Kolumnen_Miststück der Woche - V/007: Lost In Translation

Vvaves: "5 Of Your Exes"

In jungen Jahren darf man sich noch um die kleinen Details kümmern, zum Beispiel um die Frage: "Was denken eigentlich meine Exen von mir, und was denke ich von ihnen?" Das Thema verläuft sich später dann fast zwangsläufig in einem Strudel aus Anpassungs- und Täuschungsmanövern. Bis dahin kann man nette Popsongs über die Verflossenen schreiben - findet Manfred Prescher.    26.02.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


Man stelle sich eine Situation vor, die aus einem Tom-Waits-Song stammen könnte - und genau das, bei aller Vertrautheit, auch tatsächlich tut: "Well, he came home from the war/With a party in his head." Man kommt im vertraut-verstaubten Städtchen an, sucht Ruhe, Frieden und Zerstreuung. Aber der Ort birgt so viele Erinnerungen, und noch dazu liegen in den Kellern einige der sprichwörtlichen Leichen herum, daß das Daheim-Ankommen so gar keine Freude ist. Allerdings hat sich baulich einiges verändert, sodaß sich die Vertrautheit mit Verwunderung mischt. Oder anders ausgedrückt: Als ich das letzte Mal in meine Heimatgemeinde zurückkam, erkannte ich, daß sich viele Dinge verändert hatten. Vor allem hatten sich die Leute verändert, und ich dachte lange darüber nach, ob sie sich zum Guten oder doch eher zum Schlechteren hin entwickelt hatten. Meine Überlegungen gipfelten in der Feststellung, daß sich die Menschen eigentlich überhaupt nicht verändert hatten - und diese Erkenntnis sorgte dafür, daß sich die Verwunderung in Schwermütigkeit verwandelte. Schließlich hatte ich auch noch einen seltsamen Traum, der dazu führte, daß ich ganz Waits-mäßig wieder einmal meinen getuneten Brougham DeVille startete und das Weite suchte.

 

In diesem Traum saßen die fünf "Exen", die mir am Wichtigsten waren und deren Liebe ich ausgeschlagen, zerstört oder zumindest weggeschoben hatte, an einem langen Tisch und hielten über mich Gericht. Die Szene erinnerte schon irgendwie an das Begräbnis von Charlie Sheen in "Two And A Half Man", von wegen "wenn weg, dann weg". Natürlich schmeichelte es auch, daß mir soviel Raum zugestanden wurde, aber irgendwie erschien das Ganze dann doch so befremdlich, daß ich mitten im Traum erstmal ein Glas Kilkenny brauchte. Und dann floh ich über das Kuckucksnest meiner Beziehungen.

Die Quintessenz der ominösen Verhandlung findet man nun in einem Song der gerade mal 24 Jahre jungen Kanadierin Emma Sophia Rosen, die sich obskurerweise Vvaves nennt und deren Künstlername daher bei der Ansage im Sender Freies Dingenskirchen wahrscheinlich gestottert werden muß. Dabei ist Emma Sophia Rosen so ein schöner Name, finde ich. Aber Popmusik darf auch künstlich angelegt sein, so wie der Name - und wie die Geschichte, die ich euch oben aufgetischt habe. Sie paßt aber eben doch zu einem Song, in dem Frau Vvaves aus Sicht einer Frischgetrennten beschreibt, was die "Exen" von ihrem abgelegten Lover halten. Nebenbei erfährt man, was sie über ihre Vorgängerinnen denkt - "and they all seem pretty cool". Das weiß der Mann vermutlich auch ohne diesen Hinweis, denn unter "pretty cool" macht er es ja nicht.

Nur die dann anstehende Verschwesterung mag ihm nicht wirklich ins Feng Shui passen. Denn erst die hat zur Folge, daß man überhaupt über ihn zu Gericht sitzen kann: "I know 5 of your exes/They all told me you´re bad news/Man, I should´ve seen it coming/When you walked into the room." Damit ist dann wenigstens die anläßlich des Scheiterns üblicherweise gestellte Frage nach der Schuld beantwortet. Man stottert "V-v-vaves, ich hab´ d-d-doch ..." und vertrollt, verzupft oder schleicht sich - je nach sprachlicher Präferenz. Erst später kommt es hin und wieder vor, daß das Gedächtnis dem Mann ins Gedächtnis ruft, daß er doch von mindestens drei ihrer "Exen" auch eine Handynummer im virtuellen Telefonbuch abgespeichert hat. Aber er ruft nicht bei den Kerlen an, denn erstens sind die anderen ebensolche Backpfeifengesichter wie er selbst, und zweitens gibt es - wie im "Hohelied der Liebe" in der Bibel und bei den Byrds beschrieben - für alles ein passendes Zeitfenster. Und das ist nicht erst zu, seit die elektrischen Fensterheber im Brougham DeVille die Außenwelt draußen lassen.

