Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 25

Der Unvollendete

"Nimm dir nur keinen Hallodri!" warnen Mütter seit je ihre heiratsfähigen Töchter - und öffnen damit tödlichen Langweilern Tür, Tor und Ehebett. Mit einem Spitzbuben wär´s garantiert nie so fad geworden.    16.03.2020

Ich hatte einst zwei Großonkel - den Onkel Fritz und den Onkel Karl.

Beide wohnten mit ihren Gattinnen im selben Haus, unweit von dort, wo ich jetzt wohne; der Fritz hinten, wo er auch seine Werkstatt hatte, der Karl auf die Straße hinaus. Als ich sie richtig kennenlernte, waren sie längst in der Pension. Der Fritz war früher Handwerker, bastelte jetzt noch daheim herum und saß ansonsten am Küchentisch, Kreuzworträtsel lösen. Er ging nicht mehr viel aus dem Haus, seit er eines Nachts, im tiefsten Winter, einmal in die offene Kinettn gefallen ist, nicht mehr nüchtern natürlich, und fast derfroren wär, wenn ihn nicht eine Nachbarin gfunden hätt. Wegen dem vielen Sitzen hat ihn dann auch seine Frau überlebt, aber den Onkel Fritz hats sowieso nimmer recht gfreut, wie die Verwandtschaft wußte.

Der Koarl hingegen war mehr der Lebenskünstler ... und irgendwann ein Witwer, weil Lebenskünstler leben länger. Daß er allein war, hat ihn traurig gemacht, aber trotzdem nicht zwider. Er war nämlich ein richtiger Spitzbua, wie es in Wien hieß, bevor sich auch hier das RTL-Trotteldeutsch breitgemacht hat.

Der Spitzbua zeichnet sich dadurch aus, daß er keinem schlechten Witz und keiner depperten Bemerkung aus dem Weg geht - obwohl er es nie bös meint, weil er ja kein Oa... ist. Genausowenig schafft er es, sich bei hübschen Frauen einzubremsen: er muß ihnen einfach zuzwinkern und sie ein bissl anbraten - aber er kommt ihnen sein Lebtag ned auf unguat oder will sie gleich niederreißen. Weil: Hurenbock ist er auch keiner. Und es versteht sich fast von selbst, daß er auch ein Seidl oder ein kleines Schnapserl nicht unbeaufsichtigt umanandastehn laßt; dazu muß man ja kein Alkoholiker sein, sondern nur gelegentlich einen Durscht haben.

Auf die Art hat der Onkel Koarl seinen Lebensabend gestaltet. Er wachte in seiner einsamen Wohnung auf, borgte sich den Schäferhund von einem maroden Nachbarn aus und ging mit dem Tier äußerln. Vier Stunden lang. Von einem Wirtshaus ins nächste, immer auf ein Achtl rot und ein paar blede Schmäh. Und wenn er dann gegen Mittag halbwegs angflaschlt war, suchte er hungrig seine Schwester - also meine Großmutter - auf. Kochen konnte er nämlich (wie sich das für einen Spitzbuam gehört) höchstens ein Wasser, und das Menü im Wirtshaus war ihm zu teuer; um des Geld täten sich glatt noch ein paar Achtln ausgehen.

