Musik_CD-Tips KW 33/07

Yo! Bum Rush The Show!

Zweimal kommen die späten 80er bzw. die frühen 90er zurück - und einmal zeigt eine junge Lady, daß Vergangenheit und Gegenwart bestens zusammengehen.    17.08.2007

Manfred Prescher

Kate Nash - Made Of Bricks

ØØØØ

Island GB (GB 2007)


Vor kurzem habe ich mich noch über den Plattenfirmenkonzern Universal Music gewundert und diese Verblüffung in einem "Miststück" festgehalten (siehe Link): Zum einen jammert die Tonträgerindustrie nämlich über sinkende CD-Verkäufe und illegale Downloads, zum anderen enthält sie den potentiellen Käufern sogar Songs vor, die sich in "Kernmärkten" als echte Hits erwiesen haben - so wie "Foundations", den wunderschönen Ohrwurm der jungen Britin Kate Nash. Woche um Woche rangiert der Song nun schon in der Spitzengruppe der UK-Charts, und das völlig zu Recht.

Kate Nash ist überaus talentiert und gewitzt, auch im Umgang mit verschiedenen Steilvorlagen. Die reichen von Joan Armatrading über Blondie bis zu Laurie "O Superman" Anderson. Das Album zum Erfolg steckt also voller hübscher Ideen. Nash verbindet radiotauglichen Pop der intelligenteren Sorte mit meist passenden, nicht allzu gewöhnlichen Sound-Spielereien. Sie schafft es auf ihrem Debüt tatsächlich, auf allzu klebrigen Kunsthandwerk-Schmock zu verzichten und die Songs nicht kaputt zu arrangieren.

Das Ergebnis macht meist richtig Spaß: "Nicest Thing", "Shit Song", das charmante "Birds" oder eben "Foundations" werden uns den Spätsommer auf höchstem Niveau versüßen. Universal Music Deutschland/Österreich wird davon nichts mit- oder abbekommen: "Made Of Bricks" macht als Import die Runde, für den deutschsprachigen Raum steht ein offizieller Veröffentlichungstermin noch in den Sternen. Aber wie sangen schon die Ärzte? "Doch dann ist es zu spät ..."

Links:

Phillip Boa & The Voodooclub - Faking To Blend In

ØØØ

Motor Music/edel (D 2007)


Der Dortmunder Ernst Ulrich Figgen, besser bekannt als Phillip Boa, könnte Kate Nashs Vater im musikalischen Geiste sein. Bereits in den 80ern war er mit Popsongs erfolgreich, die zwar eingängig waren, sich aber doch konsequent der Vereinnahmung durch die Mega-Massen entzogen. Man nannte diese Post-Punk-Pralinen damals "Indie-Pop" - und das auch, nachdem Boa mit Partnerin Pia Lund und seinem Voodooclub zur Industrie gewechselt war. Zwischen 1985 und 1995 entstanden einige Platten, die tatsächlich zeitlos sind, etwa "Copperfield", "Hispañola", "Philister" oder "Hair".

"Faking To Blend In" schließt exakt an diese Alben an und bietet die typischen Boa-Beats, elektronische Melodiebögen und immer noch sehr eingängige Melodien, etwa bei der Talking-Heads-Reminiszenz "Sleep A Lifetime" oder bei "In Today´s Parties". "Girl Is A Runner" und "Drinking And Belonging To The Sea" sind echte Hits, natürlich mit dem dynamischen Duo Boa/Lund. Obwohl nicht alles Gold ist, was da so glänzt ("Collective Dandyism"), ist dieses renovierte Stück 80er Jahre doch recht schön geworden.

Links:

Public Enemy - How You Sell Soul To A Soulless People Who Sold Their Soul???

ØØØ 1/2

SLAMJamz/Import (USA 2007)


Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, also zwischen 1987 und 1994, waren Chuck D., Flavor Flav, Professor Griff und Terminator X nicht nur eine innovative Hardcore-Rap-Crew, die mit wirklich genialen Alben ("Yo! Bum Rush The Show", "It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back" oder "Fear Of A Black Planet") aufwartete - sie waren auch das musikalische Aushängeschild der Black Muslims. Da fragte man sich schon, ob Weiße überhaupt Fans des "Terrordome" sein durften.

Natürlich wird nichts so heiß gegessen, wie es vorher gekocht wurde - und so erwiesen sich PE in zwei Interviews als witzige und intelligente Gesprächspartner. Da antwortete etwa Flav auf die Frage, ob es ihn störe, vor weißen Mittelstands-Kids aufzutreten: "Überhaupt nicht, die werden über kurz oder lang unsere Sklaven." Dann lachte er, klopfte mir auf die Schulter und hängte mir seinen legendären Wecker um. Währenddessen philosophierte Chuck D. über Gleichberechtigung - so wie er das immer noch tut, auf Soloalben wie "Autobiography Of Mistachuck" und gemeinsam mit PE, seit Jahren aber konsequent über das Internet und mit einer eigenen Plattenfirma.

Das aktuelle Album mit gewohnt langem Titel ist das beste und knackigste seit Ewigkeiten, mit den typischen Fiepstönen und einer Sample-Kultur, die wir so seit 1995 nicht mehr gehört haben. Aggressiv sind PE immer noch. Mit "Between Hard And A Rock Place", "Eve Of Destruction" oder "Bridge Of Pain" feiert die Rock-Fusion neuerlich fröhliche Urständ. Flav bekommt auch wieder sein Spaßsolo, und in "American Gangster" wird mit einem bestimmten Obergauner abgerechnet. Public Enemy sind genau da, wo wir sie vor mehr als zehn Jahren aus den Augen verloren haben. Trotzdem wirkt das 19-Track-Rap-Brett frisch. Das liegt wohl daran, daß PE auch heute noch kraftvoll zupacken können.

Links:

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