 

 

Während nun Vvaves das grantige Finale einer Beziehung in einen Popsong packt, könnte der Mann Geschichten voller Liebe schreiben - etwa ein Weihnachtsmärchen von der Größe von "Ist das Leben nicht schön?" oder "Babes In Toyland". Da kann er dann gleich die Erkenntnisse, die er bei den Seminaren zur "gewaltfreien Kommunikation" nach Hans Rosenthal gewonnen hat, in wunderhübsche Sentenzen voller Zärtlichkeit verwandeln, was zu Weihnachten auch verkaufsfördernd sein kann. Übrigens hat das Webportal Rotten Tomatoes "Lethal Weapon" zu einem der 55 schönsten "Christmas Movies" aller Zeiten gewählt ...

 

Aber zurück zu Vvaves. Die ist nicht mit Hans Rosenthal verwandt, sondern ihr Vater ist der über das Redaktionsumfeld der Zeitschrift "Art" hinaus bekannte Künstler Jeff Rosen. Vielleicht mußte sie dem Einfluß des Daddys entgehen, also ihren eigenen künstlerischen Weg finden - und deshalb nach Deutschland ziehen? Gut, für einen Ortswechsel hätte es auch noch andere Optionen gegeben, meinetwegen Norwegen oder Österreich, das ist mir gleich. Aber nun ist sie da - und macht gleich auch noch mit diesem Felix Jaehn herum. Das ist übrigens leider nicht der Mann, der anno Schnupftabak Hammer und Sichel im Weltall versteckte. Der hört nämlich auf "Sigmund" und heißt mit Nachnamen etwas schlichter "Jähn". Der andere Jaehn ist DJ beziehungsweise Remixer, sprich Computerfachmann. Als solcher hat er nicht nur Vvaves´ zweite Single "Alive" durch die Software gejagt, sondern die Künstlerin gleich noch mit auf Tour durch die Clubs genommen.

Gut, das Letztgeschriebene kann man jetzt doch auch falsch verstehen, also setzt hier die Autorkorrektur ein: Felix und Vvaves sind gemeinsam aufgetreten und haben sich die Bühnen geteilt, was der jungen Frau aus Halifax zu einem kleinen Karrieresprung verholfen hat. Eigentlich steht die Künstlerin zwar eher auf Taylor Swift oder Kiiara, aber die Damen waren wohl nicht abkömmlich. Eine allzugroße musikalische Nähe zu diesen Stars kann ich noch nicht erkennen, dafür ist das Œuvre von Vvaves einfach noch zu schmal - vier virtuelle Singles hat sie erst herausgebracht, und "Five Of YourExes" ist die letzte davon. Aber ich kenne ihre Vorlieben, denn die lassen sich über die persönliche Spotify-Playlist von Frau Rosen nachvollziehen.

Ich höre übrigens gern durch die Musiksammlungen anderer Leute und erinnere mich, daß ich den "Miststück"-Lesern auch schon mal eine persönliche Liste serviert habe. Anläßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten zur 250. Kolumne ließ ich im September 2013 meinen iPod im Shuffle-Mode rotieren. Was das Gerätchen hervorzauberte, stellte ich euch dann in einem Text vor. Genau das mache ich bald noch einmal; in zwei Wochen werde ich das Procedere wiederholen. Dann steht nämlich die 375. Ausgabe des "Miststücks" ins EVOLVER-Haus. Allerdings staubt der iPod irgendwo in einer Schublade vor sich hin und ist außerdem schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr aufgefüllt worden. Also werde ich dieses Mal den schwedischen Streaming-Konzern herumshuttlen lassen. Zu irgendwas muß Spotify ja gut sein - immerhin verwalten die über 7.000 Liedlein für mich.

 

Nächste Woche stelle ich euch einen Mann vor, der irgendwie der künstlerische Nachfahre von Leonard Cohen sein könnte. Aber natürlich tut man ihm mit diesem Stigma Unrecht, da Dan Bejar von The Destroyer erstens eigenwillig und eigenständig ist und zweitens selbst schon ewig plus drei Tage lang aktiver Lyriker. In Kürze erscheint das 12. Destroyer-Album - und ich werde euch den Dan mal vorstellen. Also einfach nächsten Mittwoch wieder auf EVOLVER.at klicken. "Five Of YourExes" habt ihr bis dahin entweder massiv im Ohr oder schon wieder vergessen. Das ist das Los von Popsongs, während "Exen" praktisch immer irgendwelche Spuren hinterlassen.

Manfred Prescher

Vvaves: 5 Of Your Exes

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Universal Music 2020

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