Die Oma, die sowieso den halben Tag in der Küche verbrachte (damals fingen Erwachsene erst am Abend zum Fernschauen an, nach dem Betthupferl), kochte für sich und den Koarl auf und verbat sich ansonsten seine hirnrissigen Witz, bitteschön. Eben aus dem Grund konnte er es nicht lassen, sie zu heckln, eh jeden Tag mit denselben Meldungen, zu seinem Gaudium und dem der zufällig Anwesenden, oft halt uns zwei Großneffen, wenn wir grad da waren. Natürlich hatte der Koarl immer ein Scherzwort für uns übrig (auch meistens dasselbe) und erzählte sonst gern, wie er seine berühmte Erfindung gemacht hatte, in der Hitlerzeit, und deswegen vom Dienst an der Front befreit war. Genau erfuhren wir nie, was für eine genial kriegswichtige Sache er seinerzeit ersonnen hatte, aber vor ein paar Jahrzehnten hatte sowieso praktisch jeder ältere Verwandte irgendwann einmal was erfunden, was irgendwem anderen viel Geld eingebracht hat, aber ihm selbst - dem Erfinder - A. gestohlen, B. vom Chef um ein paar Kreuzer abgeluchst oder C. vom Patentamt abgelehnt worden ist. So war das früher, die Leute waren gescheiter, nicht so wie jetzt, wo das durchschnittliche Telefon seinen Besitzer an Intelligenz weit übertrifft.

Wenn bei der Großmutter irgendwas zu reparieren war, zum Beispiel der verstopfte Abfluß, weil sie dauernd die Essensrestln und Erdäpfelschalen in der Abwasch versenkte, war der Koarl sogleich zur Hand. Er wollte ja nicht undankbar sein und schon gar nicht als unpraktischer Mensch dastehen. Also wütete er mit dem Gummipömpel aus dem Klo über dem Abfluß, daß das Dreckwasser nur so durch die Küche spritzte, hörte nach fünf Minuten schweratmend auf und sagte zufrieden: "Glernt muaßt wos habn!" Die Verstopfungssituation war danach völlig unverändert, das Wasser stand immer noch, und die Oma mußte den Installateur holen. Aber da war der Onkel Koarl schon längst daheim und schlief das Nachmittagsschlaferl des Gerechten. Weil bei einem Spitzbuam genügt´s, daß er´s probiert – schaffen kanns eh a jeder.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte nach Jahrzehnten in seiner Geburtsstadt Wien 18 Monate lang auf dem Land - oder noch schlimmer: in einer Kleinstadt. An der Donau. Als er dann eines Besseren belehrt nach Wien zurückflüchtete, stellte er sich der Aufgabe, das Volk da draußen über das (provinzielle) Leben in der Metropole zu unterrichten.

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 31

Mist you!

Solange der wirtschaftliche Aufschwung auf sich warten läßt, können Sie sich ja in der guten alten Tradition des Miststirlns üben. Das spart nicht nur Geld, sondern ist auch lehrreich. Nicht nur für Kolumnisten.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 30

Auf der Suche nach der vergorenen Zeit

Das mit den guten Vorsätzen war auch heuer schnell vorbei. Schon ein paar Tage nach Silvester fand sich unser Kolumnist in einem Wirtshaus wieder, um die Mysterien des Alkoholismus zu ergründen.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 29

Wiener Wohnen

Der durchschnittliche Stadtbewohner hat nur vier Wände - statt ein ganzes Haus mit Carport und Gemüsegarten. Aber in denen kann er wenigstens seinen Wahnsinn ausleben, ohne daß ihm dauernd wer nachspioniert.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 28

Tage wie Pisa

Manchmal geht einfach alles schief. Verstehen Sie? Schief ... wie der Turm. Aha! Na endlich. Blitzkneißer. Und jetzt Schluß mit der Fragerei. Das Leben ist schwierig genug - selbst für geduldige Stadtbewohner.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 27

Früher, statt Halloween ...

"Ich geh´ nicht gern auf Friedhöfe - die deprimieren mich so!" hört man immer öfter aus imbezilem Mund. Da man die Leute aber blöderweise nicht im Keller der Therapeutin verscharren kann, ist zu Allerheiligen der Weg vorgezeichnet.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 26

Der Ruf der Sirene

"Es wird doch nix passiert sein?!" sagt der Wiener mit ängstlich-lüsternem Blick, wenn zwei, drei Rettungen an seinem Fenster vorbeirasen. Dabei sollte er längst wissen: In der Stadt ist immer was passiert.