirkt, wenn die persönliche Welt wieder am Abgrund steht, der Morgen nicht genug ist oder man mal wieder ahnt, daß man eben nicht zweimal lebt.

Ganz im Gegensatz übrigens zu Pete Doherty, der mindestens 20 Leben zu haben scheint. Im nächsten "Miststück" wird es um das famose Solowerk der Skandalnudel und eine erstaunliche Nähe zu Ray Davies gehen.


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Scouting For Girls - Scouting For Girls

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