Musik_Haydn und Händel an der Wien

Klassik für Entdecker

Mit Händels "Saul" konnte der deutsche Regisseur Claus Guth dem Wiener Publikum die zweite szenische Umsetzung eines Oratoriums von Händel vorstellen. Die konzertante Aufführung von Haydns "Armida" war eine weitere musikalische Entdeckungsreise.    14.03.2018

Das biblische Oratorium "Saul" ist eigentlich bezeichnend für die Person Georg Friedrich Händels und die Geschichte des Komponisten. Eigentlich handelt es sich um ein kommerzielles Werk, das den wirtschaftlichen Erfolg des Komponisten einigermaßen sichern sollte. Händel war damals mit dem Londoner Haymarket Theatre als selbständiger Unternehmer letztlich dem Geschmack (und den Brieftaschen) des Publikums "auf Gedeih und Verderb" ausgeliefert. 

Man kann auch guten Gewissens behaupten, daß um 1739 - das Uraufführungsjahr von "Saul" - die italienische Oper selbst in der Krise war und die Komponisten bemüht sein mußten, dem Publikum musikalisches Futter zu liefern. Regisseur Claus Guth lag also gar nicht so falsch damit, die Oratorien in eine bewegte Szenerie zu setzen - nichts anderes wollte das Publikum: Abwechslung, Kurzweil, einfach nur Unterhaltung.

 

Nach dem "Messias" aus dem Jahr 2014 ist "Saul" die zweite dramaturgisch gefaßte Erzählung eines biblischen Stoffes (Anm.: Bücher Samuel) - und die gelingt Händel hier phänomenal. Mit neuen Mitteln und vielen Klangfarben (so etwa einem Glockenspiel) versteht es der Komponist, hier (im Gegensatz zu vielen seiner anderen Werke) echte Zerstreuung und eine originäre Klangsprache zu erzeugen. So war der Trauermarsch im dritten Akt (mit Holzbläsern, Posaunen, Trompeten und in Pianissimo gehaltenen Pauken) im Hinblick auf die damalige Zeit fast singulär.

Regisseur Claus Guth nutzte wie immer mit Vorliebe die Drehbühne des Theaters an der Wien und erzeugte auch mit seiner gelungenen Personenführung und starken Bildern eine berauschende Wirkung. Kongenial waren das Freiburger Barockorchester, Dirigent Laurence  Cummings und die bravourösen Solisten. Zu Recht entschied die Intendanz für eine Wiederaufnahme in zwei Jahren; diese Aktion wäre übrigens auch für andere Aufführungen des Hauses angebracht.

 

Wenn René Jacobs zu szenischen oder konzertanten Aufführungen einlädt, darf man immer eine Entdeckungsreise der besonderen Art erwarten. Auch dieses Mal - bei Joseph Haydns "Armida" - enttäuschte er die Erwartungen nicht. Obwohl das Stück vor allem am Anfang zeitweise sperrig klingt, schaffte es der Dirigent und ehemalige Countertenor immer wieder, eine besondere Atmosphäre zu erzeugen.

 Jacobs macht alle seine Aufführungen zu einer persönlichen Angelegenheit; mit gewaltigem Engagement und einer persönlichen Emphase stürzt er sich regelrecht in sämtliche Projekte. Er versteht sich vor allem als Anwalt des Komponisten. Das hat er diesmal mit einer sympathischen Geste bewiesen, als er sich nach den letzten Takten mit der Partitur in der Hand zum Publikum wandte und deutlich auf den Namen Haydn zeigte.

Haydn war nie ein großer Opernkomponist; "Armida" zählt jedoch angeblich zu seinen besten Werken (wer immer das auch beurteilt hat). In Wirklichkeit ist die Oper, die seiner späteren Schaffensphase zuzuordnen ist, zeitweise recht mühsam zu verfolgen. Erst gegen Schluß offenbarte sich eine mitreißende musikalische Dramaturgie - ob das für ein Meisterwerk reicht, sei dahingestellt.

Auf jeden Fall machten der Maestro und seine Sänger an diesem Abend ein Fest aus dem Stück des Rohrauer Komponisten. Hoffentlich läßt der Dirigent sein Publikum nicht zu lange auf weitere Entdeckungsreisen warten.

Herbert Hiess

Joseph Haydn - Armida

ØØØØØ

Dramma eroico in drei Akten

Leserbewertung: (bewerten)

Solisten: Brigitte Christensen, Thomas Walker u. a.

 

Kammerorchester Basel/René Jacobs

 

konzertante Aufführung am 21. Februar 2018 im Theater an der Wien

Links:

Georg Friedrich Händel - Saul

ØØØØØ

Oratorium in drei Akten

Leserbewertung: (bewerten)

Solisten: Florian Boesch, Jake Arditti, Anna Prohaska, Giulia Semenzato u. a.

 

Regie: Claus Guth

 

Arnold Schoenberg Chor

Freiburger Barockorchester/Laurence Cummings

 

Theater an der Wien

 

Premiere: 16. Februar 2018

Reprisen: 18., 20., 23., 25. und 27. Februar 2018

 

Photos: © Monika Rittershaus

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